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Zocker-Report : Konkurs-Aktien hoch im Kurs

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Börsenmäntel und Konkurs-Aktien standen im August ganz besonders hoch im Kurs bei spekulativen Anlegern. Nur auf einen einzigen Wert unter den besten Neun traf das nicht zu. Aber der liegt Zockern wohl aus anderen Gründen am Herzen.

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          440 Prozent legte die Aktie des Systemhauses M+S Elektronik im vergangenen Monat zu. Damit ist sie in Deutschland einsamer Spitzenreiter. Seit drei Jahren hat die Aktie nicht mehr so hoch notiert wie am Freitag bei 24,6 Cents. Der Grund ist einfach. Das Unternehmen ist seit fast vier Jahren in Insolvenz.

          Warum also steigt die Aktie? Das ist schwer zu erklären. Denn der einzig sichtbare Anlaß ist ein ausführlicher Fernsehbericht über die Insolvenz des Unternehmens. Dieser gibt den Banken, konkret der DG Bank für die angeblich unnötige Kündigung eines Kredites die Schuld am Untergang des Unternehmens. Das ist für so manchen Anleger Anlaß, in Phantasien zu schwelgen, zumal am 15. September eine Hauptversammlung beim immer noch nicht abgewickelten Unternehmen stattfindet:

          „Ich denke, da muß etwas Neues über den Verbleib von M+S kommen.Die plötzlichen TV-Wiederholungen, die überraschende HV, das ist doch alles kein Zufall.“, mutmaßt ein User bei Wallstreet-Online.

          Wer braucht schon ein Gerücht?

          Die Spekulation auf Konkurs-Aktien und Börsenmäntel ist derzeit ohnehin sehr beliebt. Unter den zehn Aktien mit der besten Wertentwicklung im August finden sich fünf Konkurs-Aktien und drei Börsenmäntel.

          Während es bei M+S Elektronik wenigstens noch Gerüchte gibt, fehlen bei anderen sogar die. Bei Kabel New Media etwa wird heftig über den Kursanstieg von 120 Prozent diskutiert. Angeblich gibt es Gerüchte, daß es demnächst Nachrichten gibt - wenn das kein guter Kaufgrund ist. Bei der Gontard & Metallbank, die um 134 Prozent geklettert ist, gibt es noch nicht einmal Gerüchte, darüber daß es Gerüchte gibt.

          Jenseits der Pennystocks sind die Gründe noch wirrer. Die Aktie der Mauser-Waldeck notiert derzeit bei zwei Euro, 100 Prozent höher als vor einem Monat. Der ehemalige Hersteller der berühmten Waffen, der später Büromöbel herstellte, ging 2002 in Konkurs nachdem die niederländische Mutter Ahrend unter umstrittenen Umständen den Geldhahn zugedreht hatte. Im vergangenen Jahr übernahm dann der westfälische Industrie-Zulieferer Vauth-Sagel aus Brakel das gesamte Mauser-Geschäft.

          Doch das bedeutet nicht, daß der Börsenmantel wieder belebt wird. Der gehört weiter zu Ahrend und ist letztlich noch leerer als je zuvor.

          Arques-Ankündigung treibt Circel-Aktie

          Etwas mehr Substanz hat der Kursanstieg der Circel Grundstücks- und Vermögensverwaltung AG um 107 Prozent auf 38 Euro. Circel ist eine der ältesten Aktiengesellschaften Deutschlands und heiß ursprünglich Niedermayr Papierwarenfabrik. Anfang des Monats erwarb nun die Starnberger Beteiligungsgesellschaft Arques von der Rohrdorfer Zement AG mehr als 95 Prozent der Circel-Aktien mit dem Ziel diese als „Plattform für den Börsengang einer ihrer Tochterkonzerne noch in diesem Jahr einzusetzen“. Die Vorbereitungen dazu hätten bereits begonnen. Indes will der Vorstand keine näheren Auskünfte erteilen.

          In Betracht kommen aber nur zwei Töchter: Zum einen zwei Rollenoffset-Druckereien mit einem gesamten Jahresumsatz von 60 bis 70 Millionen Euro, zum anderen das im vergangenen Jahr von Degussa übernommene Stahlchemie-Geschäft mit 170 Millionen Euro Umsatz.

          Wer sich nun in Circel eingekauft hat, spekuliert damit zwar nicht auf Nichts. Aber ob sich das Investment je lohnen wird und wann es sich auszahlt, das wissen bestenfalls die Beteiligten bei Arques.

          Vage Hoffnungen bei Realtos

          Auch die Realtos ist eine Immobiliengesellschaft, die praktisch ein Börsenmantel ist. Auf eine Ad-hoc-Mitteilung, daß der Vorstand in Verhandlungen mit einer süddeutschen Investorengruppe stehe, die nach einem möglichen (!) Erwerb des Börsenmantels den Aufbau einer Strategic-Finance-Gruppe nach dem Vorbild der Arques AG betreiben würde, reagierten die Anleger mit einem Kurssprung von 102 Prozent.

          Weil vielleicht eine gute Nachricht nicht genügt, hatte Realtos gleich zwei. Angeblich sei auch eine amerikanische Gesellschaft an dem Mantel für ihr Europageschäft interessiert. Vielleicht war das nötig, weil Realtos-Alleinvorstand Andreas Arndt beim Wiederbeleben von Börsenmänteln nicht immer erfolgreich war. Arndt war nach Angaben von Boerse-ARD.de zuletzt gemeinsam mit anderen Investoren über die Magus Verwaltungsgesellschaft bei der Schichau Seebeckwerft AG in Erscheinung getreten. Als der ursprüngliche Plan scheiterte, brach der Schichau-Kurs heftig ein. Ähnlich ergebnislos verlief die von Arndt und anderen versuchte Reanimation der Gontard & Metallbank AG.

          Allgemein ist das Börsenmantel- und noch mehr das praktisch vorgelagerte Geschäft mit Konkurs-Aktien sehr heiß. Denn wie man sieht, genügen ja oftmals nur Kursbewegungen, noch nicht einmal Gerüchte, um die Aktien in ungeahnte Höhen zu treiben. Wer dann vorsichtig verkauft, macht einen guten Schnitt.

          Rinol-Konkurs abgewendet - Aktie explodiert

          Auch bei der neuntgrößten Kurssteigerung des vergangenen Monats ist Insolvenz das Reizwort. Allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen. Die Nachricht, daß die drohende Insolvenz des schwäbischen Fußbodenherstellers Rinol abgewendet sei, ließ die Aktie um insgesamt 93 Prozent steigen. Das Unternehmen erhält neue Kredite von seinen Großinvestoren und stockt mit einem Kapitalschnitt sein Eigenkapital wieder deutlich auf. Damit erklommen die Papiere den höchsten Stand seit einem Jahr, nachdem sie zu Jahresbeginn noch bei rund einem Euro gehandelt worden waren.

          Rinol hatte sich mit seiner Auslandsexpansion übernommen und das Grundkapital zu mehr als 50 Prozent aufgezehrt. Im ersten Halbjahr 2005 schrieb das Unternehmen trotz der Trennung von Verlustbringern rote Zahlen. Bei einem geschätzten Jahresumsatz von rund 85 Millionen Euro ist das Unternehmen damit derzeit mit einer Marktkapitalisierung von knapp 14 Millionen Euro bewertet. Das bedeutet ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 0,16. Sollte eine Verbesserung der Geschäftszahlen eintreten, hätte die Aktie Potential nach oben. Heiß ist die Spekulation trotz alledem.

          Einzig der zweitbeste Wert des vergangenen Monats hat mit Konkurs nichts am Hut, ist aber vom Zocken auch nicht weit entfernt. Die Trading-house.net AG betreibt Day-Trading-Center nach amerikanischem Vorbild. Das Geschäft lief aber auch schon einmal besser. Im Hype-Geschäftsjahr 1999/2000 setzte das Unternehmen noch über eine Milliarde Euro um. Im vergangenen Geschäftsjahr 2003/2004 noch 461 Millionen Euro. Gewinne hat man auch noch nie gemacht - im vergangenen Geschäftsjahr stand ein Bilanzverlust von knapp einer Million Euro. Aber „irgendein Börsenbrief“ soll die Aktie mit einem Kursziel von 22 Euro empfohlen haben - das reicht ja mal für einen Zock.

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