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Sauber investieren : Stuttgart legt das Geld jetzt nachhaltig an

Stuttgart bei Sonnenuntergang. Bild: Imago

Kinderarbeit, Korruption und Kohleabbau sind für die Stadt Stuttgart künftig tabu. Die neue Anlagepolitik setzt auf Nachhaltigkeit.

          2 Min.

          Die Stadt Stuttgart legt ihr Geld künftig bewusster an als bisher. „Unsere Strategie ist und bleibt risikoarm“, sagt Michael Föll, der als Erster Bürgermeister für die Finanzen der Stadt zuständig ist: „Jetzt achten wir ganz konsequent darauf, dass wir öffentliche Gelder nur in solche Anlagen geben, die auch aus ethischer, sozialer und ökologischer Sicht vertretbar sind.“

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Eine vom Gemeinderat verabschiedete Richtlinie tritt zum 1. September in Kraft. Die Stadt will nur noch Aktien und Anleihen von Unternehmen kaufen, die ihrer Ansicht nach saubere Geschäfte machen. In den Abbau von Kohle, die Förderung von Öl oder die Gewinnung von Erdgas durch Fracking soll keinesfalls investiert werden, und auch Erzeuger von Atomenergie haben künftig keine Chance mehr auf Geld von der Stadt.

          Die ökologische Nachhaltigkeit ist für die Stadt Stuttgart, deren Oberbürgermeister seit knapp vier Jahren der frühere Grünen-Parteichef Fritz Kuhn ist, aber nur eines der neuen Anlagekriterien. Das Vermögen wird auch nicht mehr bei Unternehmen angelegt, die Kinder- oder Zwangsarbeit zulassen, die unangemessenen mit Korruptions- und Bestechungsvorfällen umgehen oder die Produkte herstellen, die die Menschenwürde verletzen durch die verunglimpfende und erniedrigende Darstellung von Personen.

          Ausdrücklich ausgeschlossen sind auch Unternehmen, die Pflanzen oder Saatgut gentechnisch verändern, und solche, die Tierversuche durchführen, die nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. Hersteller von Militärwaffen und -munition sind ebenso für Geldanlagen der Stadt tabu.

          Die größten Nachhaltigkeitsfonds
          Fonds Isin Wertentwicklung p.a.
          lfd. Jahr 3 Jahre 5 Jahre
          Pioneer Global Ecology LU0271656133 -2,7% 8,4% 11,5%
          FOS Rendite und Nachhaltigkeit DE000DWS0XF8 0,5% 4,5% 5,1%
          MEAG Fair Return DE000A0RFJ25 -0,7% 2,0% 4,0%
          Echiquier Major FR0010321828 -3,6% 4,2% 9,6%
          Ökovision Classic LU0061928585 -0,6% 11,1% 13,5%
          Quelle: Nachhaltiges Investment; FAZ.NET

          „Auf lange Sicht wird sich die Strategie lohnen, da Unternehmen aus den nun ausgeschlossenen Bereichen auf Dauer kaum eine positive Entwicklung nehmen werden“, erwartet Finanz-Bürgermeister Föll. Dabei geht es nicht um kleines Geld: die Stadt hat aktuell etwa 600 Millionen Euro angelegt. Soweit die Anlagen den neuen Kriterien nicht entsprechen, will die Stadt Stuttgart sie „interessewahrend“ abstoßen, sprich: nicht überstürzt mit eventuellen Kursverlusten. Man gehe davon aus, dass der Prozess des Umschichtens einige Monate dauern wird, heißt es bei der Stadt.

          Die größten Nachhaltigkeitsfonds
          Fonds Isin Volumen Lfd. Kosten Ausgabeaufschlag
          Pioneer Global Ecology LU0271656133 2,9 Mrd. € 2,06% 5,00%
          FOS Rendite und Nachhaltigkeit DE000DWS0XF8 855 Mio. € 1,13% 3,00%
          MEAG Fair Return DE000A0RFJ25 683 Mio. € 0,97% 3,00%
          Echiquier Major FR0010321828 562 Mio. € 2,39% 1,00%
          Ökovision Classic LU0061928585 578 Mio. € 2,47% 5,00%
          Quelle: Nachhaltiges Investment; FAZ.NET

          Die baden-württembergische Landeshauptstadt sieht sich mit ihrer neuen Portfolio-Strategie als Vorreiter: „Die Leitlinie ist konsequent wie in keiner anderen deutschen Stadt“, sagt Föll. Einen Schritt in diese Richtung ist im vergangenen Winter schon die Stadt Münster gegangen, die aber nur einen Teil der Kriterien (Atomstrom, Kohle, Öl und Fracking, Kinderarbeit sowie Militärwaffen) kurzfristig umsetzen soll.

          Orientiert hat sich die Verwaltung der Stadt Stuttgart zudem an den Richtlinien der katholischen und evangelischen Kirche sowie am Norwegischen Pensionsfonds. Das Parlament in Oslo hat im vorigen Sommer beschlossen, dass der Staatsfonds - mit mehr als 800 Milliarden Euro der größte seiner Art - keine Kohle-Unternehmen im Portfolio mehr haben soll. Den gleichen Schritt hat im Herbst 2015 dann die Allianz AG angekündigt.

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