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Strategie : Optimismus aus dem Nichts

  • Aktualisiert am

Bild: Cognitrend/FAZ.NET

Der Optimismus an den Börsen ist innerhalb kürzester Zeit quasi aus dem Nichts zurückgekehrt. Wären die Kursgewinne auf den Rückkauf von Wertpapieren zurückzuführen, so müsste man sich keine zu großen Sorgen über Gewinnmitnahmen machen.

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          Nach einer Zwischenkonsolidierung im Juni ist der Optimismus an den Börsen innerhalb kürzester Zeit quasi aus dem Nichts zurückgekehrt und hat relativ ausgeprägte Formen angenommen. Das erklären die Analysten von Cognitrend, die die Stimmung der Anleger ständig erfassen und analysieren.

          Hatte es noch vor wenigen Tagen so ausgesehen, als ob die Mehrheit der Märkte eher weiter nach unten als wieder nach oben laufen würden, so genügten drei Handelstage mit zum Teil massiven Kursgewinnen, um solche Befürchtungen zu mindern und um die Anleger vor dem Sommerloch in eine gewisse Euphorie zu versetzen.

          Pessimistische Anleger sind auf dem falschen Fuss erwischt worden

          Noch in der vergangenen Woche hatten Stimmungsindikatoren, die sich - abgesehen von den vergangenen Tagen natürlich - etwa in Form von Put-Call-Verhältnissen oder in der Schiefe der Volatilitätsverteilung zeigen, einen relativ großen Pessimismus unter Anlegern gezeigt. Er scheint sich aus technischen Indikatoren abgeleitet zu haben. So drohten viele Märkte unter die gleitenden 200-Tagesdurchschnitte zu fallen. Das wäre als negatives Zeichen aufgefasst worden und hätte mit einiger Wahrscheinlichkeit weitere Verkäufe nach sich gezogen.

          Nun zeigt sich jedoch, dass solche Indikatoren in bestimmten Marktphasen als Kontraindikatoren gewertet werden können. Nachdem Regierungen weltweit die Wirtschaft mit gewaltigen keyensianischen Ausgabenprogrammen auf Pump zumindest kurzfristig und zu Lasten nachfolgender Generationen auf die Sprünge helfen wollen und nachdem die Zentralbanken die Märkte gleichzeitig mit Liquidität fluteten -und damit gerade den Unternehmen (Banken und Versicherungen) helfen, die für die Malaise aufgrund naiv-opportunistischen Verhaltens unmittelbar mit verantwortlich sind - kommen nun auch die Unternehmen mit überaus optimistischen Prognosen auf den Markt und versuchen für gute Stimmung zu sorgen. Dabei werden sie neuerdings auch von den Zentralbanken unterstützt, die die wirtschaftliche Lage schön reden.

          Genau das führte dazu, dass die Stimmung innerhalb kürzester Zeit um 180 Grad drehte und die Anleger dazu zwang, ihre vorher eingegangenen Wetten auf fallende Kurse zu schließen, erklärt zumindest Joachim Goldberg von Cognitrend. Das über Wochen dominante Bärenlager unter den mittelfristig orientierten Vermögensverwaltern sei nicht nur mit einem Schlag geräumt worden, sondern zwei Drittel der ehemaligen Pessimisten hätten sich sogar umgehend zu neuen Bullen bekehren lassen, so seine Analyse. Das führte dazu, dass der von seinem Institut ermittelte Bull/Bear-Index auf den zweithöchsten Stand des Jahres emporschoss.

          Stimmung hat sich innerhalb kürzester Zeit um 180 Grad gedreht

          Es lasse sich kaum erklären, woher, quasi aus dem Nichts, die fundamentale Neubetrachtung der Aktienmärkte herrühre. Die beste Antwort auf das Verwirrspiel dürften die Chartisten parat haben, heißt es weiter. Sie hatten in der Vorwoche einen Ausbruch des Dax aus einer bilderbuchartig geschnittenen - und so für fast jedermann erkennbaren - Formation als kursnegtives Signal gewertet. Genau dieses schöne Chartbild sei nun durch die Kursgewinne der vergangenen drei Tage in seiner Bedeutung zerstört worden.

          Bemerkenswert sei immerhin, mit welch konsequenter Disziplin die Bären ihre Engagements ganz schnell glattgestellt hätten, als sich die technische Formation als Fehlsignal entpuppte. Würde man dem jüngsten Fehlsignal der Charttechniker jetzt konsequent folgen, wäre eigentlich ein Test der bisherigen Jahreshochs fällig, erklärt er weiter. Das scheint denkbar zu sein.

          Denn wären die bisherigen Kursgewinne primär auf den Rückkauf von Wertpapieren zurückzuführen, so wären Anleger noch nicht allzu stark auf weitere Kursgewinne ausgerichtet und „à la long“ positioniert. In diesem Falle müsste man sich bei anhaltend positiver Stimmung keine zu großen Sorgen über Gewinnmitnahmen machen, da es kaum etwas mitzunehmen gäbe. Im Gegenteil, es stelle sich die Frage, wann sich der Optimismus in Form des Aufbaus neuer Positionen zeige.

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