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Wie die Welt spart : Österreicher lieben es konservativ

Salzburg Bild: ddp

Zwischen Bregenz und Eisenstadt halten die Bürger wenig von risikoreichen Geldanlagen. Erspartes wird noch immer am liebsten auf das Sparbuch gelegt.

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          Im Umgang mit Geld verhalten sich die Österreicher schizophren: Beim Sparen herrscht Vorsicht; beim Verschulden hingegen Wagemut, wie die Neigung zu Fremdwährungskrediten zeigt. Traditionell legen die Bürger zumindest ein Zehntel ihres verfügbaren Einkommens auf die Seite, um einen Notgroschen zu haben. Derzeit werden im Durchschnitt je Person nach einer Erhebung der Direktbank ING Direct rund 290 Euro im Monat gespart.

          Michaela Seiser
          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Sicherheit hat eine hohe Tradition bei den Bürgern, deren Vorfahren vor und zwischen den beiden Weltkriegen durch den Währungsverfall beträchtlich an Vermögen verloren haben. Diese Erfahrung und das ungebrochene Vertrauen in einen fürsorglichen Staat dürften mitbegründen, dass sich die Österreicher risikoreichen Anlageformen nur zaghaft und erst spät angenähert haben. So sind erst weniger als 10 Prozent der Bevölkerung Aktionäre. Hingegen spielen Bargeld und Einlagen eine herausragende Rolle. Nach Darstellung der Cronos-Datenbank von Eurostat betrug deren Anteil 49,2 Prozent am Finanzvermögen der Haushalte im vergangenen Jahr, während er in den meisten anderen europäischen Ländern wesentlich unter der Marke liegt.

          Vergleichsweise bedeutend für die österreichischen Haushalte sind auch festverzinsliche Wertpapiere. Ende 2007 belief sich deren Anteil am Finanzvermögen der Haushalte auf 8,2 Prozent, nur in Italien war er höher. Interessant sind für die Österreicher zudem staatlich geförderte Sparformen, wie eine prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge, steuerbegünstigte Wohnbaudarlehen und Bausparen. Nach wie vor spielt das staatliche Rentenwesen in dem bis vor zehn Jahren sozialistisch geprägten Land eine dominante Rolle, erst vergleichsweise spät wurde mit einer zweiten und dritten Säule der Altersvorsorge begonnen. Die private Vorsorge ist noch stark unterentwickelt.

          Bild: F.A.Z.

          Sparbuch erlebt Renaissance

          Seit Ausbruch der Krise hat sich die Risikoscheu verschärft. Mit der Konjunkturflaute beobachten Fachleute, dass die Österreicher verstärkt eine eiserne Reserve zu Hause, "unter der Matratze", zurückhalten. Das in der Zwischenzeit als altmodisch geltende Sparbuch erlebt eine Renaissance, aber auch Gold und Immobilien sind gefragt. Hingegen ebbt das Interesse an Wertpapieren deutlich ab. Dies bestätigt auch die Erhebung des Meinungsforschungsinstituts GfK Austria über die bevorzugten Anlageformen der Österreicher für das zweite Quartal. Entsprechend dieser Auswertung war für 52 Prozent der Bürger das Sparbuch die beliebteste Anlageform im Vergleich zu lediglich 15 Prozent im Jahr 2000.

          Alexander Zeh, Finanzmarktforscher bei GfK, begründet diese Entwicklung mit der Unsicherheit der vergangenen Monate. "Man vertraut einerseits dem, was man kennt, und möchte andererseits sein Geld nicht zu lange binden. Es könnte ja bald wieder aufwärtsgehen." Das Sparbuch hat sich diesen Daten zufolge in den zurückliegenden acht Jahren in der Beliebtheit fast vervierfacht; damit entscheiden sich die Österreicher für die Strategie Abwarten und parken ihr Geld am täglich fälligen Sparbuch selbst bei unattraktiven Zinsen.

          Insgesamt gibt es 24 Millionen Sparbücher im Land. Auf einem Großteil davon finden sich Beträge bis zu 10 000 Euro. Viele davon stammen noch aus der Zeit, als es möglich war, anonym Geld anzulegen. Erst auf Druck der Geldwäschebehörde FATF hatte Österreich seinerzeit seine Sparbuch-Anonymität aufgeben müssen. Lange und letztlich vergebens hatten die Österreicher gegenüber der FATF argumentiert, dass sich das kleine österreichische Sparbuch nicht zur Geldwäsche eignen würde: Seit November 2000 herrscht Legitimationspflicht - beim Abheben wie auch bei der Einzahlung müssen sich Sparer nun am Bankschalter ausweisen. Das auf diese Weise Ersparte wird mit einer Kapitalertragsteuer von 25 Prozent endbesteuert, so dass hier auch der Fiskus nicht zu kurz kommt.

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