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Wie die Welt spart : Frankreich setzt auf Immobilien und Sparbuch

Die Banque ist populaire Bild: REUTERS

Eine hohe Sparrate schützt die Franzosen vor den Folgen der Finanzkrise. Wie die Deutschen bevorzugen sie Immobilien. Aus Aktien sind sie vor Jahren ausgestiegen. Ökonomen kritisieren eine Steuerpolitik, die das Sparvermögen zum Spielball der Politik macht.

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          Die Franzosen zählen zu den eifrigsten Sparern Europas. Vor der Finanzkrise ging das Präsident Nicolas Sarkozy sogar zu weit, so dass er eine französische Art von Subprime-Krediten ins Leben rufen wollte. Er forderte, dass Immobilieneigentümer ganz leicht ihre Häuser und Wohnungen für andere Ausgaben zusätzlich beleihen dürfen - eine „wiederaufladbare Hypothek“, wie er es nannte.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Das Dummgeschwätz von gestern

          In seinem Wahlprogramm 2007 schrieb der spätere Präsident: „Die französischen Haushalte haben heute in Europa die geringste Verschuldung. Doch eine Volkswirtschaft, die sich nicht ausreichend verschuldet, ist eine Volkswirtschaft, die nicht an die Zukunft und an ihre Stärken glaubt . . . Daher muss das System der Hypothekendarlehen reformiert werden . . . Wenn der Zugang zu Hypothekendarlehen leichter wäre, dann würden sich die Banken weniger auf die Fähigkeiten der Kunden zur Tilgung konzentrieren. Stattdessen würden sie auf die mit Hypotheken belasteten Objekte mehr Kredite ausgeben . . . Man muss den Banken Anreize geben, dass sie Kredite an alle vergeben und nicht nur an die Wohlhabenden.“

          Bild: F.A.Z.

          Eineinhalb Jahre später - Lehman Brothers ist inzwischen insolvent - spricht Sarkozy ganz anders. In seiner programmatischen Rede Ende September in Toulon sagte er: „Man hat die Banken auf den Märkten spielen lassen, anstatt dass sie Ersparnisse für die wirtschaftliche Entwicklung mobilisieren und dabei die Kreditrisiken richtig analysieren.“

          Vor allem Immobilien

          Auch einem Präsidenten muss freilich das Recht zugestanden werden, hinzuzulernen. Von den „wiederaufladbaren Hypotheken“ spricht in Frankreich heute niemand mehr. Bis sie möglich wurden, stiegen die Zinsen schon wieder, außerdem wurde ihre Benutzung durch etliche Vorschriften eingeengt. So diskutieren die Franzosen ihre hohe Sparrate heute weniger kontrovers als vor der Krise, zumal der Konsum der privaten Haushalte schon seit langem eine Stütze der französischen Wirtschaft ist - in viel höherem Maße als in Deutschland.

          Ein Großteil der französischen Ersparnisse steckt in schwer beweglichen Anlagen: Zwei Drittel des Sparvermögens bestehen aus Immobilien. Der Anteil der Finanzanlagen ist seit seinem Höhepunkt Ende der neunziger Jahre von rund 45 Prozent auf ein Drittel gefallen. Dafür waren die Enttäuschungen nach dem Platzen der Internet-Blase verantwortlich sowie der kräftige Preisanstieg für Häuser und Wohnungen.

          Weil sie wenig in Aktien investiert sind, haben die Franzosen auch die Kursverluste des vergangenen Jahres weniger hart getroffen als andere. Ihre Ersparnisse bewegen sich auf einer beeindruckenden Höhe: Ende 2008 beliefen sie sich auf 10.500 Milliarden Euro, der Immobilienbesitz eingeschlossen. Das entspricht dem 5,6fachen des Bruttoinlandsproduktes.

          Genug auf der hohen Kante

          Auf der anderen Seite entspricht die Verschuldung der Haushalte nur 62 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Selbst wenn die Staatsverschuldung hinzugerechnet wird, müssen die Franzosen nicht in Angstschweiß ausbrechen. „Geht man davon aus, dass die Bruttostaatsverschuldung am Ende der Finanzkrise bei 90 bis 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen wird, sind die französischen Haushalte immer noch reich - sogar dann noch, wenn sie zur Rückzahlung aller Staatsschulden gezwungen würden“, meint Jacques Delpla, Mitglied des Conseil d'Analyse Economique (CEA), eines Beratungsgremiums des Premierministers.

          Im vergangenen Jahr lag die Sparquote der Franzosen nach Angaben des staatlichen Statistikamtes Insee bei 15,3 Prozent der verfügbaren Bruttoeinkommen. Seit 2002 schwankt sie zwischen 16,9 und 14,9 Prozent. Wo das optimale Niveau liegt, ist wissenschaftlich nicht geklärt, wie der Ökonom David Thesmar von der Hochschule HEC sagt. „Auf jeden Fall kann Frankreich damit seine Investitionen decken, anders als etwa die Vereinigten Staaten.“

          Steuerfreies Sparbuch

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