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Strategie : Schwacher Häusermarkt: Wie lange boomt die Wall Street noch?

  • Aktualisiert am

Neubausiedlung in Denver, Colorado Bild: REUTERS

In den Vereinigten Staaten boomen Börse und Rentenmarkt. Einer der beiden Märkte muß falsch liegen. Sehr wahrscheinlich ist es die Wall Street. Denn die Krise am amerikanischen Häusermarkt dürfte noch nicht ausgestanden sein.

          3 Min.

          Im Hinblick auf die bevorstehenden Kongreßwahlen in den Vereinigten Staaten steigen die amerikanischen Börsen deutlich. Der Dow Jones hat in den vergangenen Wochen einen neues Allzeithoch nach dem anderen markiert.

          Nach einem Kursgewinn von einem Prozent am Montag startet die Wall Street auch am Dienstag fulminant in den Handel. Hintergrund scheint die Spekulation auf eine Mehrheit der Demokraten im Repräsentantenhaus, im Senat oder in beiden Häusern zu sein. Sie würden zu einer Pattsituation mit der Regierung führen, neue Regulierungen und vor allem auch neue Ausgabenprogramme verhindern, lautet die Hoffnung kritischer Marktteilnehmer.

          Einfamilienhäuser wurden vorübergehend zu „Geldquellen“

          Dabei hatte die republikanische Mehrheit in den vergangenen Jahren mit massiven Ausgabenprogrammen in Verbindung mit einer extrem lockeren Geldpolitik das Wirtschaftswachstum des Landes beflügelt, argumentieren die Optimisten. Hohe Unternehmensgewinne sorgten nicht nur für steigende Steuereinnahmen, sondern führten auch zu einer hohen Beschäftigungsquote und damit zu einem anhaltend hohen Konsum. Dieser ist sehr wichtig, hängt doch ein großer Teil der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung davon ab.

          Bild: Northern Trust Company/Census Bureau/Haver Analytics

          Allerdings haben solche Argumente einen großen Haken. Denn erstens ist das amerikanische Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren nur in Kaufnahme einer rasant steigenden Verschuldung und deutlich zunehmenden Defiziten im Außenhandel möglich geworden. Gleichzeitig sind die Einkommen der Arbeitnehmer nicht in gleichem Ausmaß gestiegen wie die Gewinne der Unternehmen. Viele konnten ihr Konsumniveau nur aufrecht erhalten, indem sie ihre Häuser bei zunächst fallenden Zinsen und steigenden Preisen zu immer günstigeren und gewagteren Konditionen refinanzierten und die Differenz herauszogen, um sie zu konsumieren.

          Allerdings wurde die amerikanische Zentralbank in der Zwischenzeit gezwungen, die Leitzinsen nach oben zu schrauben. Das führte nicht nur zum Ende dieser zunächst positiven Entwicklung, sondern sie verdrehte sich inzwischen ins Negative. Inzwischen sinken die Hauspreise in weiten Teilen der Vereinigten Staaten, und immer mehr Hausbesitzer sind nicht mehr in der Lage, aufgrund der gestiegenen Zinsen ihre riskant finanzierten Häuser zu halten.

          Das hat deutliche Folgen. Erstens gehen die Hausverkäufe deutlich zurück. Denn wer wird in einem Umfeld fallender Preise schon kaufen, solange das Ende nicht absehbar ist. Auf der anderen Seite stehen die Bauunternehmen, die die laufenden Projekte möglichst schnell auf den Markt bringen wollen. Auf diese Weise trifft ein deutlich steigendes Angebot auf immer geringerer Nachfrage.

          Das ist aber nicht alles. Denn die Bauunternehmen werden sich hüten, in diesem Umfeld neue Projekte zu beginnen. Das und die allgemeine Schwäche im Baubereich hat Folgen, die sich als Multiplikatoreffekt in sämtlichen damit in Verbindung stehenden Bereichen niederschlagen: Von den Holz- und Baumaterialunternehmen über Möbel- und Einrichtungshersteller, Finanzierer und Makler bis hin zu den Handwerkern und Baumaschinenherstellern. Nicht umsonst kam Caterpillar in den vergangenen Tagen mit einer deutlichen Gewinnwarnung auf den Markt.

          Häusermarkt hat sein Tief noch nicht gesehen

          Das heißt: Gab es in den vergangenen Jahren im Baubereich, ausgelöst durch die lange Zeit außerordentlich günstigen Finanzierungsbedingungen, einen positiven Multiplikatoreffekt, so ist er inzwischen längst negativ geworden.

          Inzwischen gibt es zwar immer wieder optimistische Analysen, die besagen, es sei alles nicht so tragisch und das Schlimmste sei längst ausgestanden. Der Blick auf eine Analyse von Paul Kasriel von der Northern Trust Corporation in Chicago zeigt jedoch etwas anderes. So waren die Korrekturen am amerikanischen Häusermarkt in den vergangenen Jahren häufig ausgeprägter, als das, was man bisher sehen konnte.

          Das läßt sich nicht nur am Rückgang der „Housing Starts“ ablesen, sondern auch an der hohen Bewertung der Häuser im Verhältnis zum Inlandsprodukt, den extremen Überbeständen unverkaufter Häuser und nicht zuletzt am deutlichen Verfall der Hauspreise. Betrachtet man gleichzeitig das Ausmaß, in dem die Konsumenten in den vergangenen Jahren ihren Konsum über die Refinanzierung ihrer Häuser finanziert haben, so dürfte man kritisch auf die weitere Entwicklung beim amerikanischen Konsum blicken müssen.

          Paul Kasriel jedenfalls rechnet mit einer stagnierenden Wirtschaft, einer stagnierenden Börse und fallenden Zinsen. In diesem Umfeld sollte man Aktien großkapitalisierter Unternehmen halten. Nicht-zyklische Werte wie die der Verbrauchsgüterhersteller oder der Gesundheitsbranche sollten den Markt schlagen. Dagegen sollte man alle Werte meiden, die etwas mit der Baubranche zu tun haben: Angefangen bei den Bauunternehmen, über die Zulieferer, die Banken bis hin zu den Hypothekenfinanzierern.

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