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Zertifikate : Saison-Zertifikate - Wetten auf Bauernregeln

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Zu den Bauernregeln der Börse gehört ganz besonders: „Sell in May and walk away“. Wer Kalendarien dieser Art vertraut, kann mit Sell-in-May-Zertifikaten Geld verdienen.

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          „Sell in May and go away“ ist eine alte Börsianerweisheit, in der gleich wie in den meisten Bauernregel auch Wahrheit steckt. Langzeitbetrachtungen von Börsenindizes kommen immer weider zu dem Ergebnis, daß die Kursentwicklung in den Sommermonaten häufig schlechter als im Winter ist.

          So stieg etwa der amerikanische Standardwerte-Kursindex S&P 500 zwischen Mai 1945 und April 2005 in den Monaten von November bis April durchschnittlich um sieben Prozent, von Mai bis Oktober lediglich um 1,5 Prozent an. Auch der Dow Jones weist in einer Untersuchung für den Zeitraum 1970 bis 2004 zwischen Juni und Dezember eine schwache Wertentwicklung auf.

          Gründe: Wetter oder Wettrennen?

          Über die Gründe wird sehr viel gemutmaßt. Manche vermuten, bei besserem Wetter hätten die Menschen anderes zu tun, als Aktien zu kaufen. Die ABN Amro-Bank sieht die Ursachen im Verhalten institutioneller Anleger. Diese investieren nach Angaben der Bank durchschnittlich 61 Prozent ihrer Gelder im ersten und vierten Quartal.

          Grund sei die zu Jahresanfang beginnende neue Wettbewerbsrunde der Fondsgesellschaften und Versicherungen. Wie beim Start eines Formel 1-Rennens wetteifern die Portfoliomanager um die besten Startplätze für eine gute Wertentwicklung und decken sich ein. Mitte des Jahres werden dann Gewinne eingefahren. Gegen Jahresende aber reichen kleine Aufwärtsbewegungen des Marktes nunmehr aus, um die Manager zu Käufen zu zwingen, damit sie dem Markt nicht hinterherlaufen. Und irgendwann ist die Jahresendrally im schönsten Gange.

          Wetten mit Zertifikaten

          Da durchaus einige Börsianer sich an solche Regeln halten, liegt es für Banken nahe, daran auch verdienen zu wollen. Die Commerzbank etwa hat im Mai diesen Jahres passend zur Saison ein so genanntes „Sell-in-May-Zertifikat“ (ISIN: DE000CB54925) auf den DJ Eurostoxx 50-Index emittiert. Die Konstruktion ist leicht verständlich. Bis zum Ende der Laufzeit am 29. April 2011 wird jährlich die Wertentwicklung des Index' in den Monaten Oktober bis April mit jener der anderen fünf Monate vergleichen. Die Differenz wird gut geschrieben und mit dem Nominalwert des Zertifikats verrechnet. Was unter dem Strich bleibt, erhält der Anleger als Rückzahlung.

          Zusätzlich hat das Papier noch einen Sicherungsmechanismus für den Fall, daß die Summe der relativen Wertentwicklung negativ ist. Ist der Eurostoxx während der Laufzeit unter den Stand von 3125,88 Punkten gefallen, verwandelt sich das „Sell-in-May-Zertifkat“ in ein tröstendes Garantiezertifikat und der Anleger erhält immerhin den Nominalwert zurück. Ist der Index gefallen, mutiert „Sell-in-May“ zu einem ganz ordinären Index-Zertifikat und der Inhaber muß den Index-Verlust einstecken.

          Varianten für aktive und passive Anleger

          Die Ausgestaltung des Zertifikats ist damit durchaus fair. Übrigens ist es nicht das einzige Produkt, das auf saisonale Schwankungen setzt. Neben dem Zertifikat gibt es noch eine gleich konstruierte Anleihe (ISIN: (ISIN: DE000CB00852). Hier profitiert der Anleger nur zu rund 30 Prozent an der eventuell besseren Entwicklung im Winter. Dafür gibt es jedenfalls den Nominalwert zurück und eine jährliche Zinszahlung. Negativ: Als Finanzinnovation eingestuft, werden nicht nur Zinsen, sondern auch Kursgewinne voll besteuert.

          Auch die ABN Amro Bank hat ein ähnliches Produkt. Das frisch emittierte Dax Seasonal Strategy Open End Zertifikat (ISIN: NL0000196301) ist ein abgewandeltes Index-Zertifikat auf den Dax. Es ist indes so konstruiert, als ob ein Manager den Dax nachbilden, am letzten Tag im Juli verkaufen und am ersten Handelstag im Okotber wieder einsteigen würde. Der Vorteil des Konstrukts ist klar: Es besitzt die Flexibilität eines Index-Zertifikats und ist damit für aktive Anleger besser geeignet. Das Commerzbank-Produkt richtet sich an den Gelegenheits-Anleger, der sich mit der Geldanlage nicht weiter befassen will.

          Eine Frage der Wahrscheinlichkeit

          Die Krux des Ganzen ist natürlich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Bauernregel (die übrigens vollständig lautet: „Sell in May and go away, come back again on St. Leger's day“, also am zweiten Samstag im September).

          Nun, damit verhält es sich letztlich wie mit guten Bauernregeln. „Regnet es am Siebenschläfertag, der Regen sieben Wochen nicht weichen mag“ etwa beschreibt recht präzise das Phänomen, daß sich Ende Juni/Anfang Juli der Verlauf des sogenannten Jetstreams festlegt. Je nachdem, wo er verläuft, gelangt Mitteleuropa unter den Einfluß von Tiefs, die über die Nord- und Ostsee zu uns herüberziehen. Und so trifft die Siebenschläfer-Regel in München mit phänomenalen 80 Prozent zu, während „man sich in Hamburg besser nicht auf diese Bauernweisheit verläßt“, so die Internetplattform bauernregeln.net.

          Wie sieht es also mit der Rendite aus? Laut Commerzbank hätte das Zertifikat bei Rückrechnung über 15 Jahre eine Rendite zwischen durchschnittlich einen Ertrag von 13,69 Prozent gebracht. Jetzt beginnt das Raten. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Bauernregel zutrifft? 80 Prozent? Dann ist der Erwartungswert für die Rendite 10,95 Prozent. Oder nur 50 Prozent? Dann sind es nur noch 6,85 Prozent.

          Und noch zwei Nebenbemerkungen: Der Euro Stoxx selber brachte im Vergleichszeitraum eine fast identische Rendite (wobei die Werte für Einzelzeiträume aber viel unterschiedlicher ausfallen). Außerdem: Das ist alles Statistik. Denn egal wie wahrscheinlich etwas ist, daneben kann es alle Mal gehen.

          Merke dazu: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist.“

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