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Strategie : Die Stimmung ist besser als die Lage

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Bild: FAZ.NET

„Die Stimmung deutscher Finanzexperten hat sich im Juni deutlich stärker als erwartet aufgehellt,“ verkünden am Dienstag die Agenturen. Die harten Fakten sprechen jedoch eine andere Sprache: Die Logistikbranche spürt weiterhin die Krise.

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          „Die Stimmung deutscher Finanzexperten hat sich im Juni deutlich stärker als erwartet aufgehellt,“ verkünden am Dienstag die Agenturen. Die ZEW-Konjunkturerwartungen seien um 13,7 Punkte auf 44,8 Punkte gestiegen, teilte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag in Mannheim mit (siehe ). Volkswirte hatten mit einer Aufhellung auf lediglich 37,6 Punkte gerechnet. Auch die Beurteilung der aktuellen Lage stieg erstmals seit September 2008, allerdings auf sehr tiefem Niveau. Sie legte um 3,1 Punkte auf minus 89,7 Zähler zu.

          Die erneute Erholung der Konjunkturerwartungen signalisiere, dass sich der Optimismus festige, obwohl Industrieproduktion und Auftragseingänge noch keine klare Aufwärtsbewegung zeigten, hieß es von Seiten des ZEW. Die befragten Experten zeigten zudem ein zunehmendes Vertrauen in die weitere Entwicklung des Bankensektors. Dies könne als positives Signal für die Kreditvergabekonditionen der Banken gewertet werden, erklärt das Institut weiter.

          Der ZEW-Index zeigt: Die Stimmung unter den Finanzmarktteilnehmer bessert sich weiter

          „Die Einschätzungen der Experten deuten darauf hin, dass die Abwärtsdynamik in diesen Wochen zum Stillstand kommt, und sie sehen Erholungstendenzen zum Ende des Jahres. Dieser vorsichtige Optimismus sollte nicht durch übermäßig pessimistische Mutmaßungen bereits im Keim erstickt werden,“ kommentierte ZEW-Präsident Wolfgang Franz das Ergebnis der Umfrage. Genau diese Formulierung jedoch zeigt, dass diese Umfrage lediglich die prozyklische Entwicklung wiedergibt, die in den vergangenen Wochen an den internationalen Finanzmärkten zu beobachten war: Kursgewinne auf Basis von Hoffnungen - nicht auf Fakten.

          Die harten Fakten zeigen sich an schwachen Exporten in Deutschland und in vielen Schwellenländern - einschließlich China -, geringer Auslastung der Industrie und vor allem auch im Transportsektor. Denn global tätige Logistikunternehmen wie Kühne+Nagel spüren den Puls der Weltwirtschaft unmittelbar und zeitnah. Das verschafft ihnen nicht nur einen guten Überblick über die tatsächliche Lage. Nach Jahren hoher Wachstumsraten ist im Zuge der Rezession das Transportvolumen in den vergangenen Monaten weltweit deutlich zurückgegangen. Auf dem Seeweg wurden im ersten Quartal des laufenden Jahres 17 Prozent weniger Güter befördert als im Vorjahreszeitraum, und per Luftfracht sind es 22 Prozent weniger.

          Jüngste Meldung von verschiedenen Luftfahrtunternehmen belegen, dass das Luftfrachtgeschäft nach wie vor schwach ist und dass im Passagierbereich die verkauften Flüge im Premiumbereich deutlich zurückgehen. Das heißt, es gibt weniger Geschäftsreisen. „In der Luftfracht verharrt das Gütervolumen nach wie vor auf tiefem Niveau; das heißt, es sind keine Zeichen der Besserung zu erkennen. In der Seefracht gibt es erste Anzeichen einer Erholung, allerdings auf niedrigem Niveau,“ erklärte Kühne+Nagel-Vorstand Reinhard Lange vergangene in einem Interview mit der Finanz und Wirtschaft. Eine Erholung werde es bestimmt nicht vor dem Jahr 2010 geben, und wenn, dann werde sie nicht kräftig ausfallen.

          Die harten Fakten sprechen eine andere Sprache: Die Transportbranche spürt weiterhin die Krise

          Nach einem Einbruch zu Jahresbeginn zeigt sich die deutsche Logistikkonjunktur im Frühjahr in noch schwächerer Verfassung, zeigt eine Umfrage der Bundesvereinigung Logistik in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Wirtschaft. Der BVL/DIW Logistikindikator gab in der Maibefragung gegenüber dem Vorquartal um gut 7 Punkte oder um knapp zehn Prozent nach und liegt nur noch bei 68,2 Punkten. Das heißt, er ist mehr als 30 Punkte vom konjunkturellen Normalwert von 100 entfernt. Die Erwartungen, die zuletzt drei Quartale in Folge rückläufig gewesen seien, hätten sich wieder etwas aufgehellt und konnten um knapp neun Prozent zulegen, heißt es. Mit einem Wert der Erwartungskomponente von 86,5 Punkten sähen die Befragten den kommenden zwölf Monaten allerdings immer noch überwiegend pessimistisch entgegen.

          In Nordamerika sieht die Lage ähnlich aus. Das zeigt sich daran, dass die Bahnlinien, die in den Jahren des Booms förmlich prosperiert hatten, nur schon schwach ausgelastet sind und bleiben. Daten zeigen, dass vor allem der Transport zyklischer Produkte weiterhin deutlich rückläufig ist. Das lässt sich leicht erklären. Denn der amerikanische Konsum - Kredit finanzierter Wachstumsmotor der vergangenen Jahre - geht deutlich zurück. Angesichts der hohen, zunehmenden Arbeitslosigkeit, der zunehmenden Sparquote und auslaufender Steueranreize und Transferzahlungen dürfte er sich auch nicht wieder allzu schnell beleben lassen, heißt es von Seiten realistischer Strategen. So fragt sich, wohin die exportorientierten Staaten ihre Produkte verkaufen wollen, wenn der „ultimative Konsument“, nämlich der amerikanische, weiterhein den Gürtel enger schnallen und nicht mehr auf Pump einkaufen kann und wird?

          Auf dieser Basis dürfte kaum verwundern, dass die Aktien der betroffenen Unternehmen - seien es die Papiere von Kühne+Nagel, CSX, Norfolk Southern, Union Pacific und andere - in den vergangenen Monaten deutliche Kursverluste verbuchen mussten. Im Rahmen der jüngsten Optimismuswelle konnten sie sich zwar wieder etwas erholen. Allerdings werden sie inzwischen schon wieder recht optimistisch bewertet. Die Aktien von Kühne+Nagel haben Kurs-Gewinnverhältnisse von knapp 21 und 20 auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende und das kommende Geschäftsjahr. Sie sind damit selbst bei einem erwarteten Gewinnrückgang um 18 Prozent alles andere als günstig.

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