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Wagniskapital : Milliardäre investieren in Biotechnologie

Forschung bei Morphosys in München Martinsried Bild: Morphosys

Nur wenige Geldgeber wollen Wagniskapital in Biotech-Firmen stecken. Doch die Strüngmann-Brüder und SAP-Gründer Hopp glauben an die Entwicklung neuer Krebsmittel.

          Je näher das Jahresende rückt, desto mehr Fahrt kommt in die deutsche Biotechbranche. Nachdem die Unternehmen in der ersten Hälfte des Jahres ausgesprochen wenig frisches Kapital eingeworben haben, steigen die Beträge jetzt auf ansehnliche Höhen. Die Spitze nimmt bisher die im September erfolgte Kapitalerhöhung von 84 Millionen Euro des börsennotierten Anbieters Morphosys aus Martinsried bei München ein. Morphosys ist ein Sonderfall unter den deutschen Anbietern, weil das Unternehmen schon seit geraumer Zeit profitabel ist und in diesem Jahr eine ganze Serie von einträglichen Lizenzverträgen mit großen Pharmakonzernen abgeschlossen hat. Schon auf Platz zwei folgt aber ein deutlich weniger bekannter Name, der in dieser Woche in der Branche für Aufsehen gesorgt hat: Ganymed aus Mainz, mehrheitlich im Besitz der mit dem Verkauf des Arzneimittelherstellers Hexal reich gewordenen Milliardäre Thomas und Andreas Strüngmann, bekommt von seinen Eigentümern zusätzlich 45 Millionen Euro, um die Entwicklung eines potentiellen Krebsmittels vorantreiben zu können. Nach Angaben des Branchendienstes Biocom handelt es sich dabei um eine der zehn größten Wagniskapitalfinanzierungen, die es in der Branche in Deutschland bislang gegeben hat.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Hinter dem Paukenschlag steckt eine wechselvolle Unternehmensgeschichte, die für die Biotechbranche typisch ist. Ganymed wurde, wie die Vorstandsvorsitzende Özlem Türeci berichtet, einst „in der Besenkammer“ der Mainzer Universität mit dem Ziel gegründet, eine neue Art von Wirkstoffen zur Krebsbehandlung mit besonders geringen Nebenwirkungen zu entwickeln. Dafür wählten die Forscher einen ungewöhnlichen Ansatz. Anstatt wie üblich von einem vorhandenen Wirkstoff auszugehen und dessen medizinische Eignung zu erkunden, suchten sie zuerst nach einem Ziel, das sich zu bekämpfen lohnen würde - und fanden ein Protein, das fast nur von Krebszellen gebildet wird. Während viele andere Krebsmittel auch gesundes Gewebe schädigen, weil sie weniger genau den Tumor treffen, soll dies für die von Ganymed entwickelten Substanzen anders sein.

          Amerika begeistert sich für die Biotech-Branche

          Doch die Arbeit daran zog sich länger hin als gedacht, einige der Investoren wurden ungeduldig, vor fünf Jahren stand das Unternehmen am Abgrund. Nur die Strüngmann-Brüder und der Wagniskapitalfonds MIG glaubten noch an das Projekt und legten zusammen 65 Millionen Euro auf den Tisch - auch mit dieser Finanzierungsrunde rangiert Ganymed folglich unter den Top Ten der Branche. Jetzt steht die zweite von drei klinischen Studienphasen zur Erprobung des Antikörpers zur Behandlung von Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs vor dem Abschluss. Diese Phase gilt als vorentscheidend für den späteren Markterfolg. Die Substanz wurde von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA überdies vor kurzem als „Orphan Drug“ anerkannt, als mögliche Arznei gegen eine seltene Krankheit. Dieser Status lässt auf einen beschleunigten Zulassungsprozess sowie eine schnellere Aufnahme in den Erstattungskatalog der Krankenkassen hoffen und mag den Investoren die Entscheidung erleichtert haben, noch einmal Geld für Ganymed in die Hand zu nehmen. „Nach den Daten, die uns bisher vorliegen, könnte der Antikörper ein Durchbruch in der Krebstherapie sein“, sagt Thomas Strüngmann.

          Auch an der drittgrößten Kapitalmaßnahme der Branche in diesem Jahr sind er und sein Bruder Andreas sowie die MIG-Fonds beteiligt. Für die Finanzierung von Immatics aus Tübingen können sie außerdem auf Dietmar Hopp zählen, den Mitgründer des Softwarekonzerns SAP. Er und die Strüngmann-Brüder sind die mit Abstand wichtigsten Finanziers der deutschen Biotechbranche, sie haben bislang jeweils hohe dreistellige Millionenbeträge investiert. Immatics entwickelt einen Impfstoff gegen Krebs. Am weitesten fortgeschritten ist die Entwicklung einer Vakzine gegen Nierenkrebs, für die im Jahr 2015 die Ergebnisse aus der zurzeit laufenden dritten klinischen Studienphase erwartet werden. Für eine Reihe von anderen Krebsarten hat Immatics gerade einen Kooperationsvertrag für die Erforschung und klinische Erprobung mit dem Schweizer Pharmakonzern Roche, dem Weltmarktführer für Krebsmittel, abgeschlossen. Die Nierenkrebsstudie hingegen soll mit den 34 Millionen Euro, die frisch von den Investoren eingeworben wurden, im Alleingang zu Ende gebracht werden.

          Während die drei Milliardäre und die MIG-Fonds ihren Glauben an Biotechnologie aus Deutschland also noch nicht verloren haben, liegt die Investitionsbereitschaft insgesamt unter dem Durchschnitt der vergangenen Jahre. Auf rund 290 Millionen Euro beziffert Biocom das in diesem Jahr eingeworbene Kapital, 2012 waren es 347 Millionen Euro. Die Zurückhaltung in Deutschland steht in auffälligem Widerspruch zu der Begeisterung für die Branche in Amerika. Dort haben die börsennotierten Unternehmen nach Angaben des Branchendienstleisters Burill das Vorjahresniveau um 12 Prozent übertroffen, die nicht an der Börse notierten haben sogar 16 Prozent mehr Kapital eingeworben als im Vorjahr. Auch Börsengänge haben in der amerikanischen Gesundheitsbranche in diesem Jahr Konjunktur. Für sie meldet Burrill eine Versechsfachung des Volumens auf 6,3 Milliarden Dollar.

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