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Vertrauensverlust : Wall-Street-Banken ringen um Kulturwandel

Klar formulierte Richtlinien müssten „in die Wertorientierung jedes Mitarbeiters durch kontinuierliches Training eingebettet werden“, heißt es in einem Report der Bank JP Morgan. Bild: AP

Die amerikanischen Aufsichtsbehörden verlangen von den Banken drastische Maßnahmen, die über Geldbußen hinausreichen könnten. Doch kultureller Wandel ist nur schwer zu messen.

          Milliardenstrafen gegen Banken reichen den amerikanischen Behörden nicht mehr. Der Präsident der regionalen Notenbank von New York, Willam Dudley, und andere Aufseher fordern sechs Jahre nach der Finanzkrise immer lauter einen kulturellen Wandel in der amerikanischen Finanzbranche. Zwar haben sich die großen Kreditinstitute und Investmentbanken vom Schock der Krise geschäftlich längst wieder erholt. Das gilt auch für die Börsenkurse. Aber gleichzeitig wurde die Liste der Fehltritte immer länger. Aufseher zogen die Finanzinstitute, darunter auch die Deutsche Bank, die an der Wall Street eine wichtige Rolle spielt, nicht nur wegen fragwürdiger Hypothekengeschäfte zur Rechenschaft. Mit wechselnder Beteiligung kamen weitere Skandale dazu: Manipulation von Referenzzinsen, von Devisen und Strompreisen. Es gab Fälle von Insiderhandel, Geldwäsche und Missachtung von Wirtschaftssanktionen. Die Höhe der Strafen beläuft sich mittlerweile auf insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar. Viele Ermittlungen dauern an.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Aufseher Dudley, der vor seinem Wechsel an die Spitze der New Yorker Fed lange für die Investmentbank Goldman Sachs tätig gewesen war, hält den öffentlichen Vertrauensverlust für so gravierend, dass er sogar die Stabilität des Finanzsystems bedroht sieht. Bei einer Anhörung vor dem Bankenausschuss des Senats im November drohte er den großen Banken deswegen unverhohlen mit Zerschlagung: „Wenn das Fehlverhalten anhält, wäre es nicht unvernünftig - und möglicherweise sogar unvermeidlich - zu folgern, dass große Firmen zu groß und komplex geworden sind, um wirksam geleitet werden zu können.“ Dudley hatte vor anderthalb Jahren die Debatte um die Kultur der Wall Street unter den Aufsehern angestoßen. „Es gibt Belege für tiefverwurzeltes kulturelles und ethisches Versagen in vielen großen Finanzinstituten“, sagte Dudley damals.

          Kultur und Kulturwandel sind natürlich vage und schwer zu definierende Begriffe, was es für die Banken schwierig macht, Fortschritte konkret zu messen. Angesichts des wachsenden Drucks scheint es aber zunehmend Anstrengungen zu geben, das Verhalten der Mitarbeiter zu verbessern und zu kontrollieren. Branchenprimus JP Morgan Chase veröffentlichte im Dezember auf Anfrage von Aktionären unter Führung des Ordens Sisters of Charity of Saint Elisabeth einen 100 Seiten langen Bericht über die Kultur der Bank - was JP Morgan als „Schnittfläche unserer Unternehmensstandards und des Handelns unserer Mitarbeiter“ beschreibt. Klar formulierte Richtlinien müssten „in die Wertorientierung jedes Mitarbeiters durch kontinuierliches Training eingebettet werden“, heißt es in dem Report. Die Vorwürfe gegen JP Morgan in den vergangenen Jahren reichten von fragwürdigen Hypothekengeschäften über mangelnde Risikokontrolle bei Wertpapiergeschäften bis zur dubiosen Rolle als Hausbank des Milliardenbetrügers Bernie Madoff. Verstöße gegen den hauseigenen Verhaltenskodex will die Bank über die Kontrolle von Mitarbeiterbeschwerden verfolgen, die bei Managern oder einer besonderem Hotline eingehen. Maßstab für Erfolg sei der Rückgang „widriger regulatorischer Ereignisse“. In anderen Worten: weniger Klagen und Strafen.

          Die Bank Wells Fargo führt seit geraumer Zeit Umfragen unter Mitarbeitern durch, um den Grad der Zufriedenheit in der Belegschaft zu bestimmen. Wells Fargo geht davon aus, dass sich zufriedene Angestellte moralischer verhalten. Einen aufwendigeren Ansatz verfolgt das „Better Banking Project“ des Forschungsinstituts New America Foundation. Die Forscher arbeiten nach Medienberichten an einer Umfrage, mit der Banken Denkmuster von Angestellten identifizieren können, die in Zukunft Ärger bereiten können. Zu den verbreiteten Mustern in der Branche gehört die Vorstellung, dass komplexe Lösungen ein Zeichen von Intelligenz seien. Die mit Hypotheken besicherten Krisenpapiere, deren Risiken unterschätzt wurden, waren solch komplexe Produkte. Ein weiteres Denkmuster sei die Vorstellung, das „Geld der beste Maßstab für Erfolg“ sei. Auch die Bevorzugung eigener Interessen gegenüber denen der Kunden sowie kurzfristiges Denken gelten als problematisch. „Solange sich diese Mentalität in der Branche nicht ändert, wird Regulierung nicht ausreichen, um die Auswirkungen auf Verbraucher zu ändern“, schreibt Susan Ochs, die Gründerin der Initiative, in einer Studie.

          Auch die Deutsche Bank hat sich den Kulturwandel auf die Fahnen geschrieben und gibt sich als Vorreiter. Die Bank hat nach Angaben von Ko-Vorstandschef Jürgen Fitschen die Mitarbeiterzahl in den internen Kontrollfunktionen deutlich aufgestockt. Sie setzt auf Weiterbildung, um Kulturwandel in den Köpfen zu verankern. „Weltweit fanden 2014 über eine halbe Million Schulungen zum Thema Compliance und Risikokultur statt - ein Drittel mehr als 2013“, sagte Fitschen kürzlich. Im Investmentbanking wurden Geschäfte mit Kunden eingestellt, aus denen sich Reputationsrisiken ergeben könnten. Mitarbeiter, die den Kurs nicht mitgehen, werden verwarnt. Spitzenmanager müssen Aktien, die als Bonus gezahlt werden, fünf Jahre halten - länger als in der Branche üblich. „Es gab deutliche Fortschritte“, findet Fitschen. Es sei allerdings klar, dass ein tiefgreifender kultureller Wandel Jahre dauern werde.

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