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Hedgefondsmanager im Interview : „Computer sind phantastische Geldanleger“

  • Aktualisiert am

David Harding leitet die britische Hedgefonds-Gesellschaft Winton Capital. Bild: Frank Röth

Hedgefonds-Manager David Harding lässt sich von Computern die Börsenkurse vorhersagen. Das hat ihn zum Multimillionär gemacht.

          Herr Harding, Sie gelten als Pionier des quantitativen Investierens, das sich ganz auf Computermodelle verlässt. Sind Computer die besseren Geldanleger?

          Zunächst einmal ermöglichen sie es uns, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wissen Sie, bevor ich 1982 in der Finanzbranche anfing, habe ich Physik studiert. Teleskope und Mikroskope haben mich darum stets fasziniert. Teleskope zeigen uns den Mond, die Galaxie um uns herum. Mikroskope dagegen die kleine, mit dem bloßen Auge nicht sichtbare Welt. In gewissem Sinne ist es das, was Computer uns ermöglichen: Sie können Unmengen an Daten sammeln, viel mehr als ein einzelner Mensch je im Laufe seines Lebens sammeln könnte. Und mit diesen Daten lassen sich die Zusammenhänge auf der Welt besser verstehen. Ganz so, wie man eben auch nach einem Blick durchs Mikroskop die Welt anders wahrnimmt. Darum halte ich Computer für ein phantastisches Werkzeug. Aber programmiert werden sie immer noch von Menschen.

          Sind also Menschen, die Computer programmieren können, die besseren Geldanleger?

          Das muss nicht notwendigerweise so sein. Aber in aller Bescheidenheit würde ich sagen, dass da schon etwas dran ist. Natürlich gibt es heute keinen Fondsmanager mehr, der ohne Computer arbeitet. Das wäre auch verrückt. Stellen Sie sich nur einmal vor, ein Händler würde seine Order heute noch per Telefon abgeben. Er wäre im Vergleich zu allen anderen hoffnungslos zu spät. Doch meine Mitarbeiter und ich nutzen Computer ganz anders als die meisten unserer Konkurrenten. Wir werten mit Hilfe von statistischen Modellen und Algorithmen so viele Daten aus, wie wir nur kriegen können - und leiten daraus bestimmte Muster und Zusammenhänge ab, die uns Auskunft über die künftige Preisentwicklung beispielsweise an den Rohstoffmärkten geben.

          Das klingt ganz schön anmaßend.

          Zugestanden. Seien Sie versichert, dass dies eine äußerst schwierige Aufgabe ist, bei der wir auch häufig danebenliegen. Aber unser Handeln ist trotzdem nicht anmaßender als das, was die meisten anderen Fondsmanager tun. Viele von ihnen sind die reinsten Geschichtenerzähler, die Ängste und Gier der Menschen geschickt ausnutzen.

          Fondsmanager als Märchenerzähler - übertreiben Sie da nicht?

          Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Eine erfreuliche Geschichte, die Sie in Deutschland sicher immer wieder hören, geht so: Der deutschen Wirtschaft geht es blendend - also sollte jeder deutsche Aktien kaufen. Das zielt auf die Gier der Menschen ab. Man kann aber auch eine ganz andere Geschichte erzählen: Der Finanzkapitalismus wird bald an seinen eigenen Widersprüchen zugrunde gehen, dann wird die Anarchie ausbrechen - also sollte jeder Gold kaufen. Das wiederum zielt auf unsere Ängste ab. So arbeitet im Großen und Ganzen die Finanzindustrie. Sie verkauft uns Geschichten und erhält dafür eine stattliche Gewinnmarge. Ich finde das nicht verwerflich. Aber wir arbeiten so nicht.

          Sich von Computern die Zukunft vorhersagen zu lassen klingt auch nicht viel seriöser.

          Das sehe ich anders. Ich hatte ja bereits darauf hingewiesen, dass die Computer unser Werkzeug sind und nicht etwa die Computer den Menschen beherrschen, wie Sie suggerieren. Was wir tun, mag zunächst nicht ganz eingängig klingen, folgt aber in meinen Augen einem absolut wissenschaftlichen Ansatz. Aufgrund einer eingehenden mathematischen Analyse von Datensätzen kalkulieren wir die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse - und wetten darauf, wenn uns die Wahrscheinlichkeit günstig erscheint.

          Geht das auch etwas konkreter?

          Ich könnte jetzt sagen: Wir versuchen, Preistrends aufzuspüren und daran zu verdienen. Wenn wir also glauben, dass der Preis für Sojabohnen in Zukunft steigen wird, kaufen wir Wertpapiere, die genau das abbilden. „Go with the flow“, nennen wir Engländer das. Aber auch wenn wir natürlich schon auf den Sojapreis gewettet haben, wäre diese Darstellung trotzdem zu einfach. Denn eine einzelne Wette kann immer schiefgehen. Bei uns laufen aber stets Tausende Wetten auf zahlreichen Märkten gleichzeitig. Nur so lässt sich am Ende Geld verdienen. Wir waren damit sehr erfolgreich, erfolgreicher als die meisten unserer Konkurrenten.

          Aber wo investieren Sie dann derzeit?

          Die Frage kann ich Ihnen schlicht nicht beantworten. Das hat mit der schieren Menge an Wetten zu tun, die wir gleichzeitig eingehen. Mal setzen wir auf fallende Preise, mal auf steigende Preise - und dies kann sich zudem laufend ändern. Wir folgen keinem Weltbild, haben in dem Sinne keine unabänderliche Marktmeinung. Wenn Sie von mir wissen wollen, wo der Dax in einem Jahr steht, muss ich Sie darum leider enttäuschen.

          Eine Kritik an Ihrer InvestmentMethode lautet: Niemand kann auf Dauer den Markt schlagen. Demnach wären Ihre Zugewinne nur glücklicher Zufall.

          Was meinen Sie, wie oft ich das zu hören bekommen habe, vor allem zu Beginn meiner Karriere? Die Theorie effizienter Märkte, auf die Sie anspielen, geht nun einmal davon aus: An den Finanzmärkten sind alle relevanten Informationen bereits in den aktuellen Preisen enthalten. Demnach wäre unser Ansatz in der Tat völlig sinnlos. Aber ehrlich gesagt kann ich nicht erkennen, warum die Theorie effizienter Märkte in der Praxis stimmen sollte.

          Für diese Theorie hat Eugene Fama den Nobelpreis erhalten.

          Das macht sie nicht besser. Wissen Sie, in meiner Firma arbeiten fast ausschließlich Naturwissenschaftler, keine Ökonomen. Ein Grund dafür ist, dass die meisten Ökonomen an die Theorie effizienter Märkte glauben.

          Lassen sich Physiker und Ingenieure leichter vom Gegenteil überzeugen?

          Nein, sie sind anfangs immer sehr skeptisch. Ich habe aber zwei Wege, um sie zu überzeugen: Zum einen können sie schon an unserer schönen Firmenzentrale in London sehen, dass sich mit unserem Ansatz Geld verdienen lässt. Gut, ich gebe zu, einen hartgesottenen Naturwissenschaftler wird das erst mal kaltlassen. Viel wichtiger ist darum das Argument, das ich dann immer vorbringe. Jeder Physiker kennt das Phänomen der Brownschen Bewegung, wonach sich kleinste Teilchen völlig frei und zufällig im Raum verteilen. So in etwa stellen sich die Verfechter der Theorie das Geschehen an den Märkten vor. Aber das hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Märkte sind in meinen Augen ein soziales Konstrukt, eine von Menschen geschaffene Einrichtung, die es wert ist, studiert zu werden. Und da sie von Menschen geschaffen wurde, neigt diese Einrichtung zu Ineffizienzen, an denen wir verdienen können.

          Dass Sie an steigenden und fallenden Kursen verdienen, wird Anlegern wie Ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Für die Gesellschaft ist Ihre Arbeit in der Tat nicht von großem Nutzen, oder?

          Zugegeben: Die meisten von uns sind im Finanzgeschäft gelandet, weil es dort viel Geld zu verdienen gibt. Klar wäre es besser gewesen, wenn wir stattdessen eine neue Mondfähre gebaut hätten oder etwas in der Art. Aber ich schaffe mit meiner Firma Arbeitsplätze und zahle Steuern - und zwar nicht zu knapp.

          Die britische Presse schrieb, dass niemand im Jahr 2012 so hohe Steuern gezahlt habe wie Sie: 34 Millionen Pfund, bei einem Einkommen von 87 Millionen.

          Da sehen Sie es.

          Haben Sie keine Angst, dass Ihre Firma einmal das Schicksal des Hedgefonds LTCM erleidet, dessen Zusammenbruch 1998 das Finanzsystem erschütterte?

          Bei einer oberflächlichen Betrachtung mag man Ähnlichkeiten entdecken. LTCM wurde ausschließlich von Wissenschaftlern geführt, auch wir haben einen wissenschaftlichen Ansatz. Tatsächlich aber gibt es große Unterschiede. LTCM hat mit einem gewaltigen Hebel spekuliert, also mit wenig Einsatz hohe Summen bewegt. Das machen wir definitiv nicht. Aber es gibt eine Lehre, die jeder Geldmanager aus dem Debakel ziehen sollte: Traue nie zu sehr deiner eigenen Methode, bleib immer misstrauisch und paranoid. Auch wenn es manchmal schwerfällt: In all den Jahren meiner Karriere habe ich stets versucht, mich daran zu halten.

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