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Zocker-Report : Zocker hoffen auf Besserungen

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Das Gezocke mit Börsenmänteln scheint langsam dem Ende zuzugehen. Angesagt sind Unternehmen, die sich gerade aus dem Gröbsten herausgearbeitet haben und auf den Durchbruch hoffen lassen.

          Blickt man auf die Hitliste der Aktien des Monats November, kann man sich eigentlich nur freuen. Endlich zeigen sich fast durchweg neue Favoriten jenseits der ausgetreten Pfade.

          Wer lieber am Bekannten hängt, kann sich immerhin damit trösten, daß auch im November die Aktie der insolventen Mauser-Waldeck wieder einen Kursanstieg von 58 Prozent hingelegt hat. Nicht daß es irgend etwas Neues gäbe, ach wo. Vielleicht liegt es ja daran, daß sich der Insolvenzantrag am vergangenen Samstag zum dritten Mal jährte.

          Solar-Phantasie begründet alles

          Doch die Herrlichkeit könnte demnächst zu Ende gehen - ebenso wie der Gesprächsstoff in den Foren. Ihr Drei-Jahres-Hoch markierte die Aktie am 11. November bei zwölf Euro, seitdem hat sie über 20 Prozent verloren und liegt nun - verzeihung - mausertot auf dem Kursniveau von 9,49 Euro.

          Daß Konkurse gut für's Geschäft an der Börse sind, zeigt der Hauptgewinner des Monats. 103 Prozent ging es für die Biltrain AG nach oben. Dem ostdeutschen Bildungsunternehmen, das hauptsächlich von der Arbeitsagentur geförderte Umschulungsmaßnahmen durchführte, wurde Hartz IV zum Verhängnis. Die Gelder der Agentur blieben praktisch über Nacht aus. Doch die Rettung kam in Gestalt der Übernahme durch die P&T Technology (demnächst EECH Group) AG, die als neuer Hauptaktionär eintrat und ein Pflichtangebot vorlegen will (Mantel-Spekulation treibt Biltrain-Aktie in die Höhe).

          Eine andere Frage ist, ob so etwas einen Kurssprung auf 1,20 Euro rechtfertigt, wo Biltrain derzeit notiert. Kaum jemand weiß, was in den Bilanzen von Biltrain wuchert, und was die P&T mit Biltrain anstellen wird, darüber läßt sich auch nur spekulieren. Gerüchte werden kolportiert, wonach ein Solarunternehmen in den Börsenmantel eingebracht werden soll.

          Woher der Tratsch das nimmt, kann man nicht so recht sagen. Möglich ist indes vieles. Und außerdem ist das Stichwort „Solar“ immer gut für einen Schubs nach oben. Neuer Markt, wir haben Dich wieder!

          Nur für geladene Aktionäre: Krefelder Hotel

          Überhaupt waren angeschlagene Unternehmen im November en vogue. Der Kurssprung der Stammaktien der unter Druck stehenden Vogt Electronic kam durch ein großzügiges Übernahmeangebot der japanischen Sumida zustande (Reizvolles Übernahmeangebot für Vogt Electronic), das einen eleganten Ausstieg ermöglicht.

          Ein ebensolcher könnte auch bei der Krefelder Hotel AG bevorstehen. Einstmals betrieb das Unternehmen das Hotel Krefelder Hof in eben derselben Stadt. Doch die Geschäfte liefen nicht so gut. Zuerst wurde das operative Geschäft an die Dorint-Gruppe verpachtet, aber Renovierungsarbeiten hinterließen Schleifspuren in der Bilanz, die das Insolvenz-Gespenst am Horizont aufziehen ließen.

          Mittlerweile ist das Hotel verkauft, vermutlich an die französische Accor-Gruppe, die auch Großaktionär der angeschlagenen Dorint-Gruppe ist. Der „Krefelder Hof“ ist jedenfalls seit nicht allzu langer Zeit ein Mercure Hotel. Damit sind die Schulden abgelöst und das Unternehmen hat 10,6 Millionen Euro liquides Vermögen, von denen aber zehn Millionen an den Großaktionär der Gesellschaft ausgereicht wurden. Ohne Berücksichtigung von Steuereffekten sind das immerhin 378 Euro je Anteilsschein. Kein Wunder, daß dies die Aktie auf 350 Euro trieb. Doch der Schein trügt. Ganze 42.000 Aktien existieren, fast 95 Prozent befinden sich im Besitz des Mehrheitsaktionärs. Entsprechend waren die Umsätze. Eine Aktie genügte, um den Kurs nach oben zu treiben. Diese Angelegenheit ist intern.

          Der Anti-Ebay

          Aber es gibt noch Unternehmen mit guter Kursentwicklung, die sogar weder pleite sind noch kurz vor derselben stehen. Zum Beispiel Ricardo.de. Seit August hat sich das Papier von 1,64 Euro auf 13,20 mehr als verachtfacht und notiert damit auf einem Fünf-Jahres-Hoch. Zum Allzeithoch ist der Weg noch etwas weiter. Das lag Anfang 2000 bei 213 Euro.

          Dabei ist die ehemals in Deutschland bekannteste Auktions-Plattform heute nur noch eine Tochter der QXL Ricardo Plc, die im wesentlichen als Marktführer Ricardo.ch in der Schweiz betreibt. Das Geschäft läuft zwar sehr gut - aber eine Marktkapitalisierung von mittlerweile 110 Millionen Euro ist wohl ein bißchen ambitiös (Ricardo.de-Aktie läuft gut, wird aber riskant).

          Augusta läßt auf neuen Sommer hoffen

          Zu den Siegern mit einem Kursplus von 57 Prozent gehört auch die Aktie der LS Telcom, nachdem das kleine Telekommunikationsunternehmen die Ziele für das abgelaufenen Jahr übertreffen konnte. Allerdings ist das Papier wieder auf dem absteigenden Ast: Vom Ende der vergangenen Woche erreichten Hoch ging es bereits 22 Prozent abwärts - eine Korrektur, wie sie im Grunde zu erwarten war, da die Bewertung doch bereits einen etwas übersteigerten Optimismus zum Ausdruck brachte (LS Telcom-Aktie dürfte korrigieren).

          Groß im Kommen ist die Aktie die Augusta Technologie AG. Besser gesagt: sie ist mit 49 Prozent Zuwachs auf 7,70 Euro wieder da. Nach Kapitalherabsetzung, Debt-to-Equity-Swap, Vetrgleichen und Abschreibungen, besteht mit einem neuen Vorstandschef Hoffnung auf Besserung (Augusta läßt auf neuen Aktien-Sommer hoffen).

          Insgesamt bleibt es dabei. Gezockt wird unter dem Radar und dann bis zum Umfallen. Wenn ein Unternehmen gerettet wird, dann heißt es bei manchen Anlegern zuschlagen, koste es, was es wolle. Und weil sich etwas tut, steigen andere drauf ein. Die Sache wird zum Selbstläufer - ohne Bezug zu dem, was unterm Strich eigentlich Wert hat.

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