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Ängstliche Millionäre : Die Verteidigung des Reichtums

Im Yachthafen von Monaco treffen sich die Reichen und die Schönen. Bild: Nick Hannes/laif

Reiche haben Angst, ihr Vermögen wieder zu verlieren. Darum schützen sie es mit allen Mitteln. Oft sogar vor der eigenen Familie.

          Die wirklich reichen Menschen dieser Erde verfügen aus Sicht des Rests der Menschheit über eine recht beklagenswerte Eigenschaft: Sie reden in aller Regel nicht gerne über ihr Vermögen. Was man auf der einen Seite ja verstehen kann: Neid und Missgunst lauern schließlich überall. Was die Sache auf der anderen Seite aber ja gerade so spannend macht: Gibt es doch kaum etwas, was die Phantasie der Menschen derart beflügelt wie wilde Spekulationen über das Leben der Superreichen.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die in Harvard ausgebildete Soziologin Brooke Harrington ist das Ganze pragmatisch angegangen. Ihr Ansatz: Wenn es schon nicht gelingt, mit den Superreichen selbst zu reden, dann muss man eben mit denen ins Gespräch kommen, die für die Superreichen arbeiten. Am besten mit demjenigen Teil des Personals, der tagaus, tagein mit ihrem Geld zu tun hat - also mit den Vermögensverwaltern, die sich fast jeder UHNWI zu Diensten hält. UHNWI ist eine englische Abkürzung, die man kennen muss, wenn man sich in diesem Gewerbe bewegt: Sie steht für Ultra High-Net-Worth Individual und bezieht sich auf Menschen, die über ein Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar verfügen.

          Natürlich ist auch der Kontakt zu den Geldmanagern der Superreichen nicht gerade kinderleicht herzustellen: Jeder Vermögensverwalter, der offen über seine Kunden spricht, ist seine Stellung in Windeseile wieder los. Harrington hat darum für ihr lesenswertes Buch „Capital without Borders: Wealth Managers and the one percent“ (bislang nur auf Englisch erschienen im Verlag Harvard University Press) einen ausgesprochen umständlichen, aber am Ende erfolgreichen Weg gewählt, um solche Verwalter kennenzulernen. Sie hat sich einfach selbst mehrere Jahre lang zur Vermögensmanagerin ausbilden lassen. So erhielt sie Zugang zu dieser ansonsten sehr verschwiegenen Branche. Trotzdem dauerte es insgesamt sieben lange Jahre, bis eine Reihe von Geldverwaltern Harrington unter Zusicherung der Anonymität Auskunft für ihr Buch gab. Insgesamt 65 Vermögensverwalter aus 18 Ländern von Großbritannien über die Schweiz und Liechtenstein bis hin zu Hongkong, Singapur und Mauritius konnte die Soziologin zu längeren Gesprächen treffen.

          Verlustängste

          Entstanden ist ein einzigartiger Einblick nicht nur in die Welt ebendieser Vermögensverwalter, sondern auch in die Welt der Multimillionäre und Multimilliardäre, was mit einem einfachen Umstand zu tun hat: Die Geldmanager sind in der Regel mehr als reine Anlageberater. Sie haben nicht nur den Überblick über die Finanzen, sondern wissen darüber hinaus so gut wie alles über das Leben ihrer Klienten: Sie kennen die Kinder der Geliebten, von denen die Ehefrau nichts weiß, sie wissen um die Alkoholprobleme des Schwagers, die vor dem Rest der Familie geheim gehalten werden sollen - kurzum: Ihr Verhältnis zur Familie ist außerordentlich intim.

          Das, so lautet Harringtons spannende Schlussfolgerung, hat allerdings erstaunlich wenig mit besonderer Sympathie zwischen Klient und Vermögensverwalter zu tun (auch wenn die sicherlich nicht hinderlich ist), sondern liegt im Wesen der Arbeit des Verwalters begründet. Wer für die Reichen arbeitet - dies bestätigen so gut wie alle Gesprächspartner der Soziologin -, hat nämlich eigentlich nur eine Aufgabe. Er soll, so lautet ein Schlüsselsatz der Untersuchung, all seine Kraft darauf verwenden, den Reichtum seiner Kunden zu verteidigen. Für die meisten Reichen geht es nämlich nicht unbedingt darum, ihren Reichtum auf Teufel komm raus weiter zu mehren. Nein, zuallererst ist ihnen wichtig, nichts von ihrem Geld zu verlieren. Diese Beobachtung Harringtons stimmt überein mit dem Ergebnis zahlreicher Studien aus dem Bereich der Verhaltensökonomie. Sie zeigen, dass Menschen (unabhängig davon, ob sie nun viel oder wenig Geld besitzen) jede Art des finanziellen Verlusts als schmerzhaft empfinden.

          Ein Glas Champagner gefällig?

          Das soldatische Wort „verteidigen“ geht aber noch darüber hinaus. Es suggeriert nämlich, dass das Vermögen angegriffen wird. Genauso empfinden es viele der Reichen, wenn man den Aussagen ihrer Verwalter Glauben schenkt. Dieser vermeintliche Angriff geschieht ihrer Ansicht nach auf unterschiedlichste Art und Weise: durch den Staat und seine Steuerpolitik beispielsweise, durch politisch instabile Verhältnisse, in denen Reichen weder die Sicherheit ihres Vermögens noch leibliche Sicherheit garantiert werden kann, aber eben auch durch Mitglieder der eigenen Familie, die man nicht unter Kontrolle hat. Um im Bild zu bleiben: Im schlimmsten Fall befindet sich der Reiche inmitten eines Mehrfrontenkrieges. Darum ist es essentiell, dass sein Vermögensverwalter über wirklich alles Bescheid weiß.

          Vermögensverwalter, Mitwisser, Geheimagent

          In einer solchen Auseinandersetzung kann man nur schlagkräftige Verbündete brauchen, die selbst unangenehmste Härten aushalten. Darum nimmt allein das Auswahlverfahren, um Vermögensverwalter eines reichen Kunden zu werden, mitunter aberwitzige Züge an. Einer der Geldmanager, der unter dem Namen David in dem Buch zu Wort kommt, erzählt beispielsweise folgende Geschichte: „Eines Tages bekam ich von einem potentiellen Kunden einen Anruf aus Osaka in Japan. Er sagte zu mir: ,Hören Sie, ich sitze hier gerade mit einem japanischen Geschäftspartner von mir, der es liebt, schwierige Aufgaben zu stellen. Bis nächsten Dienstag, so sagt er mir, brauche er 1000 Stück geräucherten Lachs. Ich verlasse mich darauf, dass Sie das für mich organisieren können.‘“

          Von solchen oder ähnlichen Aufgaben kann fast jeder gestandene Vermögensverwalter berichten, sie werden in der Branche oft ironisch mit den zwölf Taten des griechischen Helden Herakles verglichen, die dieser für König Eurystheus zu erledigen hatte.

          Dass dies mit der eigentlichen Arbeit der Geldanlage rein gar nichts mehr zu tun hat, ist den reichen Auftraggebern dabei egal: Sie suchen jemanden, dem sie ohne Sorge die wichtigsten finanziellen und persönlichen Details aus ihrem Leben anvertrauen können. Die Anforderungen an den Posten können ihnen darum im Vorfeld gar nicht hoch genug sein. Haben sie sich nämlich einmal entschieden, gibt es kein Zurück mehr: Wer vor seinem Vermögensverwalter die wichtigsten Einzelheiten des eigenen Lebens ausbreitet, will diesen schließlich nicht nach kurzer Zeit schon wieder auswechseln und so den Kreis der Mitwisser vergrößern. „Der Klient muss sich vor uns in gewisser Weise ausziehen“, bringt es einer der befragten Verwalter auf den Punkt.

          Genau aus diesem Grund sind ihre wohlhabenden Kunden aber zumindest nach außen hin auf absolute Diskretion bedacht. Nicht wenige der Verwalter erzählen, dass viele ihrer Klienten niemals mit ihren Geldverwaltern zusammen gesehen werden wollen - ein gemeinsames Mittagessen im Restaurant beispielsweise ist für sie ein Tabu. Man will dadurch jeden noch so blöden Zufall vermeiden, durch den zutage gefördert werden könnte, dass man sich einen persönlichen Finanzmanager für die eigenen Millionen leisten kann. Einer der Geldverwalter formuliert es so: „Wenn man so will, sind wir in der Hochsicherheitsbranche tätig.“ Geheimagenten verrichten ihre Arbeit ja auch im Verborgenen.

          Wealth Defense mit Geschichte

          Auf Seiten der Verwalter (oder der Leiter der Family Offices, wie man heutzutage gerne sagt) ist diese Arbeit charakterisiert durch eine faszinierende Mischung aus einer modernen Tätigkeit (der Geldanlage an den internationalen Kapitalmärkten) mit einem aus dem Mittelalter entlehnten Kodex. Dies dürfte zwar nur den wenigsten Angehörigen der Zunft tatsächlich bewusst sein. Harvard-Soziologin Harrington gelingt es aber im interessantesten Teil ihres Buches, diesen Zusammenhang zum Mittelalter schlüssig herzuleiten.

          Dazu muss man wissen: Wealth Defense, also die Verteidigung des eigenen Reichtums, war schon im England des 14. und 15. Jahrhunderts eine der größten Sorgen, mit denen sich die Superreichen der damaligen Zeit (also der Adel) herumschlagen mussten. Damals ging es allerdings nicht um Wertpapiere und Motoryachten, sondern vor allem um Land. Zog der Besitzer, wie damals nicht unüblich, in den Krieg, blieb sein Landgut schutzlos zurück. Seine Erben waren häufig noch zu jung, um selbst die physische Verteidigung der Ländereien übernehmen zu können, die Ehefrau zu schwach.

          Etwa im 14. Jahrhundert bildete sich darum in England ein rechtliches Instrument heraus, mit dem sich diese Schwierigkeiten in den Griff bekommen ließen. Während der Abwesenheit des Besitzers wurde ein Trustee (in etwa: ein vertrauenswürdiger Verwalter) eingesetzt, der in der Regel auch aus dem Adel stammte und der vom Besitzer die Aufgabe übernahm, das Land bis zu dessen Rückkehr zu bewahren. Vor Zeugen verkündete der eigentliche Landeigner die zeitweilige Übergabe an den Verwalter, worauf dieser vor Gott und den Zeugen einen Eid sprechen musste, seine Aufgabe getreulich zu erfüllen.

          Natürlich sind die Unterschiede zu heute immens, aber eine wichtige Gemeinsamkeit gibt es. Zwar wird das Verhältnis zwischen reichem Kunden und Vermögensverwalter heute in Form eines schriftlichen Vertrages und selbstverständlich nicht mehr über einen Eid geregelt. Die bestimmende Komponente in diesem Verhältnis bleibt jedoch die unbedingte Loyalität des Verwalters zu seinem Auftraggeber selbst über das Ende der Geschäftsbeziehung hinaus - also das Versprechen, all die vielen Einzelheiten für sich zu behalten, die man aus dem Leben der Reichen erfahren hat. Dieses Versprechen ist einem Eid dann doch sehr ähnlich. Zumal ein Bruch des Versprechens damals wie heute zu schweren Sanktionen führt. Im 14. Jahrhundert wurde man üblicherweise aus der Adelsgemeinschaft ausgestoßen, heute dürfte man es schwer haben, einen neuen Arbeitgeber unter den Superreichen für sich zu finden.

          Teile und herrsche

          Mit welcher konkreten Anlagestrategie aber versuchen die Vermögensverwalter nun, den Reichtum ihrer Kunden zu verteidigen? Natürlich können dies im Einzelnen sehr unterschiedliche Strategien sein, aber auch hier existiert eine entscheidende Übereinstimmung. In der Regel folgen die Verwalter einem Prinzip, das schon in der Historie funktioniert hat - wenn auch in anderem Kontext: Teile und herrsche.

          Im Zusammenhang mit dem Geld der Superreichen ist damit ein spezieller internationaler Ansatz in der Vermögensaufteilung gemeint: Jeder Wertgegenstand des Kunden (seien es so abstrakte Dinge wie Aktien und Geschäftsbeteiligungen oder so konkrete Dinge wie Immobilien und Motoryachten) soll, vereinfacht gesagt, dort sein, wo er am wenigsten an Wert verliert. Anders gesagt: wo er keinen Gefahren ausgesetzt ist und gleichzeitig möglichst geringe Steuern anfallen. In früheren Zeiten wäre eine solche Strategie nur schwer umsetzbar gewesen - wie gesagt, bestand der Reichtum der Oberschicht vor allem aus Land. Heute dagegen ist die Mehrheit ihres Vermögens in aller Regel in Wertpapieren angelegt, auf die man von der ganzen Welt aus jederzeit Zugriff hat.

          Der ein oder andere wird angesichts solcher Überlegungen da gleich Betrug wittern: Die Reichen entziehen sich, so eine beliebte Argumentation, der Pflicht, im eigenen Land Steuern zu zahlen. Doch wer dies sagt, verkennt, was die wichtigste Aufgabe eines Vermögensverwalters ist: Er soll alles rechtlich Erlaubte tun, um das Vermögen seiner Kunden zu bewahren (was selbstverständlich bedeutet: Auch Steueroasen sind zu prüfen). Das Vermögen durch illegale Aktionen welcher Art auch immer zu gefährden wäre das totale Gegenteil.

          Je nach Herkunftsland können die konkreten Verteidigungsstrategien recht verschieden ausfallen: Gerade in China, aber auch in vielen afrikanischen Ländern plagt die Reichen vor allem die Angst, dass sie ihr Vermögen durch politische Willkür von einem auf den anderen Tag wieder verlieren können, ja dass sogar unter Umständen ihre Freiheit gefährdet sein kann. Hier gehört es darum zur Aufgabe der Vermögensmanager, sich einen regelrechten Fluchtplan für Mensch und Kapital zu überlegen. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel sogenannte „Investor Visa“-Programme, die es unter anderem in Großbritannien gibt. Der Clou aus Sicht der Reichen ist dabei: Wer mindestens zwei Millionen Pfund in britische Wertpapiere und Immobilien investiert, erhält eine Aufenthaltsgenehmigung und kann ohne weitere Prüfung Partner und Kinder nachholen. Es ist der perfekte Fluchtweg.

          In den Zirkeln der Superreichen fürchtet man sich aber längst nicht nur vor dem Zugriff des Staates, sondern mitunter gar vor der eigenen Verwandtschaft. Eine unbedachte Heirat eines Sprösslings, ein nicht zu kontrollierender Schwager kann schnell das ganze Familienvermögen gefährden. Die Vermögensverwalter entwickeln für diese Fälle häufig sogenannte Trusts (kompliziert strukturierte Treuhandgesellschaften), auf die die einzelnen Familienmitglieder nur unter gewissen Bedingungen Zugriff haben und die das Vermögen selbst im Falle von überraschenden Scheidungen bis zu einem bestimmten Grad schützen. Manchmal sind diese Trusts sogar so konzipiert, dass sie eine Scheidung aus Sicht des einheiratenden Ehepartners finanziell vollkommen unattraktiv machen. Ironisch lässt sich festhalten: Ein guter Vermögensverwalter hält die Familie zusammen.

          Richtig abschauen kann sich der gemeine Anleger von diesen Strategien leider nichts. Aufgrund des Aufwands ergeben sie nur bei sehr großen Vermögen Sinn. Aber er kann sich mit einer Erkenntnis trösten: Auch die Superreichen haben es nun wirklich nicht immer leicht.

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