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Zocker-Report : Turn-Arounds ziehen Kurse nach oben

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Bild: FAZ.NET

Hoffnungen auf die Wende bei in Schwierigkeiten steckenden Unternehmen, waren Kursmotor Nummer Eins bei spekulativen Anlegern im September. Doch bisweilen scheint auch der Wunsch Vater des Gedankens zu sein.

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          Wer träumt nicht davon, daß sich seine Aktien innerhalb eines Monats verfünf- oder versechsfachen? Wer das haben will, der muß sich aber abseits von ausgetreteten Börsenpfaden bewegen und sich in das Dunkel der Halbwahrheiten und -garheiten begeben.

          Ein Blick etwa auf die größten Kursgewinner des abgelaufenen Monats zeigt einmal mehr: Nicht fördert Kurschancen mehr als ein Konkurs. Wie schon im August (Konkurs-Aktien hoch im Kurs) finden sich auch im September zahlreiche insolvente Gesellschaften unter den Top Ten der Kursraketen.

          Auferstehung der Dotcom.z

          Mit einem Plus von 530 Prozent auf 1,26 Euro gelang der Aktie von Kimon Life Ventures ein neue Rekord. Dabei brauchte sie für den Weg nach oben eigentlich nur drei Wochen. Reanimation eines Flatliners könnte man dies betiteln. Denn zwischen August 2004 und dem 11. September notierte das Papier bei 20 Cent.

          Ursprünglich hieß Kimon einmal „the internet.z AG“. Auf der CeBIT 2000 war das Unternehmen einer der Gewinner eines Wettbewerbs mit dem Titel „Speed-Up your IPO“. Vielleicht war man damals ja etwas zu flott. The internet.z fungierte als Beteiligungs-Gesellschaft, die sich „als Value-Investor an Internetfirmen in einer frühen Unternehmensphase“ beteiligte. Nach damaliger Darstellung der Wettbewerbsinitiatoren bot das Unternehmen „Erfahrung in Fragen des strukturellen Unternehmensaufbaus sowie bei der Generierung einer konsequenten Kapitalmarktstrategie“ an, ohne in das Tagesgeschäft einzugreifen.

          Vielleicht hätte man das ja tun sollen. Denn die Bilanz, die Vorstandschef Thomas Knorr, bekannt ursprünglich als Vorstandschef der 2002 in Konkurs gegangenen Knorr Capital Partner, für Kimon auf der Hauptversammlung am 16. September 2005 vorlegte, war nicht unbedingt ein Ausbund an Erfolgsnachrichten, wenn man dem Bericht von GSE Small Cap Research folgt.

          Schöne Grüße aus der Insolvenz

          2003 betrug die Bilanzsumme 717.619 Euro, rund 70 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Verbindlichkeiten seien leicht angestiegen und die Überschuldung drohe bei einem restlichen Eigenkapital von 18.000 Euro weiterhin, ohne Mittelzuführung stehe das Unternehmen vor der Insolvenz. Drei Beteiligungen wurden mittlerweile ausgebucht, der Insolvenzverwalter des Mehrheitsgesellschafters Knorr Capital Partner fordert drei Millionen Euro und lehnte auch die Entlastung des Vorstands ab. Derzeit bemüht man sich bislang erfolglos, den Börsenmantel zu verwerten. Aber solange hier noch Verbindlichkeiten schweben, dürfte dies schwierig werden.

          Kimon ist nicht der einzige solche Wert unter den Favoriten. Auch die Valarte Group, die einst Concordia Industrie Holding hieß, und sich vor zwei Jahren an der Übernahme des kurze Zeit später in Insolvenz gegangenen spektakulären Uhrenherstellers Ikepod Watch verschluckte, legte 123 Prozent zu, obwohl man vom Unternehmen seit zwei Jahren nichts mehr gehört hat.

          Schön ist auch, daß Günther & Sohn mit einem Plus von 80 Prozent auch mal wieder in Erscheinung treten. Immerhin hat der frühere Leipziger Immobilienentwickler bereits vor acht Jahren die Vollstreckung beantragt. Das letzte, was wir erfuhren, waren Fortschritte in den seit 1997 anhaltenden Untreueprozessen um angeblich überteuert erworbene Grundstücke. Vielleicht kann im Erfolgsfall ja endlich das Kapital des Unternehmens auf Euro umgestellt werden. Das war übrigens vor rund einem Jahr. Ob sich da jemand im Datum der Meldung geirrt hat?

          Neue Investoren sorgen für (hoffentlich) für Turn-Arounds

          Doch auch Handfestes steckt hinter den jüngsten Kursanstiegen. Auf Platz Zwei hat es mit plus 159 Prozent die Adler Real Estate gebracht. Adler war eine Tochter der AGIV und konnte sich mühevoll aus den Wirren des Konkurses der Muttergesellschaft herauswinden, von der Adler finanziell abhängig war.

          Mittlerweile, so Adler, sind die Sanierungsbemühungen nahezu abgeschlossen - doch alles hing daran, ob Adler einen neuen Investor finden würde. Den hat Adler seit dem 9. September, als 88,88 Prozent des Grundkapitals von der Mezzanine IX Investors erworben wurden, die dem amerikanischen Bau-Investor John D. Heikenfeld gehört. Dieser hat sich in der vergangenen Woche grundsätzlich bereit erklärt, ein Pflicht-Angebot zu unterbreiten und auch Aktien auf anderem Wege zu erwerben.

          Einen neuen Investor hat auch der Windkraftanlagenbauer Repower, seitdem der französische Kernkraftwerksbauer Areva in der vergangenen Woche mit 21,1 Prozent eingestiegen ist. Damit soll Repower nun in Übersee stärker expandieren können. Analysten rechnen erst längerfristig mit dann aber deutlichen Auswirkungen. Nötig hatte es Repower durchaus, nachdem der Anlagenbauer erst 2003 den Gewinn mehr als halbierte, 2004 in die roten Zahlen rutschte und diesen Verlust im ersten Halbjahr noch ausbaute. Ob aber ein Kursplus von 94 Prozent angemessen ist, ist eine andere Frage.

          Mögliche Turn-Arounds sorgen für neue Anlegerhoffnungen

          Neue Power erhielt auch PA Power Automation mit einem Plus von 113 Prozent. Der Umsatz des Unternehmens war nach einem kurzen Höhenflug im Jahr 2002 auf 2,9 Millionen Euro zusammengeschrumpelt. Auf die Geschäftsberichte der Jahre 2003 und 2004 müssen die Anleger noch warten und sich solange mit Halbjahresberichten bescheiden, die jeweils nur die ersten sechs Monate umfassen.

          Empfohlen wird PA Power dagegen von „Hot Stocks Europe“. Es könnte sich bei dem Unternehmen um den spektakulärsten Turnaround des Jahres handeln. Immerhin sei der Umsatz in der ersten Jahreshälfte 2005 um 51 Prozent auf 1,45 Millionen Euro gestiegen. Nimmt man das mal zwei, ist man beim 2002 erzielten Jahresumsatz angelangt. Spektakulär ist da etwas anderes. Das Management habe außerdem angekündigt, daß sämtliche zur Gruppe gehörenden Gesellschaften im vierten Quartal 2005 nachhaltig steigende und positive Ergebnisse ausweisen würden. Vielleicht erfährt man ja mal zuerst, wie die zweiten Halbjahre 2003 und 2004 verlaufen sind. Das wäre doch erst mal ein Anfang.

          Auch bei Transtec und Co.don zeigen sich Lebenszeichen mit einem Kursplus von 71 bzw. 97 Prozent. Der Tübinger Computerbauer Transtec, der seit Jahren gegen schrumpfende Umsätze und das tiefere Rutschen in die Verlustzone kämpft, wird gleichfalls als Turnaround empfohlen. So schreibt der „BetaFaktor“ unlängst, es scheine ein Turnaround anzustehen. Die Erlöse sollen in diesem Jahr um rund drei Prozent auf 65 Millionen Euro steigen und ein „in etwa“ ausgeglichenes Ergebnis erreicht werden. In den Folgejahren wolle die Gesellschaft sogar ordentlich mit gut zehn Prozent jährlich wachsen und mittelfristig eine Gewinnmarge von fünf Prozent erreichen. Soviel Optimismus ist erfreulich - allein wie das angesichts der Margenimplosion im Hardwaregeschäft gelingen soll, vermag nicht so recht einzuleuchten.

          Wer zu früh wendet, könnte aus der Kurve fliegen

          Wenn Transtec auch seit 2001 nun mehr in jedem Jahr rund 20 Prozent weniger umsetzt, nehmen die Tübinger damit immer noch mehr ein als das Biotech-Unternehmen Co.don bislang je zustande gebracht hat. Knapp fünf Millionen Euro beträgt der kumulierte Umsatz des Unternehmens seit 1997, das „mit Innovationen einen Beitrag zum medizinischen Fortschritt leistet“ und dessen „eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung“ sowie „ein Netzwerk von externen Partnern“ „eine Erfolg versprechende Produktpipeline“ garantiert.

          Die große Hoffnung ruht auf einem strategischen Investor, den Co.don seit Anfang Juni verspricht und mit dem ein Abschluß offenbar immer konkreter zu werden scheint. Aber ob das mehr Leben in die Bude bringt, muß man abwarten. Bislang wurde jedenfalls noch nicht einmal ein Name genannt. Außerdem will die „zu einer international tätigen Unternehmensgruppe gehörende, in den Vereinigten Staaten ansässige Gesellschaft“, 2,36 Millionen neue Aktien gegen 2,6 Millionen Euro in Bar zeichnen. Darüber hinaus wird ein „beabsichtigtes erhöhtes Investitionsvolumen von voraussichtlich über 20 Millionen Euro“ genannt.

          Nun möglich ist vieles und es wird sicher erfreulich sein, wenn ein solches Investment zustande kommt und es Co.dom ermöglicht, seine Pläne in die Tat umzusetzen. Indes lehrt die Erfahrung mit Einlagen amerikanischer Investoren in kleine, liquiditätsschwache amerikanische Gesellschaften, daß dies nicht immer zu deren Vorteil gereicht. Oftmals sind die angekündigten „strategischen Investoren“ in Wirklichkeit Penny-Stock-Broker, die auf diese Weise die Kurse anschieben, um später Kasse zu machen. Oft genug werden die Unternehmen dabei auch einfach über den Tisch gezogen. Merke: Turn-Around-Storys sind durchaus Grund genug für Kurssteigerungen, aber wer zu früh darauf setzt, dem kann es passieren, daß er erst einmal noch eine Weile geradeaus fahren muß, bevor das Steuer herumgerissen wird - falls es dann auch geschieht.

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