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Volkswirtschaft & Finanzmärkte : „Ich habe eine solche Krise an den Weltbörsen noch nie gesehen“

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Arthur Cashin's kritischer Blick auf den Markt Bild: AP

Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts kann als schwächstes Jahrzehnt in die Börsengeschichte eingehen. „Wir haben Oktober, und der Markt kollabiert. Wie sehen die komplette Auflösung des Marktvertrauens“, erklärt ein Veteran.

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          Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kann als das bislang schwächste Jahrzehnt in die Börsengeschichte eingehen. Die aktuelle Finanzkrise stellt mittlerweile in ihrem Ausmaß selbst die Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit dem Börsencrash am so genannten „Schwarzen Freitag“ von 1929 in den Schatten. Erstmals seit 70 Jahren könnte ein Jahrzehnt mit Verlusten an den amerikanischen Börsen enden.

          „Es handelt sich um die schlimmste Krisenerfahrung der Finanzmärkte in der Weltgeschichte“, stellt der 85-jährige technische Analyst Joseph Granville fest, der seinen Anlegerbrief namens Granville Market Letter seit rund 45 Jahren in Kansas City im amerikanische Bundesstaat Missouri publiziert. „Wir haben Oktober, und der Markt kollabiert. Was wir gerade beobachten, ist die komplette Auflösung des Marktvertrauens“, sagt er.

          „Was wir gerade beobachten, ist die komplette Auflösung des Marktvertrauens“

          So hat der S&P 500 alleine in diesem Monat zehn Prozent verloren. Seit dem Jahre 2000 beträgt das Minus 17 Prozent. In den 30er Jahren sank das Börsenbarometer nur um vergleichsweise bescheidene 8,9 Prozent. Das geht aus Daten der Stern School of Business an der Universität von New York hervor.

          Der angerichtete Schaden hat allerdings nicht die Proportionen der Finanzkrise der Dreißiger Jahre erreicht, als laut Daten der amerikanische Notenbank mehr als 7000 Finanzinstitute zu Grunde gingen, eine heftige Massenarbeitslosigkeit einsetzte und die amerikanische Wirtschaft zwischen 1929 und 1933 um 43 Prozent schrumpfte. Zum Vergleich: Für 2009 stellen Ökonomen in den Vereinigten Staaten ein Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent in Aussicht, was leicht unter den Prognosen von 1,7 Prozent für das laufende Jahr liegt.

          Etwa vor einem Jahr hatte der S&P 500 am Ende eines fünfjährigen Bullenmarktes bei 1.565,15 Punkten ein Rekordniveau erreicht. Damit waren die Verluste aus der geplatzten High-Tech- und Internetblase zu Beginn des Jahrzehnts wieder ausgeglichen. Seitdem hat der S&P 500 unter Einrechnung der Dividenden 31 Prozent verloren. Als Hauptgrund gilt der Verfall des Immobilienmarktes in den Vereinigten Staaten , der auf die Wirtschaft durchgeschlagen ist und die Kreditvergabe nahezu stoppte. Das zog unerhört hohe Abschreibungen im Finanzsektor und Kreditverluste nach sich.

          Dieser rund 12-monatige Bärenmarkt hat den Index auf den tiefsten Stand seit November 2003 gedrückt. Dazu trugen die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers Holdings ebenso bei wie etwa die Notwendigkeit der Rettung des riesigen Versicherungskonzerns American International Group durch die Notenbank Fed. Auch die beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac waren zuvor so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass der Staat sie übernommen hat.

          „Ich habe eine solche Krise gleichzeitig an allen Weltbörsen noch niegesehen“

          Entsprechend zu den Verlusten an den Aktienmärkten erlebte der Rentenmarkt einen Boom: Zehnjährige amerikanische Staatsanleihen schafften in zehn Jahren eine Rendite von 86 Prozent, wie aus Daten von Bloomberg und von Finanzprofessor Aswath Damodaran, von der New York University hervor geht.

          Eine durchgreifende Erholung an den Aktienmärkten ist nach übereinstimmender Meinung von Experten davon abhängig, ob die Kreditmärkte aus ihrer Schockstarre kommen und wieder zu funktionieren beginnen. Im Moment steigen die Refinanzierungskosten noch immer, wie globale Stratege Robert Stovall von Wood Asset Management in New York sagt: Damit könne auch das kürzlich von der Politik bewilligte Rettungspaket von 700 Milliarden Dollar noch scheitern. Die Unternehmensgewinne befinden sich jedenfalls im Abwärtstrend. Im dritten Quartal legten die S&P 500-Unternehmen im Jahresvergleich um 5,6 Prozent niedrigere Gewinne vor.

          Laut dem Wall-Street-Broker Arthur Cashin, der seit 44 Jahren an der New York Stock Exchange registriert ist, machen Ausmaß und Geschwindigkeit des jüngsten globalen Ausverkaufs die Ereignisse bedrohlicher und schwerer beherrschbar als zurückliegende Krisen. Schließlich seien weltweit rund 25 Billionen Dollar Marktkapitalisierung vernichtet worden. „Die Kreditkrise ist zum weltweiten Flächenbrand geworden“, stellt Cashin fest, „ich habe eine solche Krise gleichzeitig an allen Weltbörsen noch niegesehen“, sagt er.

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