https://www.faz.net/-gv6-qbb8

Zimbabwe : Staatlich finanzierter Börsenboom

  • Aktualisiert am

Tabakbörse in Harare: Geld verdienen ist in Simbabwe nicht leicht Bild: dpa

Zimbabwes Wirtschaft steht kurz vor oder hinter dem Zusammenbruch. Doch der Aktienindex erklimmt einen Rekord nach dem anderen. Ein Widerspruch? Nein, eine logische Folge, die nachdenklich macht.

          3 Min.

          Warum steigen Börsenkurse? Nun, weil es den Unternehmen gut geht, deren Aktien günstig bewertet sind angesichts der großen Zukunft, die ihnen bevorsteht. Das ist die gängige Theorie und sicherlich nicht so falsch, aber nur eine Möglichkeit.

          Viel mehr hängt die Kursentwicklung auch von den Konsummöglichkeiten, dem Konsumniveau, der Einkommensverteilung und der gesamtwirtschaftlichen Liquidität ab. Wie sehr diese Faktoren eine Rolle spielen, exerziert gerade die Börse in Simbabwe vor.

          Börse auf Rekord-, Wirtschaft auf Talfahrt

          Denn die Wirtschaft in Zimbabwe ist mittlerweile zusammengebrochen. Die Inflation galoppiert und ist mittlerweile die höchste der Welt und wird offiziell auf 1.281 Prozent beziffert. Nach anderen Quellen ist das die Monatsinflation. Das reale Bruttoinlandsprodukt ist seit Jahren rückläufig und ist seit seinem Hoch im Jahr 1974 in Dollar gerechnet um über 40 Prozent gesunken.

          Dennoch lässt die Entwicklung der Börse alle Rekorde hinter sich. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Zimbabwe Industrials Index um mehr als das Dreihundertfache gestiegen. Prompt bejubeln Beobachter den Umstand, dass viele Titel unterbewertet seien.

          Tatsächlich lesen sich die Geschäftszahlen bisweilen gut. Der Blumen- und Gemüsepflanzer Ariston etwa hat in den ersten sechs Monaten des laufenden, im September endenden Geschäftsjahres den Umsatz um 3.615 Prozent auf 26,4 Milliarden Simbabwe-Dollar und den Gewinn je Aktie um 5.382 Prozent steigern können. Und der Nahrungsmittelhersteller Colcom kam in dem im März abgelaufenen Geschäftsjahr auf ein Umsatzplus von 700 Prozent und einen Gewinnanstieg von 962 Prozent.

          Dominanz der Notenpresse

          Doch die Aussagekraft dieser Zahlen wird von der verheerenden Inflation relativiert. Zudem macht die erratische Wirtschaftspolitik den Unternehmen zu schaffen. 2005 schrieb Circle Cement erstmals nach Jahren Verluste, weil die Behörden eine wegen steigender Kosten nötige Preiserhöhung untersagten. Die Chefs der großen Bäckereien des Landes wurden verhaftet, weil sie angeblich zu hohe Preise für Brot verlangten.

          Die Zentralbank betreibt eine inflationäre Politik. Der Leitzins liegt bei 500 Prozent und Händler erwarten eine weitere Zinssenkung. Viele Banken sollen sich aus dem Kreditgeschäft zurückgezogen haben und nur noch auf Zinsveränderungen spekulieren. Und mit dieser inflationären Politik finanziert sich die Regierung.

          John Paul Koning von dem nach dem österreichischen Ökonomen benannten Ludwig-von-Mises-Institute sieht den Börsenboom als Reflex der hohen Geschwindigkeit der Notenpresse. Das gedruckte Geld findet seinen Eingangspunkt in die Wirtschaft über Geldinstitute. Diese kauften damit entweder selbst Aktien oder verliehen es an Aktienkäufer. Aus diesem Grund stiegen die Börsenkurse auch relativ stärker als die Preise von Gütern des Grundbedarfs.

          Letzte Rettung Aktien

          Der Börsenindex steigt zur Zeit ungefähr dreimal so schnell wie die Verbraucherpreise. Aufgrund der hohen Inflation ist jede Hortung aus konsumptiven Motiven mit enormen Wertverlusten verbunden. Die Habenzinsen sind niedrig, weil eine Refinanzierung bei der Zentralbank viel günstiger ist. In Staatsanleihen zu investieren komme einem finanziellen Suizid gleich.

          Der Umtausch in Devisen ist nur schwer möglich. Der offizielle Dollarkurs liegt bei 250 Simbabwe-Dollar für den Greenback und der Schwarzmarktkurs bei 4.200 zu eins. Nur wer gute Beziehungen zur Zentralbank hat, bekommt amerikanische Dollar zum amtlichen Kurs und tauscht sie schwarz um. Daneben sind Aktien die einzige Anlage, bei der es noch Aussichten gibt, dass das Geld keinen dramatischen Wertverlust erleidet.

          Vergrößerungsglas

          Was als ein extremes Beispiel erscheint, stimmt angesichts der anhaltenden Ausweitung der Geldmenge in den westlichen Ländern nachdenklich. Der bis 2005 anhaltende Höhenflug des Anleihenmarktes, den keiner mehr erklären konnte, die Rohstoffhausse der vergangenen Jahre, die jedesmal den Preisprognosen der Analysten spottete, der aktuelle Boom im Derivategeschäfte und an den Aktienmärkten - was davon ist real und was ist lediglich der Injektion von Geld zu verdanken?

          Die österreichische Schule der Ökonomie, zu deren Väter auch Ludwig von Mises gehört, geht davon aus, dass die Konjunkturzyklen durch eine exzessive Ausweitung der Geld- und Kreditmenge verursacht werden. Schreitet die Ausweitung der Geldmenge und infolgedessen die Verzerrung der Preise voran, werden mehr und mehr Wagnisse eingegangen, die niemand in einem System ohne Geldmengenausweitung auf sich nehmen würde.

          Wenn schließlich die Geldmenge schrumpft, verschwindet auch die künstliche Erhöhung der Preise, die zu unprofitablen Unternehmungen verleitete, und sie werden unrentabel, was zu Verlusten und zur Rezession führt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine

          Europas „Green Deal“ : EU will bis 2050 Klimaneutralität erreichen

          Am Mittwoch will die neue EU-Kommission ihren „Green Deal“ vorstellen, nach dem Europa bis 2050 klimaneutral werden soll. Voraussetzung ist der Kohleausstieg aller Länder. Für die vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen soll es Übergangshilfen geben.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.