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Alternative Anlagen : Versicherer finden Autobahnen interessant

Mautstation in Frankreich: An solchen Gebühren würden auch deutsche Versicherungsunternehmen gerne mitverdienen. Bild: AFP

Wenn die Zinsen niedrig sind, geraten andere Anlageklassen in den Fokus - zum Beispiel Investitionen in die Infrastruktur.

          3 Min.

          Man wird den Eindruck nicht los, die Politik habe ein schlechtes Gewissen. Denn die Finanz- und Schuldenkrise hatte eine paradoxe Entwicklung zur Folge: Staaten übernahmen Risiken von Banken, die Verschuldung stieg, dennoch verbesserte sich ihre Finanzierung deutlich. Zu viel Geld sucht nach einer Anlage, Zentralbanken halten die Leitzinsen auf Tiefstwerten und stellen weitere Liquidität bereit, die europäische Wirtschaft kommt nur mühsam voran. Die Folge: ein Niedrigzins, der vor allem Altersvorsorgeeinrichtungen wie Lebensversicherer leiden lässt.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Schon seit einigen Jahren gab es deshalb auf verschiedenen Ebenen Initiativen, wie private Geldgeber stärker an der Finanzierung von Straßen, digitalen Netzen, Energieleitungen und Kraftwerken beteiligt werden könnten. In diesem Jahr sind drei wichtige Stränge dieser Diskussion in Ergebnisse gemündet: Im April legte die Fratzscher-Kommission Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ihre Vorschläge zum Infrastrukturausbau vor. Sie empfahl, eine Verkehrsinfrastrukturgesellschaft für Bundesfernstraßen zu schaffen, und sinnierte auch über die Frage, ob privaten Investoren die Beteiligung an privat-öffentlichen Projekten erleichtert werden soll. Dazu schlug sie vor zu prüfen, ob auch ein Fonds für private Anleger geschaffen werden soll, mit dem die Risiken solcher Vorhaben vermindert werden könnten. Ein zweiter Schritt war der Beschluss des Europäischen Parlaments Ende Juni, den Weg für den sogenannten Juncker-Fonds frei zu machen. Von diesem Herbst an sollen mit öffentlichen Mitteln in Höhe von 42 Milliarden Euro Projekte in einem Volumen von 315 Milliarden Euro angestoßen werden. Banken und Versicherer sollen als Finanzierer gewonnen werden.

          Etwas aus den Augen verlieren konnte man eine Initiative von Gabriels Vorgänger Philipp Rösler (FDP). Er hatte darauf gedrungen, dass Versicherer nach den neuen europäischen Aufsichtsregeln Solvency II weniger Eigenmittel vorhalten sollten, wenn sie in Straßen, Häfen oder Energienetze investieren. In der vergangenen Woche legte die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa ihren Vorschlag vor - im Rahmen eines Konsultationspapiers, das Eiopa-Präsident Gabriel Bernardino als „Meilenstein“ bezeichnete. Bis Anfang August dürfen die betroffenen Unternehmen Stellung nehmen.

          Ein wichtiger Punkt in dem Papier: Statt wie bisher geplant 59 Prozent soll die Assekuranz nur noch 30 bis 39 Prozent Eigenmittel unter solche Investments als Sicherheit legen. Deutsche Branchenvertreter begrüßten das Vorgehen der Behörde, wünschen sich aber noch mehr Entgegenkommen: Die Quote „ist aus unserer Sicht noch zu hoch - angemessen wären 20 bis 25 Prozent“, teilte Axel Wehling, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Branchenverbands GDV, mit. Das wäre dann nur noch die Hälfte von Aktieninvestments.

          Lösungen für das Kapitalanlagedilemma?

          „Infrastruktur ist eine interessante Kapitalanlage“, sagt Rolf Florian, Finanzvorstand der Debeka-Gruppe. Noch mache sie weniger als ein Prozent der Kapitalanlage des Koblenzer Versicherers aus. Lege die Eiopa eine Eigenmittelquote von 30 Prozent fest, werde sich das Unternehmen Projekte eher ansehen als bisher. Hafte der Staat für Risiken, wären aus seiner Sicht noch geringere Quoten angemessen. „Gut ist jetzt erst einmal, dass wieder Schwung in die Diskussion kommt.“ Denn seit Jahren tun sich die Lebensversicherer schwer, sinnvolle Beimischungen zu den niedrig verzinsten Staats- und Unternehmensanleihen zu finden.

          Vor allem für Versicherer der Größe der Debeka ist die Entscheidung der Eiopa spannend. Denn für die ganz Großen gelten ohnehin andere Regeln. Allianz, Munich Re und Talanx bestimmen ihren Kapitalbedarf nach internen Modellen, die von der Aufsicht genehmigt worden sind. Für Windkraftanlagen sieht die Allianz nur 25 Prozent Eigenmittelunterlegung vor, während im Standardmodell 49 Prozent vorgesehen sind. „Wir planen, das Investment in diese Assetklassen kräftig aufzustocken“, sagte kürzlich der neue Allianz-Deutschland-Chef Manfred Knof. 350 Millionen Euro jährlich will er in Solar- und Windkraftanlagen investieren. Auch an Infrastrukturprojekten wäre er interessiert. Rund ein Dutzend Mitarbeiter befassen sich bei der Tochtergesellschaft Allianz Capital Partners mit dieser Anlageklasse. Bisher gibt es zwar erst sechs Investments außerhalb von Deutschland. Doch die jüngsten Schritte wiesen nach Vorstellung des deutschen Marktführers in die richtige Richtung.

          Sehr viel schwerer tun sich dagegen mittelgroße Versicherer wie die Stuttgarter Versicherung. Projekte im Umfang von 10 bis 20 Millionen Euro seien für ihn vorstellbar, sagt Vorstandschef Frank Karsten. „Aber wir teilen nicht die Meinung anderer Versicherer, dass Infrastruktur eine risikofreie Anlage ist“, sagt er. Mit seiner Unternehmensgröße sei es schwer, Risiken adäquat zu bemessen. Die Bedingungen für Energieinfrastruktur reagierten sensibel auf Regierungswechsel. Verkehrsinfrastruktur sei gut beim Staat aufgehoben. „Mir als Bürger erschließt sich nicht, warum der Staat nicht zu 0,9 Prozent Geld aufnehmen sollte, um eine Autobahn zu bauen“, sagt er. Für das Kapitalanlagedilemma böten die Initiativen noch keine Lösung. Wichtiger sei es vorerst, dass Risiken bei Unternehmensanleihen wieder angemessener als derzeit berücksichtigt würden.

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