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Strategie : Haben Anleger überzogene Wachstumserwartungen?

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Bild: FAZ.NET

Wirtschaftsoptimismus verleitet immer mehr Anleger zum Kauf risikoreicher Wertpapiere. Möglicherweise ist dieser jedoch überzogen. Denn der „ultimative Konsument“, der amerikanische, steht mit dem Rücken zur Wand.

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          Nach den rasanten Kursgewinnen der vergangenen Tage und Wochen scheinen die Bären an den Finanzmärkten weitgehend ausgestorben zu sein. Massive geld- und fiskalpolitische Impulse auf Pump würden schon dafür sorgen, dass sich die Weltwirtschaft rasch und deutlich aus ihrem Wachstumsloch herausarbeiten könne, in das sie im Rahmen der Kreditkrise gefallen war, so lautet der optimistische Konsens.

          In diesem Rahmen werden an sich schlechte Konjunktur- und Unternehmensdaten plötzlich überaus positiv interpretiert, während die Risiken in den Bilanzen von Banken, die hohen Verbindlichkeiten und stagnierenden Einkommen von Privatpersonen in weiten Teilen der Welt ebenso ignoriert werden wie die schnellere Rotation der Ausgaben- und Schuldenspirale im öffentlichen Sektor.

          China alleine dürfte die Weltwirtschaft kaum beflügeln können ..

          Die Staaten müssten den Nachfrageausfall vorübergehend ausgleichen, der in der Zeit entstehe, in welcher sich Verbraucher und Unternehmen entschuldeten, heißt es. Niemand scheint sich die Frage zu stellen, ob die öffentlichen Mittel sinnvoll und effizient eingesetzt werden und ob das Nachfrageniveau, das vor der Krise im Rahmen des langjährigen Kreditbooms erreicht worden war, überhaupt nachhaltig sein kann.

          Große Erwartungen richten sich auf China. Das Land mit seiner riesigen Bevölkerung entwickle sich robust und werde die Weltwirtschaft aus der Krise führen. Tatsächlich besagen Meldungen vom Dienstag, die chinesische Wirtschaft erhole sich schneller als angenommen. Im zweiten Quartal habe das Wachstum auf das Jahr umgerechnet saisonbereinigt 14,9 Prozent betragen, teilt die Zentralbank in Peking mit.

          Mitte Juli war die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts für den Zeitraum von April bis Juni noch mit 7,9 Prozent angegeben worden. Das Statistikamt erklärte zudem, die Verbraucherpreise stabilisierten sich allmählich. Sie würden voraussichtlich im dritten Quartals die Talsohle erreichen und dann wieder steigen. Es war die erste offizielle Erklärung in China, die neue Inflationsgefahren in der Volksrepublik aufzeigt.

          Solche Mitteilungen zeigen erstens, wie wenig man sich auf Zahlen dieser Art verlassen kann. Zweitens lassen sie offen, sofern sie korrekt sein sollten, ob sie auf vernünftigem Weg erzielt und längerfristig haltbar sind. Genau daran jedoch gibt es erhebliche Zweifel. Denn Chinas Geld- und Kreditpolitik ist so locker, dass sie zusammen mit dem großen, problematisch strukturierten Konjunkturpaket in Höhe von rund 500 Milliarden Dollar oder etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts früher oder später zu Problemen führen muss.

          Längst zeigen sie sich in Form einer Immobilien- und Börsenblase sowie im Aufbau industrieller Kapazitäten, die angesichts der globalen Nachfrageschwäche wohl kaum gebraucht werden. Der Binnenkonsum mag zwar wachsen, allerdings stellt sich die Frage, ob dieser die Nachfrageausfälle aus anderen Regionen ausgleichen kann, insbesondere aus den Vereinigten Staaten.

          Die amerikanische Nachfrage nach Konsumgütern war im vergangnen Jahr für knapp 17 Prozent des Welt-Sozialproduktes verantwortlich. Gehen die amerikanischen Konsumausgaben um 1 Prozent zurück, so fallen die amerikanischen Importe um rund 3 Prozent, zeigen Untersuchungen.

          Tatsächlich sind die realen amerikanischen Verbraucherausgaben vom zweiten Quartal des vergangenen Jahres bis zum ersten des Jahres 2009 um 1,7 Prozent oder um 143 Milliarden auf knapp 8,2 Billionen Dollar gefallen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, der stagnierenden Einkommen, der Überbestände im Immobilienmarkt, dem Auslaufen von Transferzahlungen und möglicher Steuer- und Abgabenerhöhungen in den kommenden Jahren ist wohl mit einer Normalisierung der Konsumquote und damit mit weiteren Einbußen zu rechnen.

          ... denn der amerikanische Konsum dominierte in der Vergangenheit die Nachfrage

          Sollte der Anteil des amerikanischen Konsums am Bruttoinlandsprodukt, der in den vergangenen Jahrzehnten des Verschuldungsbooms von 60 auf 72 Prozent gestiegen war, real rasch und deutlich auf einen Mittelwert von 66 Prozent fallen, müssten insbesondere die asiatischen Exportnationen mit deutlichen Nachfrageausfällen rechnen. Dieser Effekt würde sich noch verstärken, sollten amerikanische Anbieter wettbewerbsfähiger als bisher werden und Marktanteile zurückgewinnen.

          China hat einen Anteil an den weltweit produzierten Gütern und Dienstleistungen von etwas mehr als 6 Prozent. Rund die Hälfte davon geht in den Export, der jetzt schwächelt. Selbst wenn die Wirtschaft des Landes nachhaltig längere Zeit überproportional wachsen können sollte, reichte das wohl kaum, um die Weltwirtschaft maßgeblich zu dynamisieren. Statistische Effekte - primär fallende Importe - können auf der anderen Seite dazu führen, dass das amerikanische Wachstum in den kommenden Quartalen optisch überraschend hoch ausfallen kann. Das lässt sich jedoch lediglich auf die Definition und die Berechungsweise zurückführen, und ändert wenig an der tatsächlichen Lage.

          Insgesamt gibt es einige Gründe, die - abgesehen von Strohfeuereffekten - am gegenwärtigen Konjunkturoptimismus und zweifeln lassen. Kritische Anleger werden deswegen dazu neigen, eingegangene Positionen abzusichern. Das gilt insbesondere auch für den Rohstoffbereich. Es gibt zum Beispiel Berichte, nach welchen in China massive Bestände an Kupferkatoden gehortet werden.

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