https://www.faz.net/-gv6-6wqrb

Wolkenkratzer-Index : Vorboten des Schwellenländer-Crashs?

  • -Aktualisiert am

Auch Dubai wollte vor seiner Krise hoch hinaus Bild: dpa

Je höher die Wolkenkratzer, desto näher eine Wirtschaftskrise. Derzeit entstehen die größten Türme in Indien und China.

          Die Londoner City ist eine Großbaustelle. Wer derzeit durch die Straßenschluchten des Bankenviertels eilt, ist erstaunt, welch mächtige Rohbauten künftiger Wolkenkratzer sich Stockwerk um Stockwerk in die Höhe schieben.

          Die Gebäude sind die Umsetzung begeisterter Planung auf dem Höhepunkt des Kreditbooms vor der Finanzkrise. Mittlerweile wird an der Spitze der "Glasscherbe" gearbeitet, einem Glasturm von 310 Meter Höhe - das vorläufig höchste Gebäude Europas.

          Im Übermut hoch hinaus

          Es ist kein Zufall, dass die Speerspitze dieses Turms mit zahlreichen anderen Wolkenkratzern in der Londoner City kurz vor der schwersten Finanzkrise und Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg geplant wurde. Seit dem Turmbau zu Babel scheint der Bau extrem hoher Gebäude das Ende einer Ära des Wohlstands zu signalisieren. Wenn die Türme immer mehr in den Himmel wachsen, scheint der Zusammenbruch des Systems bereits an die Wand geschrieben zu sein.

          Diesen Zusammenhang stellt eine aktuelle Studie heraus. Barclays Capital hat bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurück eine erstaunliche Zeitfolge von Phasen intensiver Bautätigkeit hoher Wolkenkratzer und folgender Währungs- und Wirtschaftskrisen zusammengestellt.

          "Der Bau von Wolkenkratzern tritt phasenweise auf, unterbrochen von langen Zeiten geringer Bautätigkeit. Dann aber kommen kurze Zeiten intensiver Planung, meist in einem Umfeld exzessiver Geldversorgung der Volkswirtschaft. Wolkenkratzer scheinen das architektonische Symptom kapitalistischer Volkswirtschaften zu sein", heißt es bei Barclays. In Zeiten extrem expansiver Geld- und Kreditpolitik seien Wolkenkratzer offenbar ein Zeichen fehlgesteuerten Kapitals. Es ist eines der ältesten Schicksale menschlicher Wirtschaftstätigkeit.

          Symbol des Größenwahns

          Der vorchristliche Turmbau zu Babel basiert auf einem archäologisch durch Funde belegten, mächtigen Zikkurat von 90 Meter Höhe im alten Babylon. Der Tempelturm wurde bereits 700 vor Christus bei den Sumerern erwähnt.

          Nach seiner Zerstörung wurde er von Nebukadnezar etwa 600 vor Christus wieder aufgebaut, bei der Eroberung Babylons durch den Perser Xerxes jedoch wieder zerstört und später von Alexander dem Großen, der ihn eigentlich noch einmal hatte aufbauen wollen, zunächst vollends abgetragen. Die von Gott verfügte Verwirrung der Sprachen als Strafe für den Größenwahn der Bevölkerung und Bauherren deutet darauf hin, dass die Stadt wirtschaftlich ein mächtiger Handelsknotenpunkt war mit einer für damalige Verhältnisse recht internationalen Bevölkerung.

          Dubai, Asienkrise, Große Depression

          Nicht nur in der Londoner City spiegelt sich der architektonisch umgesetzte Größenwahn des jüngsten Kreditbooms der Neuzeit wider. Der bisher höchste Wolkenkratzer der Welt, der mächtige Burj Khalifa in Dubai, ist mit seinen 162 Stockwerken ebenfalls Symbol einer exzessiven Immobilienspekulation im Nahen Osten, der im Rahmen der globalen Finanzkrise ein jähes Ende gesetzt wurde.

          Die beiden Petronas-Türme in Kuala Lumpur gingen der Asienkrise voraus, das World Trade Center und der Sears Tower in Chicago standen vor dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und der Ölkrise. Das Empire State Building und Chrysler Building in New York markieren den Überschwang und dann Zusammenbruch der globalen Volkswirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen Anfang der dreißiger Jahre.

          Indien und China wollen hoch hinaus

          Ein Blick auf die andere Seite des Erdballs verrät, wer sich für die nächste Krise wappnen sollte: Die Höhe des Burj Khalifa wird vorläufig architektonisch nur schwer zu überbieten sein. Aber die Masse der im Bau befindlichen Wolkenkratzer alarmiert, vor allem in Indien und China. Bisher hat Indien nur zwei der 276 globalen Wolkenkratzer mit einer Höhe von mehr als 240 Metern. In den kommenden fünf Jahren sollen auf dem Subkontinent jedoch 14 neue Türme dieser Höhe fertiggestellt werden, darunter der zweithöchste Turm der Welt, der "Tower of India".

          Noch atemberaubender ist die Bautätigkeit in China, wo sich die Etagen der Wolkenkratzer schon lange nicht mehr nur in Schanghai oder Peking in die Höhe schieben. Auch in der Liga der zweit- und drittgrößten Städte des Landes schlägt sich der Bauboom in immer höheren Bürotürmen nieder. In den kommenden sechs Jahren werden in China 53 Prozent der derzeit weltweit im Rohbau befindlichen 124 Wolkenkratzer fertiggestellt. Schon jetzt stehen 75 Türme dieser Höhe in China.

          Barclays Capital warnt daher, dass der Bauboom dieser starken Ansammlung von immer häufigeren und immer höheren Wolkenkratzern in Asien und China der Vorbote einer deutlichen Abkühlung der überstürzten volkswirtschaftlichen Expansion der Schwellenländer sein könnte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Sowohl Trump als auch Johnson winken mit ihrem zerstörerischen Potential. Nur schätzen sie ihre Position falsch ein.

          Schwäche der EU? : Boris Trump

          Sowohl Trump als auch Johnson verschätzen sich: Man kann aus den Wechselbeziehungen der globalisierten Welt nicht in Trotzecken fliehen und dabei nachhaltige Gewinne machen. Europa ist da in einer stärkeren Position.

          Axel Voss auf der Gamescom : Zu Gast bei Feinden

          Der EU-Abgeordnete Axel Voss ist die Hassfigur der Youtuber und Gamer. Mit der Reform des Urheberrechts hat er die Szene gegen sich aufgebracht. Sein Besuch auf der Spielemesse Gamescom lief dann aber anders als erwartet.
          Noch baumelt der Golf an den Greifarmen im Zwickauer VW-Werk. Bald soll ihn das Elektromodell ID ablösen.

          VW-Werk : Zwickau wird elektrisch

          VW produziert im sächsischen Zwickau bald nur noch Elektroautos. Das Werk wird damit zum Modell für die ganze Branche. Was bedeutet das für die Arbeiter? Ein Besuch im Versuchslabor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.