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Wie Schwarzgeld weiß wird : Geldwäsche mit dem Wetter in Zürich

  • -Aktualisiert am

Es gewinnt, wer aufs Gewitter setzt: Blitz und Donner über Zürich Bild: AP

Funktionäre in China verstecken viel Geld in Treuhandfonds. Das ist an sich nichts Verbotenes. Doch wie haben die Chinesen das Geld trotz strenger Kapitalverkehrskontrollen außer Landes geschafft?

          Angehörige von Chinas Toppolitikern und Militärs sollen Billionen in der Karibik versteckt haben, unter anderem auch in „Trusts“, also Treuhandfonds. Das berichten der britische „Guardian“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Dass die dabei behilflichen Banken damit verbotene Geschäfte ermöglicht haben, ist bisher unbewiesen. Denn ebenso wenig, wie jedes Konto bei einer Schweizer Bank als Beweis für Schwarzgeld gelten kann, ist auch ein Trust an sich nichts Verbotenes.

          Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wie haben die Chinesen das Geld trotz strenger Kapitalverkehrskontrollen außer Landes geschafft? Da einfache Geldwäschetechniken – zum Beispiel prächtig bezahlte Beratertätigkeiten in der Schweiz für die Gattin eines einflussreichen Funktionärs – schnell entlarvt werden, entwickeln Geldwäscher ständig neue Methoden, um die Aufdeckung zu erschweren und ihre Spuren zu verwischen. Eine Möglichkeit: Geldwäsche mit Hilfe von Finanzderivaten, die vor allem zur Verschleierung von Geldspuren angewandt werden. „Geldwäscher machen sich die Komplexität der derivativen Produkte zunutze, da dieses Merkmal eine Nachverfolgung der Geldspur deutlich erschwert“, sagt Alexander Glebovskiy, Autor des Buches „Geldwäsche mit Derivaten“ und freier Unternehmensberater.

          Glänzend geeignete Wetterderivate

          Eine weitere Eigenschaft von Derivaten, wie geschaffen für Geldwäscher, ist die geringe Transparenz auf dem unregulierten OTC-Markt (over the counter). Dort werden Derivate nur direkt zwischen Handelspartnern getauscht. Der Handel auf internationalen Märkten stellt ebenso einen Anreiz dar wie die Möglichkeit, mit kleinem Kapitaleinsatz hohe Gewinne zu erzielen: „Damit bieten derivative Finanzinstrumente eine hervorragende Möglichkeit, illegal erworbenes Geld unauffällig in den legalen Finanzkreislauf einzuschleusen und einen legitimen Nachweis für unrechtmäßiges Vermögen zu verschaffen“, sagt Glebovskiy.

          Ein vereinfachtes Beispiel für diese Praxis: Ein chinesischer Beamter schustert einem ausländischen Unternehmen einen Auftrag zu und erhält dafür ein Bestechungsgeld von 1 Million Dollar. Da seinen Freunden und Kollegen klar sein dürfte, dass ein Beamter in China nicht so viel Geld verdient haben kann, muss er das Geld waschen, und darauf spezialisierte Unternehmen helfen ihm dabei.

          Glänzend geeignet dafür sind etwa Wetterderivate, bei denen die Preise von der Temperaturentwicklung in Städten oder Regionen abhängen. Der Beamte nimmt seine Million und wettet damit in China mit einem Handelspartner, dass die Temperatur im Januar in Zürich mehr als 30 Grad Celsius beträgt. Trotz Klimawandels wird der chinesische Beamte die Wette offensichtlich verlieren. Gleichzeitig schließt er ein umgekehrtes Geschäft mit demselben Handelspartner in der Schweiz ab, dass die Temperatur in Zürich im Januar nicht über 30 Grad steigt, und gewinnt damit seine Million zurück.

          Trust-Missbrauch nur schwer nachzuweisen

          Ein paar Verschleierungsmaßnahmen später befindet sich das Geld in der Alpenrepublik und muss nur noch angelegt werden, damit der wohlverdiente Beamte bei Auslandsreisen von der Rendite profitieren kann. Erst hier kommen die Banken mit ihren Treuhandfonds ins Spiel. Besonders beliebt ist eine solche rechtliche Konstruktion vor allem bei Leuten, die nicht offenbaren wollen, wie es um ihre Vermögenswerte bestellt ist – was für Industrielle, aber auch für korrupte chinesische Funktionäre gilt.

          Das Konzept des Treuhandfonds, das in England während des 12. und 13. Jahrhunderts zur Zeit der Kreuzzüge entstand und auch heute noch vorwiegend im angelsächsischen Raum genutzt wird, funktioniert vereinfacht so: Der Geldgeber verpflichtet einen Treuhänder, seine Interessen am Eigentum wahrzunehmen und ihm jährliche Auszahlungen zu sichern. „Ein Trust ist ein flexibles Instrument, ideal zur Verwaltung größerer Privatvermögen, bei voller Wahrung der Anonymität“, sagt Michael Leistikow, Partner und Rechtsanwalt der Kanzlei Hogan Lowells am Standort Düsseldorf. So lasse sich in einer großen Familie etwa ein Nachlass ordnen – indem die Nachkommen das Vermögen erst nach und nach ausgezahlt bekommen. Treuhandfonds werden auch bei Börsengängen genutzt, um Steuern zu sparen.

          Ein Trust kann aber eben auch dazu missbraucht werden, Geld aus Geldwäscheaktivitäten zu verstecken. „Das Erkennen von fiktiven Derivatgeschäften im unregulierten Markt ist sehr schwierig“, sagt Alexander Glebovskiy. Bei einer Wette mit Derivaten stellen die Verluste der einen Vertragspartei die „weiß” gewaschenen Gewinne der anderen Vertragspartner dar. Das Geld verschwindet somit nicht, sondern wechselt lediglich den Besitzer. Die Geldwäscher haben sich einen legalen Nachweis des Einkommens als Handelsgewinne verschafft.

          Das macht es Banken, denen die Annahme von illegalem Geld verboten ist und die fast alle Tochtergesellschaften für Trust-Dienstleistungen haben, so schwer, Geldwäsche zu entdecken. Um dies zu erkennen, würden sich die Banken wahrscheinlich wünschen, dass Geld doch stinkt – zumindest legales nach Seife.

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