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Strategie : Wird die amerikanische Wachstumsschwäche unterschätzt?

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Bild: FAZ.NET

Das amerikanische Wachstum wurde lange Zeit vom Immobilienboom beflügelt, nun schwächt die Korrektur in der Branche die Wirtschaftsentwicklung deutlich. Optimisten könnten Gefahr laufen, die Risiken zu unterschätzen.

          An den internationalen Finanzmärkten scheinen sich im Jahr 2007 die Trends des Jahres 2006 nahtlos fortzusetzen. Der Dollar befindet sich in der Defensive, die hoch bewerteten Rentenmärkte suchen ihre Richtung und die Börsen tendieren nach oben.

          Der Optimismus der Börsianer leitet sich aus optimistischen Gewinn- und Wachstumserwartungen ab, obwohl beide Entwicklungen in den vergangenen Jahren von Sonderbedingungen profitierten. Dazu zählten lange Zeit tiefe Zinsen, eine extrem hohe Liquidität und nicht zuletzt auch ein anhaltend hoher Konsum in den Vereinigten Staaten.

          Amerikanisches Wachstum wurde vom Immobilienboom beflügelt ...

          Er beflügelte das Exportwachstum in Asien und damit indirekt die Weltwirtschaft, obwohl die Einkommen der amerikanischen Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren im Vergleich mit früheren Wachstumsperioden nur unterdurchschnittlich entwickelten und obwohl auch die Kursgewinne an den amerikanischen Börsen nicht gerade exorbitant waren.

          Allerdings gab es weitere Einkommensquellen: Die zunehmende Verschuldung (siehe Charts), gesenkte Steuern sowie rasch und deutliche steigende Immobilienpreise führten zu einem extremen Boom im Hausbau und in allen damit verbundener verbundenen Bereichen: Angefangen von den Herstellern von Baumaterialien, den Hausbauunternehmen, über die Makler bis hin zu den Baumaschinenherstellern und Möbelhändlern. Er wurde zusätzlich angeheizt durch immer „innovativere“ Finanzierungsmodelle, die selbst Personen mit geringen Einkünften und ohne Kapital zum Hauskauf und im Rahmen der steigenden Preise zur wiederholten Refinanzierung verleiteten.

          Je teuerer die Häuser wurden, desto wertvoller wurden sie als Gegenwert bei der Kreditvergabe und desto günstiger wurden zusammen mit den lange Zeit gleichzeitig im Trend fallenden Zinsen die Finanzierung. Auf diese Weise konnten viele Immobilienbesitzer gewissermaßen Liquidität aus ihrem Hausbesitz generieren und konsumieren. Das Phänomen des „Mortgage Equity Withdrawals“ nahm so seinen Lauf.

          Allerdings ist es damit vorbei, seit die inzwischen deutlich erhöhten Leitzinsen eine gewisse Wirkung zeigen. Nun steigen die Hauspreise und die Refinanzierungs- und Konsummöglichkeiten nicht mehr weiter. In manchen Regionen gehen die Preise sogar zum Teil deutlich zurück. Das führte zu einem deutlichen Einbruch der Aktivitäten in diesem Bereich. Die jüngsten Daten deuteten zwar eine gewisse Entspannung an, allerdings dürfte es sich dabei nur um eine kurzfristige Angelegenheit handeln, die zu positiv interpretiert wird.

          ... nun schwächt die Branche die Wirtschaftsentwicklung deutlich

          Denn die Anzahl der verkauften Häuser mag sich noch auf einem hohen Niveau befinden, allerdings deuten vorlaufende Indikatoren wie zum Beispiel der Neubeginn auf eine deutlich nachlassende Aktivität in diesem Bereich hin. Untersuchungen zeigen, dass der Hausbau in den vergangenen Jahren maßgeblich zum amerikanischen Wirtschaftswachstum beigetragen hat (siehe Chart). Ohne seinen Einfluss hätten die Wachstumsraten nur ein Viertel der ausgewiesenen betragen. Das heißt, alleine schon aus diesem Grund dürfte das amerikanische Wachstum deutlich nachlassen.

          Das ist jedoch nicht alles. Denn das dürfte zu negativen Begleiterscheinungen in allen verbundenen Bereichen führen. Sie zeigen sich längst: Transportunternehmen wie FedEx, UPS und die Transportverbände kündigten fallende Transportvolumina an, die Einzelhandelsumsätze in der Weihnachtssaison entwickelten sich unterdurchschnittlich, der Produktionssektor befindet sich in einem Abschwung, die Häufigkeit der Zahlungsunfähigkeit von Konsumenten mit unterdurchschnittlichen Einkommen nimmt rasant zu und hat auch schon bei verschiedenen Hypothekenunternehmen zur Insolvenz geführt, die Automobilverkäufe können nicht überzeugen und selbst die Investitionstätigkeit geht zurück.

          Die Hausbauunternehmen vermelden reihenweise Verluste aufgrund von Sonderabschreibungen, massiv zurückgehende Auftragsbestände und sehen noch kein Ende der Misere. Am Dienstag gab Lennar, das viergrößte Unternehmen der Branche, einen Verlust von 0,88 bis 1,28 Dollar je Aktie im vierten Quartal bekannt, nachdem Toll Brothers, DR Horton und Hovnanian schon ähnliches berichtet hatten. Ara Hovnanian, der Mehrheitsaktionär und Chef von Hovnanian Enterprises, sprach Ende Dezember von einer nie zuvor gesehenen Schwäche.

          Auf dieser Basis dürften hohe Wachstums- und Gewinnerwartungen generell überzogen sein. Denn die Margen der internationalen Unternehmen befinden sich durchschnittlich auf Rekordniveau und können eigentlich nur noch fallen. Gleichzeitig stellt sich bei allem Optimismus die Frage, ob sich der Rest der Welt angesichts der engen internationalen Verflechtung von Güter- und Finanzmärkten tatsächlich wird von einer Konjunkturschwäche in den Vereinigten Staaten abkoppeln können. Eine gewisse Skepsis verbunden mit entsprechenden Absicherungsstrategien kann sicherlich nicht schaden.

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