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Suchtforscher Gerhard Meyer : „Zocken an der Börse ist Glücksspiel“

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Uli Hoeneß: Der „Reiz des Risikos“ könnte ihn zur Börsenzockerei getrieben haben, sagt der Suchtforscher Gerhard Meyer Bild: dpa

In Deutschland gibt es 540.000 problematische und pathologische Spieler. Zwei bis fünf Prozent tun dies an der Börse. Sie unterliegen einer Kontrollillusion, sagt Gerhard Meyer, Suchtforscher an der Universität Bremen.

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          Herr Meyer, was treibt einen beruflich ausgefüllten und finanziell unabhängigen Mann wie Uli Hoeneß in die exzessive Zockerei an der Börse?

          Es könnte der Reiz des Risikos gewesen sein, der eine ungeheure Anziehungskraft auf manche Menschen ausübt.

          Warum geht Hoeneß dann an die Börse und nicht ins Kasino?

          Viele Börsenzocker unterliegen einer Kontrollillusion. Sie halten das Geschehen im Kasino für zufallsbedingt, meinen aber an der Börse die Dinge im Griff zu haben.

          Warum ist das eine Illusion?

          Weil das Börsengeschehen im Minuten-, Stunden- oder Tagestakt, in dem sich die Zocker bewegen, ebenfalls weitgehend zufallsbestimmt ist.

          Unzählige Börsianer haben auch für die kurze Frist Strategien entwickelt, mit denen sie das Geschehen vorherzusehen glauben, zum Beispiel auf Basis technischer Analysen.

          Diese Analysen basieren auf Kursdaten der Vergangenheit. Sie wiegen den Anleger in Sicherheit, weil sehr umfangreiche Informationen in die Analyse einfließen. Letztlich sind der kurzfristigen Unwägbarkeiten aber zu viele, als dass hieraus verlässliche Vorhersagen abgeleitet werden könnten.

          Ist an der Börse damit letztlich auch alles Zufall wie im Kasino?

          In der sehr kurzen Frist, die nichts mit langfristiger, strategischer Geldanlage zu tun hat, überwiegen sicher deutlich die Zufallsanteile.

          Demnach wäre die kurzfristige Geldanlage Glücksspiel.

          Sie erfüllt die Kriterien eines Glücksspiels: Es werden Vermögenswerte eingesetzt, und das Ergebnis ist weitgehend durch Zufall bestimmt.

          Das werden die zigtausend Daytrader in Deutschland anders sehen.

          Das ist ja die große Gefahr, die mit der Kontrollillusion einhergeht. Selbst das schrägste System hat irgendwann zufällig Erfolg und bestärkt die Zocker in ihrem Tun. Sie führen diesen Erfolg auf ihre eigenen Fähigkeiten zurück. Das ist ein sehr viel intensiveres und nachhaltigeres Erleben als der Zufallsgewinn im Kasino. Kommt es hingegen zu Misserfolgen, wird dies nicht auf die eigene Strategie zurückgeführt, sondern auf die äußeren Bedingungen, die sich plötzlich geändert hätten. Dabei gehört dies gerade zu den Unwägbarkeiten an der Börse, die eine kurzfristige Vorhersage unmöglich machen.

          Wann ist die Kontrollillusion krankhaft?

          Der Anleger verliert die Kontrolle über einmal gesetzte Höchstgrenzen, versucht Verluste mit noch höherem Kapitaleinsatz wieder wettzumachen. Dazu kommt Beschaffungskriminalität. Wie bei Drogen werden oftmals auch illegale Handlungen begangen, um die Sucht zu finanzieren. Zudem gibt es entzugsähnliche Symptome, falls gerade nicht gezockt werden kann. Familien werden belogen, und es wird heimlich gezockt. Der Wert des Geldes wird völlig aus dem Blick verloren, es wird nur noch als Spielgeld wahrgenommen.

          Wie viele Menschen sind diesen Kriterien entsprechend börsensüchtig?

          Nach aktuellen Prävalenzstudien leben 540.000 problematische und pathologische Spieler in Deutschland. Es gibt 200 Selbsthilfegruppen der Anonymen Spieler. Etwa 17.000 Menschen haben vergangenes Jahr Suchtberatungsstellen aufgesucht. Dazu kommen stationäre Behandlungen. Der Großteil der Fälle sind jedoch Automatenspieler, etwa 2 bis 5 Prozent haben Probleme mit Börsenzockerei.

          Für wie hoch halten Sie die Dunkelziffer?

          Die Banken haben es bislang sehr gut geschafft, das Thema unter der Decke zu halten, auch in der Forschung. Im Jahr 2006 wurde das Thema Spielsucht nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum staatlichen Glücksspielmonopol öffentlicher und in der Werbung musste vor Spielsucht gewarnt werden. Anschließend hat sich die Behandlungsnachfrage mehr als verdreifacht. Ähnliches könnte passieren, wenn das Thema Börsensucht öffentlicher würde.

          Müsste bei bestimmten Finanzprodukten mit hohen Hebeln, die eigens für die sehr kurzfristige Geldanlage geschaffen werden, auch ein Warnhinweis erfolgen?

          Den Anlegern muss das sehr hohe Gefahrenpotential, das mit diesen Finanzprodukten einhergeht, noch stärker bewusst gemacht werden. Die psychischen Gefahren sind enorm. Gerade unter Bankmitarbeitern sind die Fallzahlen überproportional hoch.

          Uli Hoeneß hält sich für kuriert, zockt aber noch gelegentlich. Seine Familie hält ihn nicht für kuriert.

          Häufig bagatellisieren Betroffene ihr Suchtverhalten. Es besteht zudem eine große Gefahr, wenn man einmal solche Probleme gehabt hat, wieder in exzessives Verhalten abzugleiten. Das vorrangige Ziel unserer Therapien ist Abstinenz.

          Wie sieht die Behandlung aus?

          Die Glücksspielsucht wird in diesem Monat von der Amerikanisch Psychiatrischen Gesellschaft im DSM 5 als erste nicht-stoffgebundene Suchtform mit Alkohol und Drogen in dieselbe Kategorie eingeteilt. Die Therapiekonzepte sind weitgehend die gleichen, im Zentrum der Behandlung steht die Überwindung der psychischen Abhängigkeit.

          Wie können Börsensüchtige das schaffen?

          Es kommt auf die Ursachen an. Wenn der Süchtige an der Börse Bestätigung sucht, muss das Selbstwertgefühl auf anderen Wegen gestärkt werden. Ist es der Adrenalinkick, gilt es, weniger gefährliche Alternativen auszuprobieren. Ist es die Flucht aus dem Alltag, verfolgt die Behandlung das Ziel, die Kompetenzen in Konfliktsituationen zu erweitern.

          Drogen und Alkohol führen vor Gericht mitunter zu verminderter Schuldfähigkeit oder Schuldunfähigkeit. Wäre dies bei einem börsensüchtigen Uli Hoeneß auch vorstellbar?

          Nur, wenn in Folge pathologischen Spielverhaltens schwerste Persönlichkeitsveränderungen nachweisbar sind oder die Taten unter Entzugserscheinungen begangen wurden, ist eine verminderte Schuldfähigkeit in Erwägung zu ziehen. Dann wäre eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder - besser, aber nach der Rechtsprechung bisher noch nicht möglich - in einer Entziehungsanstalt denkbar.

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