https://www.faz.net/-gv6-z3xs

Zinseffekte : Steigende Zinsen belasten fast alle Zertifikate

Bild: F.A.Z.

Die Zinsen steigen wieder - und die Kurse geraten unter Druck. Besitzer von Derivaten werden sich weniger freuen, Neuanleger umso mehr. Entscheidend ist die Architektur der Zertifikate.

          3 Min.

          Anfang April hat die Europäische Zentralbank erstmals seit Sommer 2008 ihren Leitzins wieder erhöht. Für Sparer scheinen die mageren Zinszeiten damit endlich zu Ende zu gehen. Für die Besitzer von festverzinslichen Anleihen und Rentenfonds hingegen bringt ein solches Umfeld eher Ungemach mit sich. Steigen die Zinsen, dann fallen im Gegenzug die Kurse der Anleihen. Aber auch für viele Zertifikate bleibt dieses Marktumfeld nicht folgenlos. Schlecht ist dies für die Anleger, die die Derivate schon besitzen. Auch hier kommt es häufig zu Kurseinbußen. Positiv ist es dagegen für diejenigen, die Zertifikate oder Anleihen erst noch kaufen wollen, da sich deren Konditionen mit den höheren Zinsen verbessern.

          Kerstin Papon
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Grundsätzlich werden alle Zertifikate von Zinsen beeinflusst, mit Ausnahme von endlos laufenden Indexzertifikaten“, sagt Marcel Langer, Derivatefachmann der Schweizer Bank UBS. Die einen treffe es mehr, die anderen weniger. Gleichwohl geschehe dies nicht von heute auf morgen, sondern es sei ein längerfristiger Prozess. Zwar sind alle derivativen Wertpapiere Schuldverschreibungen der sie begebenden Bank und damit Anleihen, doch das ist nicht einmal ausschlaggebend für die anstehenden Kursverluste. Entscheidend ist vielmehr die Architektur der Zertifikate.

          Vollständiger Schutz des eingesetzten Kapitals

          Damit die Banken bestimmte Schutz- und Renditeversprechen geben können, sind die Zertifikate im Hintergrund häufig aus verschiedenen Anleihen und Optionskomponenten zusammengesetzt. So besteht ein Discount-Zertifikat, mit dem Anleger einen Basiswert wie eine Aktie mit einer Art Rabatt erwerben können, aus einer Nullkuponanleihe und einer Verkaufsoption auf diese Aktie. Discountzertifikate bieten einen gewissen Schutz vor Kursverlusten, im Gegenzug sind allerdings die Gewinnchancen durch einen Höchstbetrag („Cap“) begrenzt.

          „Am stärksten von einer Zinsänderung betroffen sind Garantiezertifikate, da bei ihnen Nullkuponanleihen einen sehr großen Teil der dahinterliegenden Struktur ausmachen“, sagt Langer: „Steigen die Zinsen, dann fällt der Kurs dieser Nullkuponanleihen und dadurch gleichfalls der Preis des Zertifikats.“ Diese Derivate bieten Anlegern einen vollständigen Schutz des eingesetzten Kapitals. Alle Zertifikate sind allerdings als Schuldverschreibungen der jeweiligen Bank nicht vor einem Zahlungsausfall geschützt, falls dieses Institut insolvent werden sollte. Aber auch Discount-Zertifikate, die einen sehr großen Sicherheitspuffer besitzen und deren Aktienmarktrisiko quasi nicht mehr vorhanden ist, sind ähnlich stark von dem Zinseffekt betroffen.

          Der Zinseffekt ist nur gering

          „Alle Teilschutzprodukte wie Discount- und auch Bonuszertifikate müssen den gestiegenen Zins spiegeln; ihre Kurse fallen zwar, aber ihre Konditionen werden dadurch attraktiver“, sagt Langer. Das heißt, dass bei Neuemissionen die Risikopuffer gegen Kursverluste größer und Renditeversprechen üppiger ausfallen können. Auch eine höhere Volatilität der Basiswerte, also stärker schwankende Aktienkurse, hat solch einen positiven Effekt auf den Schutz- und Renditemix von Zertifikaten. Ältere Produkte wiederum werden durch die Kurseinbußen attraktiver. Der Zinseffekt belastet die Zertifikate während der Laufzeit. „Halten Anleger dagegen ihre Wertpapiere bis zum Laufzeitende, spielt er für die Rückzahlung keine Rolle mehr“, sagt Langer.

          In den meisten Fällen bewegen aber vor allem die Kursveränderung der zugrundeliegenden Basiswerte und auch deren Volatilität die Preise der Zertifikate. Der Zinseffekt ist, gemessen daran, nur gering. So überwiegt bei normalen Discount-Zertifikaten der Einfluss der Volatilität und der Kursentwicklung des Basiswertes den der Zinsen deutlich. Denn es ist in erster Linie ein Aktienmarktrisiko vorhanden.

          Die Einlagen bei Banken werden wieder attraktiver

          Aber auch bei spekulativen Hebelprodukten schlagen allgemein steigende Marktzinsen zu Buche. Dies gilt vor allem für Optionsscheine, die es für die Spekulation auf steigende Kurse (Calls) oder auf fallende Notierungen (Puts) eines Basiswertes gibt. „Bei Calls steigen mit höheren Zinsen die Preise, bei Puts fallen sie“, bringt es Langer auf den Punkt. Aber auch hier gilt, dass der Einfluss der Volatilität auf die Preise der Optionsscheine ungleich höher ist. Bei den hochriskanten Knock-out-Papieren, die, falls der Basiswert eine vereinbarte Kursschwelle erreicht, sofort wertlos verfallen, bleibt der Zinsanstieg ebenfalls nicht folgenlos. Bei diesen Produkten mit einer endlosen Laufzeit erhöhten sich dadurch die täglich angepassten relevanten Kursschwellen stärker, heißt es aus den Derivateabteilungen der Banken.

          Ein Aspekt betrifft jedoch alle Zertifikate gleichermaßen: Grundsätzlich werden in einem Umfeld steigender Zinsen die Einlagen bei Banken wieder attraktiver. Sie werden mit der Zeit höher verzinst. So ist beispielsweise der durchschnittliche Zinssatz für Tagesgeld über 5000 Euro, gemessen an dem entsprechenden Index der FMH Finanzberatung, seit Januar von 1,13 auf nun 1,30 Prozent gestiegen. Als Ersatz für Bankeinlagen wählen Anleger häufiger Stufenzinsanleihen, deren Zinsen mit der Laufzeit in festen Schritten steigen. Sie legen sich damit auf gewisse Zinssätze fest, heißt es dazu von der Ratingagentur Scope Analysis. Nähere sich der Marktzins aber diesem Niveau, verblasse die Attraktivität des Zertifikats als Alternative zum Tages- und Festgeld. Es werde dann wenig entlohnt, dass der Anleger ein Emittentenrisiko in Kauf nehme. Bankeinlagen sind durch die gesetzliche Einlagensicherung und je nach Finanzinstitut noch weitere Sicherungseinrichtungen geschützt.

          Weitere Themen

          Ein neuer Superhit für die Börse

          Universal Music : Ein neuer Superhit für die Börse

          Am Dienstag bringt Vivendi seine Tochtergesellschaft Universal Music an die Börse. Der Musikriese wird fast so hoch bewertet wie Vivendi – und das dürfte noch zu wenig sein.

          Topmeldungen

          Beim Grillfest der SPD in Rostock: Ministerpräsidentin Schwesig

          Schwesig im Wahlkampf : Als stünde sie allein im Ring

          Beflügelt durch die Beliebtheit der Ministerpräsidentin steht der SPD in Mecklenburg-Vorpommern ein historischer Sieg bevor. Wie ist das Manuela Schwesig gelungen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.