https://www.faz.net/-gv6-yeqv

Zertifikate : Zahlreiche Verfahren gegen Emittenten

Einige hundert Anleger wollen gegen die Banken vor Gericht ziehen Bild: dpa

Einige Anleger warten lange auf Rückzahlungen aus ihren Zertifikaten. Manche Banken schieben eine „Marktstörung“ als Grund für die fehlende Auszahlung vor. Auch jenseits der Lehman-Fälle kommt es immer wieder zu Klagen gegen Geldinstitute.

          3 Min.

          Die Geldanlage in Zertifikaten ist weiterhin häufig Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen. Nach der Insolvenz von Lehman Brothers im September 2008, durch die Zehntausende Besitzer von Lehman-Zertifikaten Geld verloren hatten, zogen einige Hundert gegen die verkaufenden Banken wegen angeblicher Beratungsfehler vor Gericht. Aber auch jenseits der Lehman-Fälle sind immer wieder die Zertifikateemittenten selbst die Beklagten.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir haben Fälle quer durch die Bankenlandschaft, von der Hypo Vereinsbank, über Commerzbank und Deutsche Bank bis hin zur DZ Bank und Sal. Oppenheim“, sagt Peter Mattil, Fachanwalt für Banken- und Kapitalmarktrecht. „Die meisten Prospekte werden mit Gummiparagraphen ausgestattet, die bei Bedarf zum Nachteil des Kunden ausgelegt werden.“ So hat die Commerzbank im Januar 2005 Zertifikate auf den Benchmark Opportunitas Index aufgelegt, der von der Firma Benchmark Advisory auf Malta entwickelt und berechnet wurde. Am 1. April 2009 sollten die Anleger gemäß der Zertifikatebedingungen einen Einlösungsbetrag erhalten. Zu einer Auszahlung kam es bis heute nicht. „Die Commerzbank verweist auf eine Marktstörung, die es ihr unmöglich mache, einen Kurs für die Zertifikate zu berechnen“, sagt Mattil. „Diese Begründung wird oft herangezogen, wenn den Emittenten die Marktbedingungen gerade nicht passen.“ Mattil vertritt 250 Anleger, die gegen die Commerzbank vorgehen wollen.

          Keine Auszahlungen wegen Marktstörungen

          Einen ähnlichen Fall hatte es bei der schwedischen SEB-Bank gegeben. Diese hatte Zertifikate auf Hedge-Fonds begeben. Zum 31. Oktober 2007 kündigte sie die Produkte ohne Angabe von Gründen und teilte dazu mit: „Die Emittentin hat die Möglichkeit, die Zertifikate grundsätzlich jederzeit und ohne besondere Angabe von Gründen zu kündigen, ohne dass hierbei eine Mitwirkung oder gar Zustimmung der Zertifikate-Inhaber erforderlich wäre.“ Allerdings zahlte die Bank die Zertifikatebesitzer nicht aus. Sie sah eine Marktstörung vorliegen, weil Florian Homm die Hedge-Fonds-Gesellschaft verlassen hatte und durch den Rücktritt des „Co-Chief Investment Officer eine Fortsetzung der Anlagestrategien der den Basiswerten mittelbar zugrunde liegenden Ziel-Fonds in Frage gestellt war“. Im Februar 2009 teilte die SEB nach juristischen Auseinandersetzungen mit, 33,827 Euro je Zertifikat zu zahlen. Die Papiere waren vor der Aussetzung mehr als 100 Euro Wert gewesen. Anleger, die eine höhere Rückzahlung wollten, haben dagegen geklagt.

          Ihre Produkte zurückgeben können immerhin die Anleger von drei Dubai-Zertifikaten der Deutschen Bank, jedoch auch nur unter Inkaufnahme von Verlusten. Im November 2008 hatten zwei Unternehmen in Dubai eine Fusion angekündigt. Seither nimmt die Deutsche Bank die Werte beider Unternehmen mit Null an. Am Montag konnten Anleger das Dubai Top Select II-Zertifikat für 1,90 Euro zurückgeben. Es war im Jahr 2007 zu 10 Euro aufgelegt worden. Da der Index aus nur 7 Unternehmen besteht, wirkt sich die Annahme zweier Werte mit Null deutlich aus.

          Beschwerden bei der DSW

          Einen Totalverlust müssen sogar die Anleger eines Barclays-Zertifikats auf den K1-Fonds von Helmut Kiener befürchten. Kiener steht derzeit vor Gericht und ist des Betrugs, der Urkundenfälschung und der Steuerhinterziehung angeklagt. Der Vorwurf gegen Barclays lautet, den Basiswert nicht ausreichend auf seine Seriosität hin überprüft zu haben. „Barclays hat Herrn Kiener lediglich einen Fragebogen ausfüllen lassen und sich dann auf dessen Aussagen verlassen“, sagt Mattil.

          Bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) beschwerten sich Anleger über das Vorgehen der DZ Bank bezüglich des „18,0 Maxirend Deep Control dividendenstarke Aktien 35“-Zertifikats (WKN: AK0EA9), das im Frühjahr 2008 zu 100 Euro aufgelegt wurde. Es basiert auf 7 Aktien aus dem Dax und dem Euro Stoxx 50. Da die Postbank nach der Übernahme durch die Deutsche Bank keinem der beiden Indizes mehr angehört, nahm die DZ Bank im Februar 2011 die Postbank aus dem Basiswert und ersetzte sie durch die BNP Paribas unter Zugrundelegung eines BNP-Kurses der dreimal höher ist als der aktuelle Kurs. Maßgeblich für die Rückzahlung des Zertifikats ist die Entwicklung der schwächsten Aktie. Das ist nun die BNP. Liegt ihr Aktienkurs im Juni 2012 mindestens auf 55 Prozent des zugrundegelegten Niveaus von 2008, erhalten die Anleger 173,50 Euro je Zertifikat. Die anderen sechs Aktien im Index übertreffen diese Schwelle derzeit mitunter deutlich. Ist die schwächste Aktie noch mindestens 50 Prozent wert, beträgt die Rückzahlung 100 Euro. Ansonsten erfolgt die Abrechnung auf Basis der Kursentwicklung der schwächsten Aktie, was momentan einer Rückzahlung von nur 34 Euro entspräche. An eine Erholung der BNP-Aktie glaubt der Markt offenbar nicht. Ein Zertifikat kostete am Montag 38 Euro. Die DSW erwägt gegen das Vorgehen der DZ Bank juristisch vorzugehen.

          Weitere Themen

          Benzinpreis steigt weniger stark als erwartet

          Exklusive Studie : Benzinpreis steigt weniger stark als erwartet

          Mit dem neuen Jahr sollte Benzin kräftig teurer werden. So hatten Fachleute es vorhergesagt. Der Grund: die höhere Mehrwertsteuer und der CO2-Preis für den Klimaschutz. Jetzt zeigt eine aktuelle Studie: Ganz so stark wie erwartet ist der Preis nicht gestiegen.

          Topmeldungen

          Biden wirbt für Einheit : „Hört mir zu, vermesst mein Herz“

          Joe Biden hat auf den Stufen des Kapitols den Amtseid abgelegt. Amerika und der Welt verspricht er einen Neuanfang: „Meinungsverschiedenheiten müssen kein Grund für totalen Krieg sein.“ Trump sagt: „Wir kommen wieder.“

          Neuer Präsident vereidigt : „Das war Bidens kraftvollste Rede“

          Joe Biden ist der 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Biden sei kein Wunderheiler, sagt Amerika-Experte Klaus-Dieter Frankenberger. Aber er habe in seiner Antrittsrede eindrucksvoll klar gemacht, dass er das Land wieder vereinen wolle. Ein Videokommentar.

          Nawalnyjs Blockbuster : Der Held kämpft in der Zelle

          Am orthodoxen Epiphaniasfest taucht auch Putin im Eiswasser unter, wie es Gläubige tun, um ihre Sünden abzuwaschen. Ist die Farbe seiner Badehose eine Anspielung auf Alexej Nawalnyj? Der Kremlkritiker inszeniert einen lebensgefährlichen Blockbuster.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.