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Zertifikate : Teuer und intransparent

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Gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Viele Privatanleger sehnen sich nach Sicherheit und verhelfen damit Zertifikaten zum Durchbruch. Transparenz - also eine faire Produktgestaltung und verläßliche Information über die Gebührenstruktur - ist für sie zweitrangig.

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          In diesem Jahr hat der deutsche Privatanleger unmißverständlich zu verstehen gegeben, was er will: Transparenz - also eine faire Produktgestaltung und verläßliche Informationen über die Gebührenstruktur - ist für ihn zweitrangig. An erster Stelle steht für ihn Sicherheit. Nur keine Verluste - koste es, was es wolle.

          Um klassische Aktienfonds machen viele Sparer inzwischen einen großen Bogen, obwohl sich die großen Aktienmärkte dieser Welt gerade von einem mehrjährigen Hoch zum nächsten hangeln. Wenn Sparer überhaupt noch in Investmentfonds investieren, dann in die komplexen Mischfonds aus Aktien, Anleihen und derivativen Spielzeugen, die unter dem Modewort Absolute- oder Total-Return einen stabilen Wertzuwachs versprechen - oder in Garantiefonds, die unter der Preisgabe von Gewinnchancen in jedem Fall den Werterhalt sicherstellen.

          Zertifikate mit Risikopuffer sind der Verkaufsschlager

          Strukturierte Anlageprodukte mit komplexer Funktionsweise sind im Kommen. Das ist im Fondsgeschäft zu beobachten, sichtbar wird das aber vor allem bei den sogenannten Zertifikaten. Waren sie in den vergangenen fünf Jahren auf dem Vormarsch, so ist ihnen in diesem Jahr endgültig der Durchbruch gelungen. Mit einem geschätzten Marktvolumen von inzwischen über 100 Milliarden Euro können sie nicht mehr einfach mit einem regulatorischen Federstrich des Gesetzgebers wieder von der Bildfläche verschwinden.

          Bild: F.A.Z.

          Mögen sie im Vergleich zur Fondsbranche beim verwalteten Vermögen nur ein Fünftel auf die Waage bringen - im Neugeschäft sind die Derivateanbieter im Inhaberschuldverschreibungsmantel der Konkurrenz am Bankschalter inzwischen davongezogen. Zertifikate mit Risikopuffer sind der Verkaufsschlager der Saison. Anlageprodukte, deren Gebührenstruktur nur schwer zu durchschauen und für die immer noch kein Wettbewerbsvergleich via Wertentwicklung möglich ist.

          Viele noch einmal glimpflich davongekommen

          Erwähnt seien an dieser Stelle auch noch die fondsgebundenen Rentenversicherungen der deutschen Lebensversicherer, die als neues Brot-und-Butter-Produkt nach dem Wegfall der steuerfreien Auszahlung von Lebensversicherungen zunehmend risikoscheue Käufer finden. Die Abschlußkosten liegen wie üblich im dunkeln. Ganz zu schweigen davon, daß in solchen Konstruktionen nun der Anleger das Anlagerisiko trägt und nicht mehr der Versicherer wie in einer klassischen Lebens- und Rentenversicherung. Neben dem Argument der Sicherheit werden die Altersvorsorgesparer hier noch mit dem Steuerargument gepackt. Als Kompensation für den Wegfall der Steuerfreiheit für Lebensversicherungen war vor zwei Jahren der zu versteuernde Ertragsanteil bei der Auszahlung einer Rentenversicherung zurückgenommen worden - für einen 65jährigen beispielsweise von 27 auf 18 Prozent.

          Eine klare Ursache für die beobachtete Welle in Richtung Verlustvermeidung um jeden Preis ist nicht zu erkennen. Es ist vielmehr ein Bündel von Erklärungen und Argumenten, das schließlich eine interessante Momentaufnahme ergibt. So wird häufig auf den Umstand verwiesen, daß mit dem aktuellen Kursniveau an den Aktienmärkten wieder das Einstiegsniveau aus dem Jahr 1999 erreicht sei. Viele Fondssparer in Aktienfonds aus dieser Zeit würden nun ihre Anteile zum Einstandsniveau zurückgeben - froh darüber, noch einmal halbwegs glimpflich davongekommen zu sein, und mit dem festen Vorsatz, nie wieder Aktien anzufassen. Einen Dämpfer dürfte auch die heftige Kurskorrektur an den weltweiten Aktienmärkten in diesem Frühjahr der Risikofreude in der Anlegerschaft verpaßt haben. Zwar ist die Delle längst schon wieder ausgebügelt. Doch der Blick in den Abgrund hinterließ offensichtlich einen nachhaltigen Eindruck.

          Niedrige Transparenz bedeutet hohe Provisionen

          Vielleicht sind die Leute auch vorsichtig geworden wegen der zu erwartenden Veränderungen bei den Steuern und Abgaben, der steigenden Lebenshaltungskosten und der zu erwartenden Folgen der Gesundheitsreform - und parken vor der ersten Gehaltsabrechnung im neuen Jahr vorübergehend ihr Geld in sicheren Anlagen. Vielleicht ist aber auch ein Wunder geschehen, und die Privatanleger gehen nicht mehr zyklisch mit den Märkten, wie sie dies in der Vergangenheit so häufig taten - also kauften, wenn die Kurse oben waren, und verkauften, wenn es mit den Kursen abwärts ging.

          Kein Wunder ist es jedenfalls, daß die meisten Anlageberater in den Banken den Trend zu intransparenten Geldanlageprodukten mit Freude zur Kenntnis nehmen. Niedrige Transparenz bedeutet hohe Provisionen, so lautet die Faustformel im Privatkundengeschäft. Und da die provisionsgetriebene Beratung hierzulande dominiert, die Honorarberatung dagegen weiterhin wegen geringer Nachfrage nur in Ansätzen existiert, erscheint die Entwicklung fast schon zwangsläufig.

          Mifid bringt wohl keine Besserung

          Selbst die EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (Mifid), die auch eine Offenlegung der Provisionsströme in der europäischen Finanzdienstleistungsbranche zum Inhalt hat, bringt da wohl keine Besserung. Sie macht lediglich die Fonds noch transparenter mit der geforderten Offenlegung der Bestandsprovisionen, während die Ertragsströme aus Zertifikaten wahrscheinlich außen vor bleiben. Die Lebensversicherer werden mit ihren Anlageprodukten durch die Richtlinie gar nicht erst erfaßt.

          Als erste Fondsgesellschaft hat nun der Marktführer DWS auf die Strukturveränderungen im Kaufverhalten der Privatanleger reagiert. Unter dem Namen DWS Go steigt sie selbst in das Zertifikategeschäft ein. Der Trend geht in Richtung Fonds mit Risikopuffer im Zertifikatemantel, glauben die Konstrukteure der neuen Produktplattform. In der Momentaufnahme des zurückliegenden Jahres haben die Anleger auf jeden Fall ihr Einverständnis für einen solchen Schritt erklärt.

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