https://www.faz.net/-gv6-6qz7r

Synthetische Wertpapiere : Unkontrollierter Handel mit Indexfonds

  • -Aktualisiert am

Falschbuchungen blieben unbemerkt: Der Eingang der UBS in London Bild: dapd

Die interne Handelsüberwachung europäischer Banken scheint beträchtliche Lücken aufzuweisen. Besonders im Geschäft mit synthetischen Wertpapieren birgt dies große Risiken.

          3 Min.

          Der des Betrugs angeklagte Händler bei der UBS, Kweku Adoboli, hat sich offenbar eine Lücke in den europäischen Handelsvorschriften und Besonderheiten von synthetischen Indexfonds (ETF) zu nutze gemacht, um seine Spekulationen zu verschleiern. Gerade seine Sonderrolle als Händler in der Abteilung „Delta One“ für synthetische ETFs ermöglichte es ihm offenbar, die Kontrollen der Bank auszuhebeln.

          In Kreisen der Londoner Finanzaufsicht, der Financial Services Authority (FSA), wurde am Dienstag bestätigt, dass es im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten in Europa keine gesetzliche Vorschrift gibt, die fordert, dass im Handel zwischen Banken und im internen Handel einer Bank schriftliche Auftragsbestätigungen erstellt werden, die dann mit den Büchern der Händler abgeglichen werden können. Vor allem intern scheinen manche europäische Banken daher auf Auftragsbestätigungen zwischen ihren unterschiedlichen Handelsabteilungen zu verzichten — mit potentiell gefährlichen Folgen. Besonders im Geschäft mit synthetischen ETFs, für die Adoboli zuständig war, kann dies große Risiken bergen.

          Wenn die doppelte Buchführung versagt

          Typischerweise wird ein Händler wie Adoboli von einem Kundenberater der Bank aufgefordert, für einen Industriekunden einen ETF zusammenzustellen. Bei dem ETF soll es sich um ein Wertpapier handeln, dessen Preis sich im absoluten Gleichklang (mit einem Delta von Eins) mit einem bestimmten Aktienindex bewegt. Die Aufgabe eines Händlers wie Adoboli ist es, dann ein Portfolio von unterschiedlichen Marktpositionen zusammenzustellen. Unter dem Strich soll dieses Portfolio genau das vom Industriekunden gewünschte Preis- oder Renditeverhalten aufzeigen. Es gibt keine Vorschrift, dass in dem Portfolio exakt die Wertpapiere enthalten sein müssen, auf deren Preisbewegung der Kunde mit seinem ETF setzt. Es zählt letztlich gegenüber dem Kunden nur die erzielte Kurs- oder Renditeentwicklung des synthetischen ETFs.

          Idealerweise stellt der Händler sein Portfolio so geschickt zusammen, dass für ihn, seine Abteilung und die Bank noch ein Extragewinn abfällt. Dafür „kauft“ der Händler die Positionen für sein ETF-Portfolio von der Eigenhandelsabteilung der Bank, in diesem Falle UBS. Der Händler geht möglicherweise aber auch Geschäfte mit anderen Marktteilnehmern ein. Auf jeden Fall aber deckt er sein Portfolio ein, ist also letztlich gegenüber dem ETF-Verkauf an den Industriekunden voll abgesichert.

          Weil der Händler am Tisch „Delta One“ jedoch Positionen bankintern vom Eigenhandel einkauft, wird dies innerhalb des Instituts als risikoloses Geschäft angesehen. Manche Banken scheinen deshalb intern darauf zu verzichten, dass der Eigenhandel Auftragsbestätigungen über das Eindeckungsgeschäft des Kollegen am Tisch „Delta One“ ausstellt. Vereinfacht ausgedrückt: es werden keine Quittungen ausgestellt. An dieser Stelle versagt dann die doppelte Buchführung.

          „Es ist ein Systemfehler“

          Kreise von UBS werden in der Londoner City damit zitiert, dass einige Banken angeblich auch gegenüber Dritten, also auch nach Außen hin, auf Handelsbestätigungen verzichten. Adoboli hätte dann sogar Absicherungsgeschäfte mit Marktteilnehmern außerhalb von UBS vortäuschen können. Dies erscheint jedoch als extrem unwahrscheinlich. Der Verzicht von Auftragsbestätigungen öffnet Tür und Tor für Betrug: Ein Händler wie Adoboli kann dann vortäuschen, er habe seine ETF-Positionen eingedeckt, obwohl er dies in Wirklichkeit nicht getan hat. Er kann darauf spekulieren, dass er — zumindest einen Teil — seiner ETF-Positionen später billiger zusammenkauft und damit für sich, seine Abteilung, die Bank und für seinen Bonus einen extra Gewinn erzielt. Im selben Moment spekuliert er nämlich darauf, dass sich der Markt zu seinen Gunsten entwickelt. Er wird jedoch auf dem falschen Fuß ertappt, wenn dies nicht geschieht. Adoboli werden Falschbuchungen bis zum Jahr 2008 zurück vorgeworfen.

          Innerhalb der UBS hat dies über Jahre niemand bemerkt. „Es ist ein Systemfehler, dass die Vorgesetzten ihre Händler kontrollieren sollen, obwohl ihr eigener Erfolg vom Gewinn ihrer untergebenen Mitarbeiter abhängt“, sagt Wolfgang Fabisch, Chef von b-next AG, einem Unternehmen für Finanz-Dienstleistungen. Ein Mitarbeiter einer bankinternen Kontrollabteilung sagt, dass Transaktionen von Mitarbeitern auch dann abgeglichen werden sollten, wenn keine Handelsbestätigungen ausgestellt worden seien. Dies sollte im Nachhinein telefonische erfolgen. „Es darf innerhalb der Bank grundsätzlich keine Transaktionen geben, die nicht abgeglichen werden“, sagt dieser Fachmann. Außerdem hätte den Vorgesetzten früher auffallen müssen, dass Adoboli extrem lange gearbeitet und keinen Urlaub mehr genommen habe und außergewöhnlich gestresst gewesen sein müsse.

          ETFs zählen bei Banken zu den sehr beliebten Produkten. Sie ermöglichen es den Instituten nämlich, wenig liquide Vermögenspositionen als Sicherheit in ETF-Portfolios einzuspeisen. Im Gegenzug erhalten sie vom Kunden beim Verkauf der ETFs Liquidität. Doch der Internationale Währungsfonds (IWF), die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Financial Stability Board (FSB) und Notenbanken wie die Bank von England haben auf die Risiken von ETFs, vor allem von synthetischen ETFs, hingewiesen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In den Krankenhäusern in Wuhan arbeiten die Mediziner auf Hochtouren, um dem Ansturm an Patienten gerecht zu werden.

          Coronavirus : Mittlerweile mehr als 40 Tote in China

          Die Zahl der bekannten Infektionen hat sich seit gestern auf knapp 1300 Fälle verdreifacht. Die Toten beschränken sich mittlerweile nicht mehr nur auf die Region um Wuhan.
          Helikopter über den Schweizer Alpen auf dem Weg nach Davos: In einem sitzt der amerikanische Präsident Donald Trump.

          Davos : Jahr der Megatrends

          In Deutschland besteht eine verhängnisvolle Neigung zu glauben, wer die Welt verändern wolle, müsse in erster Linie moralisieren. Die Wirtschaft ist aber nicht der natürliche Feind der Klimapolitik. Das zeigte sich gerade in Davos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.