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Langfristprognose : Vorwärts, ihr Bullen!

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Der Kampf mit dem Bullen ist auch an der Börse nicht so einfach. Bild: AFP

China, amerikanische Leitzinsen, Griechenland. Vermögensverwalter Thomas Grüner schreckt das nicht. Er sieht die Aktienmärkte in einem reifen Bullenmarkt.

          Thomas Grüner hat es nicht so mit der herrschenden Meinung. Wenigstens so weit es die Finanzmärkte betrifft. „Der Marktkonsens liegt in den seltensten Fällen richtig“, sagt der Gründer des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments. „Es dominieren kleine, unwichtige und falsch interpretierte Ängste - alles starrt auf Griechenland, China und die amerikanische Notenbank. Dabei wird übersehen, dass wir uns mitten in einem Bullenmarkt befinden“, sagt Grüner.

          Von einem „geborgten Aufschwung“ könne keine Rede sein. Im Gegenteil: „Anleihekäufe sind kontraproduktiv, weil sie für niedrigere Langfristzinsen sorgen. Das erschwert den Banken ihr ureigenstes Geschäft: Kurzfristig zu leihen und langfristig zu verleihen.“ Die niedrigen Marktzinsen seien zudem eher ein Resultat eines knapperen Angebots und einer höheren Nachfrage. „Weil niemand an eine boomende Wirtschaft glaubt, sind alle vorsichtig. Unternehmen verschulden sich weniger, aber Anleger wollen vermeintlich sichere Anleihen haben. Da ist doch nur klar, dass die Renditen fallen.“ Das wiederum ermögliche es den Staaten, sich billiger - und damit weniger - zu verschulden.

          Darüber werde die positive Wirtschaftsentwicklung übersehen. Immer wieder würden einzelne Indikatoren herausgegriffen, um eine negative Einstellung zu begründen. „Aber der Index der Leading Economic Indicators steigt seit Mitte 2009 in Amerika ungebremst. Und seit 2013 ist dies auch im Euroraum der Fall.“ Der auch LEI genannte Index fasst die Entwicklung von zehn Einzelindizes zusammen und gilt als recht zuverlässig, wenn es darum geht, eine Rezession zu prognostizieren.

          Die Gesamtsituation sei typisch für einen reifen Bullenmarkt, der im Pessimismus geboren werde und sich über Skepsis bis hin zum Optimismus entwickle, bevor er in der Euphorie untergehe. Deswegen sieht Grüner die herrschende Marktstimmung zwar als falsch an, aber doch positiv. „Die Situation erinnert sehr an die neunziger Jahre. Damals hatten wir den bisher längsten Bullenmarkt der Geschichte. Aber als es Anfang der Achtziger losging, glaubte niemand daran. Erst ganz zum Schluss herrschte richtig gute Stimmung. Damals hielten unsere Kunden lange Zeit bis zu 50 Prozent Liquidität. Heute ist es ähnlich.“

          Anleihen sind keine Konkurrenz

          Typisch sei auch, dass Volatilität negativ gesehen werde und die gefühlten Kursschwankungen höher seien als die tatsächlichen. Für den amerikanischen S&P-500-Index gelte sogar, dass sie auf dem niedrigsten Niveau seit 30 Jahren liege. „Das ist ein aufgestauter Bullenmarkt“, ist sich Grüner sicher. Vor allem werde Volatilität immer wieder falsch verstanden: „Volatilität funktioniert ja auch nach oben. Ohne Kursschwankungen gibt es keine Dynamik.“

          Für die Zukunft ist Grüner erst einmal auch nicht bange. „1996 lief der Bullenmarkt schon sechs Jahre. Die Bewertungen waren schon überdurchschnittlich hoch, und trotzdem war er noch lange nicht vorbei.“ Die aktuellen Zweifel hinsichtlich einer hohen Bewertung der Aktien sieht der Vermögensverwalter wiederum als Kontraindikator. Im Jahr 2000 sei das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zehnjähriger Bundesanleihen bei rund 15 und das des Dax doppelt so hoch gewesen. Trotzdem wurden Aktien bevorzugt. Heute sei der Dax mit etwa 15 bewertet und die Anleihe mit weit mehr als 100. Trotzdem gälte die Anleihe als sicherer.

          10 bis 20 Prozent Minus sind immer mal drin

          Korrekturen werde es in den kommenden Jahren allerdings auch geben. 10 bis 20 Prozent Minus seien immer mal wieder drin. Aber wichtig sei vor allem der positive Aufwärtstrend. „Von 1996 bis ins Jahr 2000 ist der Dax um das Dreieinhalbfache gestiegen - trotz Asien- und Russland-Krise.“ Gerade in der Spätphase werfe der Bullenmarkt bei hoher Volatilität auch hohe Renditen ab.

          Das sei dann die Zeit für die Mega-Caps, also für die größten Aktiengesellschaften. Deren Kurse stiegen am Schluss eines Bullenmarktes überdurchschnittlich stark. Und sie seien auch für den letzten Schub verantwortlich. Derzeit hätten sich die Mega-Caps aber noch nicht eindeutig durchgesetzt - auch wenn die Bayer-Aktie jetzt gut laufe. Insgesamt werde es sich aber zunehmend auszahlen, auf die großen Schiffe zu setzen.

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