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Strategie : Von der Anleihen- zur Börsenblase?

  • Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET, Daten: Bloomberg

Phänomenal ist die zunehmende Eigendynamik, mit der die internationalen Börsen seit einigen Wochen ihre Aufwärtstrends fortsetzen. Anleger sind von Anleihen auf Aktien umgestiegen. Langsam scheinen sie euphorisch zu werden.

          Die Kursgewinne an den internationalen Börsen in den vergangenen Jahren waren beeindruckend. Geradezu phänomenal dagegen ist die zunehmende Eigendynamik, mit der sie seit einigen Wochen nach oben laufen.

          Das zeigt sich an der Kursentwicklung des Dax. Hat der Index im Jahr 2006 insgesamt knapp 22 Prozent zugelegt, so konnte er diese Marke im laufenden Jahr schon nach der ersten Jahreshälfte schlagen. Am Montag liegt er mittags mit einem Tagesgewinn von bisher 0,73 Prozent nur knapp unter dem bisher im Tagesverlauf erzielten Allzeithoch von 8.136, das er am 7. März des Jahres 2000 erreicht hatte.

          Trend zeigt nach oben - Bewertungen scheinen optisch noch attraktiv zu sein

          Aus technischer Sicht scheint der Markt zwar kurzfristig etwas überkauft zu sein. Grundsätzlich aber zeigt der Trend des Index weiterhin nach oben und die wirtschaftsoptimistischen Strategen und Anleger geben ihm auch aus Bewertungssicht weiteren Kursspielraum nach oben. Immerhin boome die Weltwirtschaft und so seien die Unternehmen weiterhin in der Lage, ihre Gewinne zu steigern, heißt es vielfach.

          Auf Basis anhaltend hoher Gewinnerwartungen sehen Aktien, vor allem auch die europäischen Papiere, zumindest optisch noch attraktiv aus. Gleichzeitig werden gegenwärtig kritische Zahlen nicht nur ausgeblendet, sondern sie werden in der Regel auch noch positiv interpretiert. Sie mögen noch so schlecht ausfallen, so lauten die Schlagzeilen der Agenturen und der Analysen nicht selten „besser als erwartet“ - und schon dienen sie wieder dazu, weitere Wertpapierkäufe und höhere Kursprognosen zu rechtfertigen.

          In einem solchen Umfeld verpuffen Hinweise auf die schwache amerikanische Konjunktur, die hohen und längerfristig nicht zu haltenden Gewinnmargen der Unternehmen (siehe auch ) , auf die schwachen Einzelhandels- und Autoverkaufszahlen in Europa, auf protektionistische Tendenzen oder auch auf steigende Preise und Zinsen wenig, um die aufkommenden Euphorie der Anleger zu dämpfen. „Die Hausse-Bewegung liefert nun endlich euphorische Züge“, heißt es bei Sentix. Damit sei der aus der „Hausse der Angst“ im Jahr 2006 erwachsene Aufwärtszyklus über die „Sorglosigkeit“ während der Korrektur Ende Februar in ein neues Stadium eingetreten, schreibt Sentix-Analyst Patrick Hussy und stützt sich dabei auf die wöchentlich stattfindende Umfrage unter Anlegern.

          Dabei beeindrucke vor allem, wie schnell die Anleger ihre zuvor herrschenden Zinsängste verdrängt haben, ohne dass es zu einer nennenswerten Entlastung bei den Zinsen gekommen sei. Festzumachen sei die „Phase der Euphorie“ zudem an immer rascheren Erholungsbewegungen im Anschluss an jeweilige Marktkorrekturen. „Jeder Rückschlag ist ein Kauf und der Versuch, das Korrekturende vorwegzunehmen, beschleunigt sich“, so Hussy mit Blick auf das jüngste Anlegerverhalten. Besondere Bedeutung haben dem Experten zufolge neben den „dauerhaft belastenden Zinsmärkten“ jetzt die japanischen Börsen. Ein Bruch der Renditemarke von zwei Prozent bei den zehnjährigen japanischen Staatsanleihen sowie ein positives Signal vom breiten Aktienindex Topix hätten einen „globalen Aktienbullmarkt“ zur Folge.

          Anleger sind von Anleihen auf Aktien umgestiegen

          Bei den Bonds sei indes noch keine Panik zu verzeichnen. Aus Branchensicht fielen vor allem die Werte der Industrieunternehmen mit „klaren Überhitzungserscheinungen“ auf. „Die Branche müsse in die Korrektur“, so der Analyst. Pharma/Healthcare nähere sich dagegen Extremwerten auf der Negativseite. Daneben setze sich die Erholung bei Telekom-Werten fort, das Sentiment für Banken bleibe weiter negativ. Die Finanzdienstleister stünden weiter vor dem Ende der Outperformance.

          Insgesamt scheint zumindest aus Stimmungssicht eine ausgeprägte Korrektur überfällig zu sein. Auf der anderen Seite können solche Phasen der Euphorie länger andauern, als man gemeinhin vermutet, bis sie tatsächlich ermüden. Immerhin zeigt die Analyse der so genannten Tic-Daten, dass zumindest in den Vereinigten Staaten die privaten Anleger in den vergangenen Wochen massiv Anleihen verkauft und Aktien erworben haben. Mit Blick auf die synchronen Kursverluste an den internationalen Rentenmärkten dürfte das Phänomen nicht auf die Wall Street beschränkt gewesen sein, sondern sich weltweit bemerkbar gemacht haben.

          Da sich hinter den „Privaten“ vielfach auf Umwegen über Hedge-Fonds auch die Staaten mit hohen und stark steigenden Währungsreserven verbergen, scheint es möglich zu sein, dass die Aktienmärkte noch deutlich weiter nach oben laufen können. Das gälte zumindest dann, wenn sie ihre Anlagepräferenz zum Beispiel aufgrund von Inflationssorgen nachhaltig von den Rentenmärkten zu den Börsen hin verschoben haben sollten. Immerhin hatten sie die Anleihen in den vergangenen Jahren auf unvernünftige Preis- und Renditeniveaus getrieben. Gleichzeitig scheint auch eine Grundstrategie denkbar zu sein: Rettung der aufgrund der Häusermarktkrise angeschlagenen amerikanischen Konsumentenstimmung durch steigende Kurse bei Aktien. Fragt sich nur, wie weit eine solche Strategie würde tragen können. Insgesamt dürften clevere Absicherungsstrategien nie schaden.

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