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Überkapazität und sinkender Charterraten : Schiffsfonds droht eine Insolvenzwelle

Die Mieten für Containerschiffe fallen Bild: dapd

Angesichts Überkapazität und sinkender Charterraten müssen Anleger bei Schiffsfonds mit hohen Verlusten rechnen. Vielen Fonds droht sogar die Zahlungsunfähigkeit.

          Seit vier Jahren steckt die Schifffahrt in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Die Transportpreise für Container (Frachtraten) und die Mietpreise für Handelsschiffe (Charterraten) sind niedrig. Befeuert von Anlegergeldern in Milliardenhöhe und günstigen Krediten hatten die Reeder bis 2008 zu viele Frachter bestellt, nun gibt es mehr, als gebraucht werden. Vor wenigen Monaten sah es noch so aus, als könnte das kommende Jahr eine Erholung bringen. Die Raten stiegen leicht. Doch inzwischen ist die Zuversicht dahin. Den Fondsgesellschaften, die Schiffe mit dem Geld ihrer Anleger und mit Krediten finanziert haben, droht eine Insolvenzwelle.

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Wegen der Schuldenkrise und der Rezession in Europa geht die Nachfrage auf der wichtigen Asienroute stark zurück. Dadurch steigt das Überangebot an Transportkapazität weiter. In der Folge sinken die Mieten, welche die Charterreeder für ihre - vielfach von Anlegern finanzierten - Schiffe erzielen können. In diesem Umfeld glaubt kaum noch jemand, dass sich die Situation schon im kommenden Jahr verbessert. „Wir gehen davon aus, dass 2013 ein schwieriges Jahr wird“, sagt Felix von Buchwaldt, Geschäftsführer der Nordcapital-Gruppe, die rund 100 Schiffsfonds aufgelegt hat. Viele Vermieter von Handelsschiffen sehen schwarz: „Für das kommende Jahr erwarten wir keine Besserung“, sagt der Geschäftsführer einer großen deutschen Charterreederei, der nicht genannt werden will. Vermutlich werde 2013 sogar noch schlechter als 2012.

          Große Schiffsfinanzierer ziehen sich zurück

          Hunderte von Einschiffsgesellschaften (Schiffsfonds), welche das Geld von Hunderttausenden Anlegern verwalten, kämpfen ums Überleben. Allein im Boomjahr 2007 sammelten Emissionshäuser wie Nordcapital, Conti, MCE, HCI und MPC mehr als 3 Milliarden Euro ein. Angesichts der Schreckensmeldungen aus der Schifffahrtsbranche kamen 2011 zwar nur noch rund 500 Millionen Euro zusammen, wegen der hohen Zuflüsse aus den Vorjahren lag der Bestand aller in Deutschland aufgelegten Schiffsfonds Ende 2011 aber noch bei rund 52 Milliarden Euro. Nur in geschlossenen Immobilienfonds steckte noch mehr Geld, 72 Milliarden Euro.

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          Vor allem die kleineren Schiffe mit Stellplätzen für weniger als 3000 Standardcontainer (TEU) fahren oft nicht genug ein, um die Betriebskosten zu decken und den Zins- und Tilgungsdienst zu leisten. Nach Daten der Deutschen Fondsresearch sind bisher 113 Fondsschiffe in die Insolvenz gefahren. Einige Fachleute schätzen, dass es insgesamt mehr als 130 sind. Und dabei wird es nicht bleiben: „Die Situation verschärft sich“, sagt der Hamburger Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann, der schon einige insolvente Fonds abgewickelt hat. „Da steht ein Dammbruch bevor.“ Bisher habe es nur die Einschiffsgesellschaften getroffen, denen die Schiffe formal gehören. Nun gerieten auch viele Reeder selbst in Finanznot. „Es wird Insolvenzen von Charterreedern geben“, sagt Brinkmann voraus. Durch die Pleite einzelner Fonds verlören viele von ihnen Schiffe und dadurch überlebenswichtige Einnahmen. Ein Aufschwung im Welthandel, der schneller für ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Stellplätzen auf Schiffen sorgen könnte, ist nicht in Sicht. Selbst wenn die Ladungsmenge, wie von einigen Reedern avisiert, im kommenden Jahr um 4 Prozent wächst, bleibt die Überkapazität bestehen. Denn in der gleichen Zeit kommen Schiffe mit einem Stauraum von knapp 10 Prozent der fahrenden Flotte neu auf den Markt. Selbst die steigende Zahl an Verschrottungen kann das nicht aufwiegen. Der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größter Linienreederei Hapag-Lloyd, Michael Behrendt, rechnet damit, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern wird, bis die Überkapazitäten verschwinden.

          Die finanziellen Probleme vieler Reeder werden dadurch verschärft, dass sich große Schiffsfinanzierer wie die HSH Nordbank und die Commerzbank teilweise oder ganz aus diesem Geschäft zurückziehen. Zugleich sind viele Anleger nach vorangegangenen Nachschüssen nicht mehr bereit, ihre Fonds nochmals mit frischem Geld zu versorgen. Das bekommt zurzeit der größte Charterreeder der Welt, Claus-Peter Offen, zu spüren. Für die geplante Kapitalerhöhung seines „Santa-B Schiffsfonds“ kamen nur 18 Prozent der angefragten 21,3 Millionen Euro Eigenkapital zusammen. Nun wird mit den Banken über eine weitere Tilgungsstundung verhandelt. Vielen anderen Emissionshäusern und Reedern geht es ähnlich. Der Anlegeranwalt Peter Hahn glaubt, dass mehr als 1000 Anlegerschiffe leistungsgestört sind, also ihren Kapitaldienst nicht richtig leisten können. Das ist ein gutes Viertel der deutschen Handelsflotte.

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