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Gemälde auf großer Reise : Von der Kunst, Kunst zu transportieren

Die Hängung des Bildes: „Le Déjeuner: panneau décoratif“ von Claude Monet für die neue Impressionismus-Ausstellung im Frankfurter Städel. Das Gemälde hat das Pariser Musée d’Órsay zur Verfügung gestellt. Bild: dpa

Noch nie gingen so viele Kunstwerke auf Reisen wie derzeit. Dahinter steckt eine teure Logistik. Die genauen Reisepläne der Gemälde sind geheim.

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          Heute weiß niemand mehr, wann genau das Ganze angefangen hat - aber irgendwann in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kam auf einmal nicht mehr der Mensch zur Kunst, sondern die Kunst zum Menschen. Weniger lyrisch ausgedrückt: Die Zeit der sogenannten Blockbuster-Ausstellungen begann. Die Idee dahinter hatte ein bisschen etwas von einer ganz besonderen Art der Familienzusammenführung: Die Werke berühmter Künstler sind nicht selten auf Museen in der ganzen Welt verstreut - wer sie an einem Ausstellungsort zusammenbringt, kann mit gewaltigen Besucherströmen rechnen. Mit anderen Worten: Es winkt ein gutes Geschäft.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies gilt umso mehr in Zeiten, in denen die Preise auf dem Kunstmarkt in immer neue, astronomische Höhen schießen. Denn auch wenn Museen und Künstler dies nicht immer so gerne hören: Ein Werk fasziniert das Publikum ja nicht nur deswegen, weil es außergewöhnlich ist. Sondern auch, weil es (in Euro und Cent ausgedrückt) außergewöhnlich viel wert ist. Die Museen haben sich darauf längst eingestellt und versuchen sich mit immer prächtigeren Werkzusammenführungen zu übertreffen. Bilder und Skulpturen werden darum heute pausenlos um den Globus verschickt. Wohl noch nie in der Geschichte des Kunstbetriebs waren so viele Kunstwerke auf Reisen. Allein in diesem Frühjahr buhlen gleich drei europäische Museen mit herausragenden Ausstellungen um die Gunst des Publikums: In Basel sind die Bilder des Südseemalers Paul Gauguin zu sehen, in Amsterdam das Spätwerk Rembrandts und im Frankfurter Städel mehr als hundert Gemälde bedeutender Impressionisten um Claude Monet (vom kommenden Mittwoch an).

          Alle drei Ausstellungen konnten nur zustande kommen, weil zuvor Kunstwerke unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen auf Flugzeuge, spezielle Lkws oder Fähren verladen wurden. Weil minutiös die Transportroute geplant und jedes einzelne Bild mit ungeheurem Aufwand verpackt wurde. Das Geschäft mit der reisenden Kunst ist eines, bei dem es auf jedes Detail ankommt und das einen ansonsten nicht selten an einen Agententhriller erinnert. Mit einem normalen Möbeltransport hat all das rein gar nichts mehr zu tun.

          Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Die genauen Reisepläne der Meisterwerke müssen geheim bleiben, Kuriere und in manchen Fällen gar ganze Eskorten begleiten die Bilder auf ihrem Weg. In Deutschland sind es vor allem drei Firmen, die in Zusammenarbeit mit den Museen den Transport organisieren: die auf Kunstwerke spezialisierten Speditionen Dart und Hasenkamp (beide aus Köln) und Schenker, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn. Ein lukratives Geschäft, so viel ist sicher. Wie lukrativ genau, will offiziell allerdings niemand sagen. Doch ist zu hören: Die Anreise eines einzelnen Werkes aus Übersee kann bis zu 50.000 Euro kosten.

          Im Frankfurter Städel ließ sich in der vergangenen Woche wunderbar beobachten, was das Geschäft mit der reisenden Kunst außerdem erfordert - wahnsinnig gute Nerven. Gut 130 Meisterwerke der Impressionisten werden in Frankfurt zu sehen sein, doch am vergangenen Donnerstag, gut eine Woche vor Ausstellungsbeginn, vermag man sich das noch nicht so recht vorstellen. Einige Bilder hängen zwar bereits an der Wand, doch in den Ausstellungsräumen steht vor allem eine Kiste neben der nächsten. Sie alle sind mannshoch, aus Holz und in ihrem jeweils individuellen Zuschnitt ein kleines Kunstwerk für sich: Jedes Bild hat seine ganz eigene Transportbox. Auf ein paar der Kisten findet sich ein orangefarbener Aufkleber, fehlt er aber, bedeutet dies: Das Bild wurde noch gar nicht ausgepackt. Bei bemerkenswert vielen Transportboxen ist das der Fall und darüberhinaus sind manche Kunstwerke noch nicht einmal in Frankfurt eingetroffen.

          Katja Hilbig, Leiterin des Ausstellungsdienstes und damit im Städel für den reibungslosen Ablauf der Kunsttransporte verantwortlich, lässt sich davon nicht nervös machen: „Es ist üblich, dass viele Werke quasi erst in letzter Minute bei uns ankommen.“ Der Grund dafür liegt auf der Hand. Kein Museum der Welt, das Meisterwerke aus seiner Sammlung nach Frankfurt schickt, möchte diese auch nur einen Tag länger entbehren als nötig. Warum aber schicken sie die Kunst dann überhaupt auf Reisen?

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