https://www.faz.net/-gv6-8kebb

Sneaker als Wertanlage : Reichmacher Turnschuhe

  • Aktualisiert am

Diese „Air Jordan V ·Metallics“ dürften besonders teuer sein: Sie gehörten einst Whitney Houston. Ansonsten kosten sie auf dem Zweitmarkt um 400 Dollar. Verkaufpreis 2011: 150 Dollar. Bild: dpa

Der Zweitmarkt für limitierte Auflagen von Turnschuhen in Amerika wächst. Mittlerweile gibt es professionelle Händler. Manche machen erstaunliche Gewinne.

          Die „Sneakerhead“-Kultur gibt es bereits seit Jahrzehnten. Doch jetzt hat sich aus einer überschaubaren Fan-Szene rund um Raritäten von Kultmarken wie Air Jordan oder Converse Chuck Taylor ein Milliardenmarkt entwickelt.

          Streetwear - insbesondere der Handel mit limitierten Kollektionen - ist vom Untergrund-Phänomen zur kommerziellen Obsession geworden, von der auch Sportartikel-Riesen wie Nike und Adidas profitieren wollen. Nun entwickelt sich das Geschäft sogar zur Geldanlage. An Online-Börsen werden Turnschuhe inzwischen wie Wertpapiere gehandelt.

          Die Turnschuh-Jäger

          Ortstermin in Lower Manhattan: Es ist eine heiße Sommernacht, aber die Strandstühle am Broadway passen trotzdem nicht ins Bild. Vor dem schicken Gebäude mit Nike-Logo im Fenster hat sich ein Grüppchen auf dem Gehweg breit gemacht. Keine Obdachlosen - Fashion-Freaks schlagen hier ihr Nachtlager auf und bringen sich in Stellung, um als erste beim Verkauf einer neuen T-Shirt-Kollektion zuzuschlagen. In der Welt der „Sneakerheads“ - Jäger und Sammler rarer Sportschuhe und anderer begehrter Modeartikel - sind solche Nachtschichten nichts Besonderes.

          „Das gehört für uns zum Geschäft“, sagt Orlando, dem es dank besonders früher Anreise gelungen ist, sich ganz vorn in der Schlange zu positionieren. Gemeinsam mit seinem Kumpel Raymond haben der 17-Jährige und sein Klappstuhl den ganzen Weg aus der Bronx zurückgelegt. Nun wird bis zum Morgen ausgeharrt. Dann eröffnen Nike und das Underground-Label Kith hier einen Streetwear-Laden.

          Zur Premiere gibt es nicht nur seltene „Sneakers“ für bis zu 1195 Dollar, sondern auch ein gemeinsames T-Shirt - streng begrenzte Auflage von 100 Stück, Kostenpunkt 55 Dollar. Das zieht das Szene-Volk an wie ein Magnet. Als es um 10.00 Uhr morgens losgeht, reicht die Schlange bis zum nächsten Häuserblock.

          Turnschuh-Händeler der anderen Art

          Kith-Mitarbeiter Tyler, dem der Andrang sichtlich Freude bereitet, aber auch etwas unheimlich scheint, schätzt die Menge auf 250 bis 300 Personen. Der Rummel ist so groß, dass der Sicherheitsdienst die Leute auf Abstand halten muss. Fußgänger reiben sich ungläubig die Augen.

          „Sneakerheads“ gibt es rund um den Globus. Doch in New York, wo Kult-Labels wie Supreme, 10.Deep, Stussy oder eben Kith sitzen, tummelt sich eine besonders eingefleischte Szene. Die Grenze zwischen Liebhabern und Geschäftsleuten ist allerdings fließend - kein Wunder angesichts des Wertsteigerungspotenzials der begehrten Ware.

          „Ich werde mein Shirt definitiv weiterverkaufen“, sagt Orlando. Zwei Tage später schon geht es im Internet für 225 Dollar weg. Seit anderthalb Jahren verdiene er sich mit solchen Aktionen Geld dazu.

          3500 Dollar Gewinn

          Woher Orlando und die anderen in der Schlange die Zeit nehmen, an einem Freitag Stunden anzustehen? „Die haben alle keine Jobs“, ätzt ein Passant. Der Verdacht scheint nicht ganz aus der Luft gegriffen. „Wir arbeitslosen Kids aus der Bronx müssen auch Geld machen“, meint Orlando. „Meinen bislang größten Profit habe ich mit Yeezy Boosts von Adidas gemacht - an denen habe ich 3500 Dollar verdient.“

          Andre, der hinter Orlando ansteht, betreibt das Geschäft inzwischen als Vollzeitjob. Er behauptet, über Facebook und seinen Instagram-Account „SoleStreet“ genug Geld damit einzunehmen, um sich und seine Familie zu ernähren.

          Die „Sneakerheads“ haben sogar ihre eigene Online-Börse. Bei StockX werden limitierte Neuauflagen, aber auch Klassiker gehandelt. Das Unternehmen präsentiert seine Website im Stil einer Investment-Plattform - wie hoch welcher Schuh gerade im Kurs steht, wird anhand von Angebot und Nachfrage laufend ermittelt.

          Das Ganze sieht aus wie bei Aktien, doch statt Dax oder Dow Jones stehen hier der Jordan- oder Yeezy-Index im Fokus. StockX taxiert das Volumen dieses Zweitmarkts auf mehr als eine Milliarde Dollar.

          Air Jordan auf dem absteigenden Ast

          Unter den zehn teuersten Turnschuhen auf dem Zweitmarkt fanden sich im ersten Quartal sechs Schuhe von Nike und vier von Adidas. Doch Nikes Dominanz, besonders durch die Air-Jordan-Schuhe sei im Schwinden: Nike mache den Zweitmarkt durch zu viele Schuhe kaputt, heißt es von StockX. 2014 hätten die Wiederverkäufer damit noich 1,3 Millionen Dollar verdient, 2015 nur noch 395.000. Hatte Nike 2012 noch vier Air Jordans im oberen Preisegement veröffentlicht, waren es 2015 schon 16.

          Laut der Analysefirma NPD Group ist der gesamte amerikanische Markt für Sportschuhe 2015 um acht Prozent auf 17,2 Milliarden Dollar gewachsen. Daran gemessen wirkt die Sammler-Nische noch überschaubar.

          Für Branchengrößen wie Nike oder Adidas ist das Segment dennoch attraktiv. Über die Gewinnspannen bei limitierten Modellen verraten die Unternehmen nichts - aus „Wettbewerbsgründen“, wie ein Adidas-Sprecher erklärt. Fest steht aber auch so: Der Hype stärkt die Marke. Und Partnerschaften, wie Adidas sie bei Yeezy Boost mit dem Rapper Kanye West eingegangen ist, verleihen Star-Appeal.

          Mit Spekulationen auf Turnschuhe lässt sich sicher Geld verdienen. Allerdings in Europa wohl eher nicht. Zudem darf man getrost bezweifeln, dass ein Turnschuh für 500 Dollar ein sichereres Investment ist als eine Aktie.

          Weitere Themen

          Träumen ist gut, aber Rechnen ist besser!

          FAZ Plus Artikel: Kreditzinsen : Träumen ist gut, aber Rechnen ist besser!

          „Trautes Heim, Glück allein“ ist nicht ohne Grund der Name einer Filmkomödie. Im echten Leben sieht es leider nicht so „traut“ und „glücklich“ aus. Warum wir anfangen sollten, realistisch zu rechnen, wenn es um geplante Eigenheime geht.

          Amazon-Aktionäre gegen Gesichtserkennung

          Bürgerrechte : Amazon-Aktionäre gegen Gesichtserkennung

          Auf der Hauptversammlung des Online-Händlers wollen Anteilseigner gegen eine umstrittene Software mobil machen. Sie sind nicht die einzigen, die darin ein Überwachungswerkzeug sehen.

          Die größten Börsengänge Video-Seite öffnen

          Das sind die Top 10 : Die größten Börsengänge

          Uber wird bei seinem Börsengang etwas mehr als acht Milliarden Dollar erlösen – und kommt damit nicht unter die Top 10 der größten Börsengänge. Die ersten vier Plätze belegen Konzerne aus China; aus Deutschland ist ein Unternehmen dabei.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.