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Wirtschaftsbuch des Jahres : Acht Jahrhunderte voller Finanzkrisen

New Era, New Economy, Modern Times - der alte Selbstbetrug Bild: Princeton University Press

Die Frankfurter Buchmesse öffnet ihre Pforten - auch mit einer großen Zahl neuer Wirtschaftstitel. Das wichtigste Wirtschaftsbuch des Jahres ist vor wenigen Tagen erschienen. Es erscheint geeignet, das Denken über Finanzkrisen zu beeinflussen.

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          Über gut zwei Jahrzehnte war es leicht, einem Ratsuchenden ein Standardwerk über Finanzkrisen zu empfehlen: Kaum ein Weg führte an „Manias, Panics and Crashes“ des mittlerweile verstorbenen amerikanischen Wirtschaftshistorikers Charles P. Kindleberger vorbei. Das Buch liest sich recht flüssig und besticht durch einen reichen Inhalt, leidet aber an einer Schwäche: Es fehlt eine Systematisierung von Finanzkrisen.

          Nun liegt ein grundlegendes Werk über Finanzkrisen der vergangenen 800 Jahre vor, das die von Kindleberger hinterlassene Lücke schließt. Die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Ken Rogoff hatten im vergangenen Jahr ein hochgelobtes Arbeitspapier über Krisen veröffentlicht, das als Nukleus für ein hochinteressantes Buch diente. Ihr Werk setzt nicht nur Maßstäbe; es verdeutlicht dem Laien auch, dass moderne Ökonomen nicht nur für den Elfenbeinturm arbeiten, sondern relevante und spannende Themen verständlich präsentieren können. Ein Verlag für eine deutsche Übersetzung sollte sich finden lassen.

          Je mehr die Dinge sich ändern...

          Der Spruch „Diese Zeit ist anders“ (This time is different) kennzeichnet nicht nur den Titel des Buches, sondern auch eine Lebenseinstellung, die sich glänzend zur Vernichtung von Vermögen eignet und zudem erklärt, warum sich Finanzkrisen wiederholen und keine Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden. In Zeiten stark steigender Vermögenspreise - seien es Aktienkurse oder Immobilienpreise - finden sich stets Vertreter der Ansicht, dass es sich bei der Hausse dieses Mal nicht um den Vorboten eines Zusammenbruchs handele, sondern um eine wirtschaftlich völlig gesunde Entwicklung. Diesen Vertretern des „Dieses Mal ist alles anders“ wird gerne geglaubt - bis der Crash dann doch kommt und sich das Publikum völlig erstaunt fragt, wie es nur dazu kommen konnte und warum es nicht gewarnt wurde.

          Reinhart und Rogoff gehen davon aus, dass keine ökonomische Theorie existiert, mit deren Hilfe sich der Eintritt einer Krise zuverlässig prognostizieren lässt. Daher wollen sie versuchen, aus den Erfahrungen der Vergangenheit Muster zu erkennen, mit deren Hilfe sich Krisen möglicherweise frühzeitig erkennen lassen. Ihrem Buch liegt daher eine bislang einmalige, zum Teil auf komplizierten Wegen zustande gekommene Datensammlung über mehrere hundert Krisen seit dem 13. Jahrhundert zugrunde.

          Am Anfang stand der Staatsbankrott

          Die Autoren beginnen ihre Untersuchung mit Krisen, die aus der Unfähigkeit oder Unwilligkeit von Staaten entstehen, ihre Schulden zurückzuzahlen. An solchen Staatsbankrotten ist die Geschichte sehr reich, angefangen von der Weigerung des englischen Königs Edward III. im 14. Jahrhundert, seine Schulden bei florentinischen Handelshäusern wie den Bardi und den Peruzzi zu bezahlen. Reinhart und Rogoff treffen eine weitere Unterscheidung zwischen der Verschuldung von Staaten im Ausland und im Inland.

          Die Untersuchung zeigt, warum es so immens schwierig ist, den Eintritt von Krisen vorherzusagen. Denn wenn auch Muster von Krisen erkennbar sind und nichts wirklich neu ist, so besitzt jeder Einzelfall seine Eigentümlichkeit. Japans Staatsverschuldung liegt bei weit über 100 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP), aber niemand fürchtet einen Staatsbankrott. In anderen Fällen haben Länder ihre Zahlungen eingestellt, obgleich ihre Verschuldung kaum mehr als 20 Prozent des BIP ausmachte. Nicht selten versuchten Regierungen, Schulden in eigener Währung durch Inflation wertlos zu machen.

          Nicht nur der Schuldner ist schuld

          Aber nicht nur das Verhalten von Staaten ist schwer vorauszusehen - das der Anleger lässt sich nicht leichter nachvollziehen. Denn ein Staat kann sich nur verschulden, wenn er Geld bekommt, sei es als Bank, die einen Kredit gibt, sei es als Anleger, der Staatsanleihen kauft. Die meisten Banken und Anleger sind private Institutionen oder Personen. „Tango kann man nur zu zweit tanzen“, schreiben Reinhart und Rogoff, und damit wird deutlich, dass die alte Frage „Markt oder Staat?“ zu simpel ist, um mit ihrer Hilfe Finanzkrisen zu bewerten. An Finanzkrisen sind meist Staat und Markt beteiligt.

          Die Autoren konstatieren alleine für Frankreich acht Staatsbankrotte zwischen 1558 und 1788 und sechs Pleiten für Spanien zwischen 1557 und 1647 - was nebenbei die These widerlegt, Finanzkrisen seien vor allem ein Produkt der Gegenwart. Warum bekamen diese Staaten immer wieder Geld so wie manche lateinamerikanischen Staaten in unserer Zeit?

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