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Verdacht auf Untreue : Razzia im Hamburger Fondshaus Wölbern

Heinrich Maria Schulte, Inhaber der Fondsgesellschaft Wölbern Bild: Unternehmen

Heinrich Schulte, Inhaber des Fondshaus Wölbern, sitzt wegen mutmaßlicher Untreue in Untersuchungshaft. Er soll viele Millionen Euro seiner Kunden ins Ausland verschoben habe.

          2 Min.

          Eine solche Großrazzia hat es in Hamburg lange nicht mehr gegeben: 58 Kriminalbeamte, acht Mitarbeiter des Wirtschaftsprüfdienstes des Landeskriminalamtes und zwei Staatsanwälte durchsuchten am Montagmorgen die Geschäftsräume der Fondsgesellschaft Wölbern Invest KG sowie die Privatwohnung des Inhabers und Geschäftsführers Heinrich Maria Schulte, wie in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe schon berichtet. Schulte selbst wurde verhaftet: „Es bestand Fluchtgefahr“, sagte Staatsanwalt Carsten Rinio gegenüber dieser Zeitung. Schulte habe gute Kontakte ins Ausland.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Dorthin soll Schulte viele Millionen Euro, mutmaßlich das Geld seiner Kunden, zu seinen Gunsten verschoben haben. Die Hamburger Staatsanwaltschaft will Schulte wegen des Verdachts der gewerbsmäßigen Untreue in 318 Fällen anklagen. Ihm Fall einer Verurteilung drohe ihm eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren, sagte Rinio. Die 318 Fälle beziehen sich auf 318 einzelne Überweisungen. Als Geschäftsführer von 29 geschlossenen Immobilienfonds seiner Firma Wölbern Invest soll Schulte in Summe 137 Millionen Euro unrechtmäßig abgezweigt haben.

          Klagewelle brach los

          In den Fonds steckt das Geld von rund 40 000 Anlegern, von denen viele schon länger um ihren Kapitaleinsatz fürchten. Nach Schultes Verhaftung ist die Unsicherheit noch größer geworden. Anlegeranwälte vermuten, dass es um einige Wölbern-Fonds möglicherweise noch schlechter bestellt ist als ohnehin bislang vermutet. Der Wert etlicher Büroimmobilien, die mit dem Geld der Anleger einst unter anderem in Holland gekauft wurden, ist stark gefallen. Zahlreiche Mietverträge laufen aus, und eine lukrative Neuvermietung ist vielfach nicht in Sicht.

          Versprochene Ausschüttungen blieben aus, eine Klagewelle brach los. Seit einiger Zeit schon vermuteten geschädigte Anleger, dass Schulte Gelder veruntreut habe. Diese Vorwürfe hat Schulte stets zurückgewiesen. Am Montag habe der Manager nach seiner Verhaftung „keine Angaben zur Sache“ gemacht, erklärte der Staatsanwalt Rinio. Beim Fondshaus selbst war bis Dienstagnachmittag niemand zu einer Stellungnahme bereit.

          Nach den Erkenntnissen der Ermittler sind die erwähnten 137 Millionen Euro über Umwege auf den Konten einer von Schulte beherrschten Gesellschaft namens Wölbern Invest BV in den Niederlanden gelandet. Von dort seien 100 Millionen Euro in andere Gesellschaften sowie auch zurück in die Fonds geflossen. Rund 37 Millionen Euro seien auf Schultes Privatkonto oder auf Konten von Gesellschaften gewandert, in denen Schulte als Geschäftsführer firmiert habe.

          Bei der Razzia am Firmensitz im Großen Grasbrook in der Hamburger Hafencity sammelten die Beamten 100 Kartons mit Geschäftsunterlagen sowie eine Fülle elektronischer Daten ein. Zu den Beschuldigten zählt nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch ein weiterer Geschäftsführer der Immobilienfonds. Schulte hatte das kleine Bankhaus Wölbern, dessen Wurzeln bis in das Jahr 1816 zurückreichen, 2006 von Barclays übernommen. Doch dem branchenfremden Medizinprofessor gelang es nicht, die Bank am Laufen zu halten und er konzentrierte sich auf das Fondsgeschäft.

          Das jedoch lief nach Ausbruch der Finanzkrise immer schlechter. Mit seinem Versuch, die Liquidität aus gut gehende Fonds zur Stützung notleidender Fonds zu nutzen, stieß Schulte auf erbitterten Widerstand der Anleger. Dieses Manöver wurde gerichtlich gestoppt. Im März 2012 kündigte das Emissionshaus an, sich von Immobilien im Wert von 1,4 Milliarden Euro trennen zu wollen und damit dem größten Teil des Fondsvermögens. Auch damit waren und sind viele Anleger nicht einverstanden, weil etliche Objekte nur mit Verlust zu verkaufen sind.

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