https://www.faz.net/-gv6-8ejjr

Stars des Neuen Marktes : Verrückt, im Ausland oder längst wieder gut dabei

Die Brüder Haffa im Jahr 2003 Bild: Associated Press

Die New Economy und der Neue Markt brachten regelrechte Stars hervor - was ist aus ihnen geworden?

          „Trendscouts“ nannten sie sich gern, waren stolz auf den Schulabbruch im Lebenslauf, hatten meistens in der Garage ihrer Eltern angefangen und beschrieben sich beim Prosecco auf der Bootsparty am liebsten als Musterbeispiel des Entrepreneurs. Es waren Gründer, Unternehmer und Manager eines ganz besonderen Schlags, die vor anderthalb Jahrzehnten die Szene des Neuen Marktes beherrschten. Anders als ihre Vorgänger, die bodenständigen Bosse der Nachkriegszeit oder die langweiligen Manager der Großkonzerne, inszenierten sich die Unternehmer der New Economy mit Vorliebe schillernd, schräg und ein bisschen verrückt. Die Wirtschaft hatte plötzlich etwas, das sie in Deutschland bis dahin nicht kannte: Stars.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer Zeit, in der sich mit einer guten Börsenstory in kürzester Zeit Millionen verdienen ließen, brauchte es einen Chef, der genug Aufmerksamkeit fand. Und ein Geschäftsmodell, das irgendetwas mit Internet, Mobilfunk oder neuen Technologien zu tun hatte - und die Welt lag den Börsenstars zu Füßen. Parallelen zu heute gab es viele, und zwar nicht nur äußerlich. Schon damals wollten alle möglichst „disruptiv“ sein, auch wenn man das noch nicht so nannte. Und auch die jungen Wilden des Neuen Marktes wollten schon die Krawatte aus der Businesswelt verbannen - und wie heutzutage tout le monde trug die selbsternannte Avantgarde damals Turnschuhe zum Anzug.

          Was ist heute, mehr als anderthalb Jahrzehnte nach diesem Hype des Neuen Marktes, aus den Stars jener Zeit geworden? Viele mussten dramatische Pleiten überstehen, wirkten noch verrückter, wurden von ihren Gläubigern in allen Winkeln der Welt gejagt und von Gerichten verurteilt. Manche gingen ins Ausland. Wieder andere fingen sich bald und sind heute mit neuen Ideen und neuen Unternehmen längst wieder gut mit dabei.

          Einer, der damals mit besonders schillerndem Lebenslauf aufwartete, war Rudolf Zawrel alias Daniel David. Der gebürtige Österreicher hatte es vom Schlagersänger der siebziger Jahre („Aus dem Himmel durch die Hölle“) zum Vorstandsvorsitzenden des Internetdienstleisters Gigabell geschafft. So was gab es bis dahin nur in Amerika. Auch er hatte wie Bill Gates in einer Garage begonnen, wenn auch in Frankfurt-Bornheim. Später war Zawrel dann einer der Ersten am Neuen Markt, die pleitegingen. Hämisch wurde an einen seiner Liedtexte erinnert: „Zieh nicht die Jacke an, wenn sie zu groß ist.“ Bei einem Anruf dieser Zeitung ließ er damals durchblicken, die ganzen Vorgänge hätten ihn „psychisch stark mitgenommen“ und er brauche „dringend Urlaub“. In Frankfurt wurde Zawrel wegen Insolvenzverschleppung zu einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Heute heißt es, Zawrel lebe und arbeite in Spanien - in Estepona bei Marbella.

          Dieter Heyde, Chef der gleichnamigen Softwarefirma im hessischen Bad Nauheim, hatte als eine gewisse Ausnahme am Neuen Markt gegolten - weil seine Firma damals nicht neu gegründet wurde und er selbst irgendwie seriöser auftrat als viele seiner jungen Unternehmerkollegen. Allerdings musste Heyde nach der Insolvenz seines Unternehmen lange vor Gerichten verteidigen, ob er Villen, die ihm als Privatbesitz zuzuordnen waren, auf Firmenkosten saniert hatte. Er wurde zunächst verurteilt, später stellte eine höhere Instanz das Verfahren ein. Heute erzählt Heyde, er habe sich nach dem Ausscheiden aus dem Vorstand zunächst 15 Monate von allen geschäftlichen Aktivitäten ferngehalten. Später habe er zusammen mit zwei ehemaligen Geschäftsbereichsleitern ein neues Unternehmen gegründet: die Salt Solutions GmbH. „Das Unternehmen hat sich kontinuierlich entwickelt, beschäftigt heute über 400 Mitarbeiter und ist einer der führenden Anbieter, wenn es um die Implementierung von IT-Lösungen für Logistik und Produktion auf der SAP-Plattform geht“, sagt Heyde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Brite protestiert gegen den Brexit.

          FAZ Plus Artikel: Angst vor Brexit : Geht London der Blumenkohl aus?

          Viele Obst- und Gemüsehändler in der Markthalle von New Spitalfields, dem größten Umschlagplatz für frische Lebensmittel in der britischen Hauptstadt, fürchten sich vor dem Brexit. SIe bereiten sich schon jetzt auf den Mangel vor.
          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Hätte, wollte, dürfte

          Eigentlich sollte am Dienstag das Brexit-Votum stattfinden. Eigentlich wollte Frankreichs Präsident Macron keine Zugeständnisse machen. Eigentlich dürfte die CDU keine politische Gestaltungsverweigerung mehr üben. Eigentlich.
          Der französische Präsident Emmanuel Macron während seiner Ansprache an die Nation.

          Protest der „Gelbwesten“ : Macrons Kehrtwende

          Er sei kein Weihnachtsmann, hatte der französische Präsident Emmanuel Macron zuvor gesagt. Doch fast ein Monat mit teils gewalttätigen Protesten zeigt jetzt Wirkung: Zum 1. Januar gibt es in Frankreich Geldgeschenke.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.