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Tabuthema Geld : Mama, was verdienst du eigentlich?

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In der Familie wird allenfalls über die Höhe des Taschengeldes diskutiert Bild: ddp

Nirgendwo wird so wenig über Geld gesprochen wie in deutschen Familien und Freundeskreisen. Auch Aktien und Vorsorge scheinen immer noch Tabuthemen zu sein. Das hat katastrophale Folgen - für unsere eigene Altersvorsorge und für die unserer Kinder.

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          „Über Geld spricht man nicht, man hat es!“ Fast jeder in Deutschland kennt dieses Sprichwort. Allerdings weiß kaum jemand, woher es eigentlich kommt und welche Berechtigung es hat. Auch Monika Müller, Diplom-Psychologin und Finanzcoach aus Wiesbaden, kennt den Ursprung nicht. Sie ist aber alles andere als verwundert über die Existenz dieses Spruchs. „Fast jedes Problem wird hierzulande in Wahnsinnsabhandlungen breitgewälzt. Die Frage jedoch, warum Geld immer noch tabuisiert ist, während Sex längst Partythema ist, wird allenfalls am Rande gestreift.“

          Doch immerhin: Es gebe sowohl geschichtliche als auch psychologische Erklärungsansätze für die Zurückhaltung der Deutschen, sagt Professor Dieter Frey von der Universität München. Zum einen, so der Sozialpsychologe, läge die Zurückhaltung in der starken Verankerung von Sozial- und Wohlfahrtsstaat. Wir seien es gewöhnt, dass der Staat für unser Wohlergehen verantwortlich ist und unsere Einkünfte von Gewerkschaften und Verbänden ausgehandelt werden. In anderen Ländern, beispielsweise in den Vereinigten Staaten, gelte dagegen von jeher die Prämisse, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.

          Eine Einstellung, die, so Freys zweite, psychologische Erklärung, auch dazu führe, dass es dort weniger Missgunst gebe. Denn wenn jeder selbst für sein Wohlergehen verantwortlich ist, kann man ihm dies nicht neiden. Wenn der Wohlstand dagegen von außen kommt, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Und egal, wozu sie auch gehören: Den Deutschen ist es peinlich. Wer viel verdient, will nicht als Angeber dastehen und keinen Neid aufkommen lassen, wer wenig verdient, will kein Mitleid erzeugen.

          Schon im Elternhaus sollte der Umgang mit Geld Thema sein

          Letztlich jedoch, darin sind sich Finanzcoach und Wissenschaftler einig, sei es auch vollkommen egal, warum es in Deutschland ein Tabubruch sei, den besten Freund nach der Höhe seiner Erbschaft oder den Kollegen nach seinen Gewinnen am Aktienmarkt zu fragen. Die Folgen seien in jedem Fall fatal. Denn es sei genau dieses Nichtreden, dass dazu führe, „dass sich viele Deutsche auch innerlich nicht mit dem Thema befassen und in der Folge gar nicht erst das Wissen erwerben, das sie brauchen, um ihr Geld richtig zu investieren und damit beispielsweise optimal fürs Alter vorzusorgen“, sagt der Frankfurter Börsenpsychologe Martin Weber. Mit anderen Worten: Wer sich nicht mit dem Thema auseinandersetzt, schadet sich am Ende selbst. Andere Fachleute gehen noch weiter und sehen sogar Auswirkungen auf die Volkswirtschaft insgesamt.

          Denn um etwas begreifen zu können, das haben Lerntheoretiker schon vor Jahrzehnten bewiesen, muss man darüber reden oder - besser noch - anderen dabei zuschauen können. Schon im Elternhaus, fordern daher unisono alle Finanzexperten, sollte der Umgang mit Geld Thema sein. In der Schule sollte sich das fortsetzen und schließlich Allgemeingut am Arbeitsplatz, im Freundeskreis und in der Gesellschaft überhaupt sein.

          Doch während in Amerika beim Barbecue jeder jeden darüber informiert, was er seiner Firma wert ist, sieht die Realität in Deutschland anders aus, weiß auch Helmut Peters, Schuldnerberater in der Diakonie Krefeld Viersen. Das Tabu reicht sogar so weit, dass viele Arbeitgeber gar verbieten, über Gehalt oder Prämien zu sprechen. Das heißt zwar nicht, dass es dann wirklich auch nicht getan wird. Es sorgt aber dafür, dass die Auseinandersetzung über Leistung und Lohn immer im Bereich der Spekulation und damit auf der Gefühls- und Neidebene bleibt.

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