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Übernahmewelle : Was der Fusionswahn bedeutet

  • -Aktualisiert am

Auch die Aktie des Kupferproduzenten Phelps Dodge profitierte von der Fusionsbegeisterung Bild: AFP

Das Jahr 2006 scheint einen neuen Rekord hinsichtlich des Volumens von Fusionen und Übernahmen zu bringen. Zeichen vor allem einer günstigen Lage an den Märkten, findet S&P-Chefstratege Sam Stovall.

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          Die Woche vor Thanksgiving verläuft an der Wall Street normalerweise geruhsam. Dennoch steigerten sich die Marktteilnehmer am Montag in einen regelrechten Kaufrausch. Dabei ging es unter anderem um die 20 Milliarden Dollar teure Übernahme von Equity Office Properties (EOP) durch Blackstone sowie um das Angebot von Freeport-McMoRan für Phelps Dodge im Volumen von 25,9 Milliarden Dollar.

          Alles in allem wurden Geschäfte im Wert von 50 Milliarden Dollar geschlossen, die sich zu den Transaktionen im Wert von 3,1 Billionen Dollar gesellen, die bis zum 17. November des laufenden Jahres verzeichnet wurden. In den vergangenen drei Jahren beliefen sich die Transaktionen auf annähernd sieben Billionen Dollar.

          Es ist viel Geld da

          Die Fusions- und Übernahmeaktivitäten werden von mehreren Faktoren angetrieben. Erstens ist die globale Liquidität sehr hoch. Das sinkende Inflationsrisiko wird die Zinssätze wahrscheinlich auf niedrigem Niveau halten und für kräftige Finanzaktivitäten sorgen. Zweitens hat sich privates Beteiligungskapital zu einer bedeutenden Marktmacht entwickelt. Nach Aussage von Kenneth Shea, Leiter der Abteilung Global Equity Research bei S&P, „werden Private-Equity-Unternehmen weiterhin Druck auf diejenigen Unternehmen ausüben, die unterdurchschnittliche Ergebnisse einfahren.“

          Darüber hinaus weisen auch die Bilanzen sowohl der Kapitalgesellschaften als auch der Private Equity-Unternehmen eine sehr hohe Liquidität aus. „Sollte der Geldhahn offen bleiben“, meint Diane Vazza, Leiterin der Abteilung Fixed-Income Research bei S&P, „wird es auch in Zukunft eine hohe Nachfrage nach festverzinslichen Wertpapieren geben, die an Fusions- und Übernahmeaktivitäten gekoppelt sind, da der historische Tiefstand der Kreditausfallraten und die Nachfrage nach Rendite solide Rahmenbedingungen für eine anhaltende Emission festverzinslicher Wertpapiere schaffen.“

          Furcht vor der Demokraten-Gefahr

          Auch andere Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen: Die Händler betrachten die Aktienkurse möglicherweise als unterbewertet, da die wichtigsten Indizes, obgleich auf einem Mehrjahreshoch, noch immer unter den höchsten bisher erreichten Kurs-Gewinn-Verhältnissen liegen. Angesichts der Machtübernahme der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses halten es die M&A-Akteure womöglich für ratsam, ihr Vorgehen genau zu kalkulieren, da zukünftige Transaktionen in Washington möglicherweise genauer unter die Lupe genommen werden.

          Darüber hinaus sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen günstig. Nach Einschätzung von S&P Economics werden die Vereinigten Staaten 2007 eine „weiche Landung“ erleben. Das reale (inflationsbereinigte) Bruttoinlandsprodukt wird sich im kommenden Jahr voraussichtlich von dem für 2006 erwarteten Wachstum von 3,3 Prozent auf 2,3 Prozent abschwächen. Außerdem erwarten wir für 2007 ein globales Wachstum von 3,3 Prozent und somit einen Rückgang im Vergleich zu der für 2006 vorhergesagten Zunahme um 3,9 Prozent.

          Günstige weiche Landung

          Im Gegensatz zu früheren Jahren wird das amerikanische Wirtschaftswachstum künftig wohl eher durch Investitionen als durch die Ausgaben der Verbraucher angekurbelt werden. Obwohl S&P für 2007 eine beachtliche Zunahme der Verbraucherausgaben von 2,8 Prozent erwartet, was auf eine eher bescheidene Steigerung der langfristigen Zinssätze und einen minimalen Anstieg der Arbeitslosenquote auf einen Durchschnitt von 4,9 Prozent zurückzuführen ist, glauben wir, daß der Hauptantrieb von der Industrie ausgeht. Dies wird auch aus der von uns erwarteten 6,8prozentigen Zunahme der Ausrüstungsinvestitionen sowie einem 8,8prozentigen Anstieg beim Bau von Nichtwohngebäuden ersichtlich.

          In den vergangenen 12 Monaten wurden Fusions- und Übernahmeaktivitäten im Umfang von 3,1 Billionen Dollar verzeichnet, also mehr als 45 Prozent des gesamten Dreijahreswertes in Höhe von 6,8 Billionen Dollar. Im vergangenen Jahr fanden über 20 Prozent dieser Aktivitäten im Finanzdienstleistungssektor statt.

          Größter Nutznießer sind die Investmentbanken

          Nach Ansicht von Cathy Seifert, Leiterin der Abteilung Equity Analysis der Standard & Poor's Financial Services Group, ist dies darauf zurückzuführen, daß mittelständische und kleine Unternehmen den bremsenden Effekt der inversen Zinsstrukturkurve voraussehen und auf „Kosteneinsparung durch Größenvorteile oder auf Diversifikation des Geschäfts-Mix setzen“.

          Die Sektoren dauerhafte Konsumgüter und Industrie verzeichneten im vergangenen Jahr ebenfalls eine sehr hohe Aktivität. Finanzdienstleistungen, dauerhafte Konsumgüter und Industrieunternehmen machten auch den Hauptanteil des gesamten Dreijahreswertes aus.

          Am meisten profitieren die beratenden Investmentbanken und die akquirierten Unternehmen. Laut Capital IQ war Citigroup in den vergangenen zwei Jahren als Berater bei Fusions- und Übernahmeaktivitäten im Volumen von etwa 800 Milliarden Dollar tätig. Morgan Stanley steht mit Beratungen bei Transaktionen im Wert von 754 Milliarden Dollar an zweiter, Goldman Sachs mit 671 Milliarden Dollar an dritter Stelle.

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          Unser Autor: Martin Benninghoff

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