https://www.faz.net/-gv6-6ui8j

Terminmärkte : Der Wechselkurs verbirgt die Krise

Für stabile Preise hat die EZB in den ersten dreizehn Jahren der gemeinsamen Währung gesorgt Bild: dapd

Die Terminmärkte signalisieren eine Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar. Angesichts der abschwächenden Geschäfte könnte die EZB sogar eine Zinssenkung ins Auge fassen.

          2 Min.

          Am Wechselkurs des Euro erkennt man die Nervosität angesichts der Euro-Schuldenkrise nicht leicht. Die europäische Gemeinschaftswährung hat zwar zu Beginn des Septembers die Bandbreite zwischen 1,40 und 1,45 Dollar, innerhalb derer sie seit April relativ kontinuierlich schwankte, nach unten durchbrochen - eine Entwicklung, die Marktbeobachter auf die neuerliche Eskalation der Schuldenkrise zurückführen. Dennoch ist der aktuelle Außenwert des Euro von 1,38 Dollar mit Blick auf die vergangenen drei Jahre weder sonderlich hoch noch sonderlich niedrig: In der Mitte des vergangenen Jahres war er vorübergehend weniger als 1,20 Dollar wert, gegen Ende des Jahres 2009 konnte er gegen 1,50 Dollar getauscht werden (siehe Grafik).

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Deutlicher sind die Sorgen der Anleger hingegen am Terminmarkt abzulesen. Nach Daten, wie sie von der amerikanischen Terminmarktaufsicht CFTC wöchentlich veröffentlicht werden, setzen kurzfristig orientierte Investoren stark darauf, dass der Euro gegenüber dem Dollar an Wert verliert. Die CFTC-Daten basieren auf den Handelspositionen in standardisierten Wertpapieren (Futures) an der Terminbörse Chicago Mercantile Exchange (CME). Dabei werden die einzelnen Positionen miteinander verrechnet und als sogenannte Nettoposition ausgewiesen. Liegt diese Größe unter null, bedeutet es, dass diese Investoren auf einen abwertenden Euro setzen. Derzeit beträgt ihr Stand minus 73 795, nur im Mai des vergangenen Jahres, also zu der Zeit, als das erste Hilfspaket für Griechenland auf den Weg gebracht wurde, war die Stimmung noch pessimistischer.

          Erzielen die Regierungen spürebare Fortschritte?

          Wie leicht sie von Optimismus in Pessimismus kippt, ist übrigens auch daran zu erkennen, dass die Nettoposition noch im Mai dieses Jahres plus 100.000 betrug und von da ab schnell kleiner wurde bis zum aktuellen Niveau. Abzulesen ist der Pessimismus derzeit neben den Futures-Märkten auch an den Optionsmärkten. Ein Absicherung gegen eine Euro-Abwertung kostet deutlich mehr als gegen eine Euro-Aufwertung. Der Preisunterschied (Risk Reversal) zwischen entsprechenden Optionen auf Sicht von drei Monaten ist aktuell sogar noch größer als zur Mitte der vergangenen Jahres. An der Wechselkursentwicklung des Schweizer Franken ist der Pessimismus der Anleger gegenüber dem Euro demgegenüber nicht mehr so einfach abzulesen, weil die Schweizer Nationalbank interveniert, um eine weitere Aufwertung des Franken zu verhindern.

          Ob die Sorgen professioneller Marktteilnehmer über einen Wertverlust des Euro gegenüber dem Dollar in nächster Zeit kleiner oder noch größer werden, hängt nach Ansicht von Marktbeobachtern wesentlich von zwei Faktoren ab: Einmal davon, ob es den europäischen Regierungen gelingt, spürbare Fortschritte in der Lösung der Schuldenkrise zu erzielen. Und darüber hinaus von der Entwicklung der Leitzinsen.

          Debattiert wird am Markt, ob die Europäische Zentralbank angesichts der sich abschwächenden Geschäftstätigkeit nicht nur von weiteren Leitzinserhöhungen über das aktuelle Niveau von 1,5 Prozent absehen, sondern sogar eine Zinssenkung ins Auge fassen könnte. Dadurch würde sich der Zinsunterschied gegenüber den Vereinigten Staaten wieder verringern. Nach einer gängigen Wirtschaftstheorie würde das amerikanische Anlagen relativ attraktiver machen und den Dollar aufwerten lassen.

          Weitere Themen

          Das verrückte zweite Börsenquartal

          Scherbaums Börse : Das verrückte zweite Börsenquartal

          Erst kam der Corona-Crash, dann ging es temporeich auf den Gipfel zurück, wobei Anleger mit Aktien wie Tesla ein Vermögen machen konnten. Dadurch wächst die Gefahr zu hoher Erwartungen.

          Topmeldungen

          In seinen seltenen Interviews gab sich der ehemalige Wirecard-Chef analytisch und sachorientiert.

          Wirecard-Skandal : Der Unsichtbarmacher

          Markus Braun war Mr. Wirecard und der reichste Dax-Chef. Nun ist er in einen beispiellosen Bilanzskandal verstrickt. Irgendwo zwischen der Utopie unsichtbaren Geldes und der Wirklichkeit unregelmäßiger Zahlen hat er sich verzettelt.

          Corona-Medikament für Europäer : Eine Zwangslizenz für Remdesivir?

          Die EU hat das erste Medikament gegen Covid-19 zugelassen – doch vorerst liefert der Hersteller Gilead nur nach Amerika. In Brüssel wird Druck aufgebaut: Notfalls könne man Remdesivir auch gegen den Willen von Gilead für Europa herstellen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.