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Studie : Für viele Deutsche ist das Thema Geld tabu

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Beim Umgang mit Finanzfragen ist das Denken der Deutschen von Scham, Neid und Angst bestimmt. Um Nachteile für den einzelnen und die Volkswirtschaft zu verhindern, fordert die Commerzbank in einer Studie ein Umdenken.

          Das Thema "Geld" ist bei vielen Deutschen ein Tabu. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag des Commerzbank-Ideenlabors. Diese Tabuisierung des Geldes und andere psychische Hemmschwellen seien die Ursache dafür, daß sich viele Deutsche zuwenig mit ihren privaten Finanzen beschäftigen, sagte Thomas Henrich, Abteilungsleiter bei der Commerzbank. Um weitere Nachteile für den einzelnen und die Volkswirtschaft zu verhindern, müsse es zu neuen Denk- und Verhaltensmustern kommen.

          Für die Studie "Die Psychologie des Geldes" hat das Forschungsinstitut Sinus Sociovision mit fünfzig Männern und Frauen unterschiedlichen Alters und aus allen sozialen Schichten psychologische Tiefeninterviews durchgeführt. Die Studie ist Teil eines Programms, den Ursachen für die geringe Allgemeinbildung der Deutschen in Finanzdingen auf die Spur zu kommen und diese Defizite zu beheben (F.A.Z. vom 12. November 2003).

          Problem hat viele Ursachen

          Die Studie, die von Professor Stefan Hradil, Leiter des soziologischen Instituts an der Universität Mainz, begleitet wurde, macht sechs Ursachen für die festgestellten Wissensdefizite aus. So empfinden es viele Menschen als unangenehm, offen über Geld zu reden: Das Gespräch über Geldmangel löst bei vielen Schamgefühle aus, das Reden über zuviel Geld hingegen führt zu Neidgefühlen. Das Thema Geld wird daher als Teil der persönlichen Intimsphäre wahrgenommen. Laut Studie trifft dies besonders auf ältere Menschen zu, die ihre Person stark über Einkommen und Vermögen bewerten.

          Eine weitere Hemmschwelle sehen die Forscher darin, daß es als oberflächlich und moralisch fragwürdig gilt, sich intensiv mit Geldthemen zu befassen. Finanziell clever und erfolgreich zu sein wird als Übervorteilung anderer gewertet. Diese Wahrnehmung habe sich durch die negative Entwicklung an den Kapitalmärkten verfestigt und zu einem generellen Mißtrauen gegenüber Finanzexperten geführt, meinen die Psychologen. Zudem empfinden die Deutschen das Thema Geld wegen der Produktvielfalt der Finanzdienste als zu komplex. Bei vielen löst dies Angst und Unsicherheit aus. Dies führt zu Vermeidung und Verdrängung: Man delegiere Geldangelegenheiten beispielsweise an den Ehepartner, heißt es in der Studie.

          In die gleiche Richtung wirkt, daß Vorgänge wie die Zinsentwicklung nicht unmittelbar greifbar sind - anders als etwa der Umgang mit Bargeld. Obendrein machen die oftmals langen Zeiträume zwischen dem Abschluß einer Geldanlage und ihrem möglichen Gewinn das Thema Geld sehr abstrakt. Bei der Altersvorsorge beispielsweise müssen heute Entscheidungen getroffen werden, deren Auswirkungen erst nach Jahrzehnten sichtbar sind. Aus Angst vor Fehlentscheidungen wird das Thema ausgesessen, anstatt sich planvoll um die finanzielle Absicherung im Alter zu sorgen.

          Unmündigkeit vor allem bei jungen Menschen und der älteren Generation

          Besonders bei jungen Menschen in der Ausbildung und bei der älteren Generation von Hausfrauen stellt die Studie eine Unmündigkeit in finanziellen Fragen fest. Sie sehen keine Notwendigkeit darin, ihre Finanzen selbst in die Hand zu nehmen. Diese Unmündigkeit wird selbst nicht wahrgenommen, da sich diese Gruppen vom Staat oder Ehepartner "gut versorgt" fühlen. Schließlich beschäftigen sich viele Menschen nicht mit Gelddingen, weil es für sie nicht rentabel genug erscheint. Die Beschäftigung mit dem Thema Geld bringt ihnen nach eigener Ansicht weder genügend materielle Belohnung noch ausreichend soziale Bestätigung.

          "Das Thema ,persönliche Finanzen' muß aus dem gesellschaftlichen Schattendasein herausgeführt werden", fordert Hradil. Es müsse selbstverständlicher Bestandteil der Alltagskultur werden, über Geld zu reden - auch über das eigene. Dazu sei es notwendig, das Thema in Familie, Schule und Öffentlichkeit immer wieder offen und kompetent anzusprechen. "Auch die Banken sind gefordert."

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