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Strategie : Die Liquiditätsrally nimmt ihren Lauf

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Bild: FAZ.NET

Unbeachtet aller Diskussionen darüber, ob die Weltwirtschaft ihren Boden gesehen hat oder nicht, ist der Risikoappetit der Anleger groß. Viele Börsen sind in den vergangenen Tagen aus ihrer Konsolidierungsbewegung nach oben ausgebrochen.

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          Unbeachtet aller Diskussionen darüber, ob nun die Weltwirtschaft ihren Boden gesehen hat oder nicht und wie ausgeprägt die konjunkturelle Dynamik auch sein mag, haben die Börsen beinahe weltweit zumindest aus technischer Sicht ihre kurzzeitige Korrekturbewegung abgeschlossen und sind in den vergangenen Tagen nach oben ausgebrochen.

          Am deutlichsten zeigt sich das am Hang Seng Index, der alleine in den vergangenen sechs Handelstagen 13 Prozent zugelegt hat und am Montag mit einem Indexstand von 19.500 Punkten aus dem Handel gegangen ist.

          Viele Indizes sind aus ihrer Konsolidierungsbewegung ausgebrochen

          Bei vielen anderen Indizes sieht die technische Formation ähnlich aus, sei es in Europa, in Amerika oder den Schwellenländern. Selbst die Rohstoffpreise tendieren nach einer Korrektur wieder nach oben, während am Devisenmarkt die niedrig verzinslichen Währungen wie Yen, Schweizer Franken und nicht zuletzt auch der Dollar ebenso unter Druck stehen wie die Rentenmärkte.

          Das heißt, die Anleger - allen voran die großen und vielfach vom Staat auf Kosten des Steuerzahlers „geretteten“ Banken - setzen wieder voll auf Risiko. Das lässt sich nicht nur daran ablesen, dass Strategien dieser Art undifferenziert und hoch korreliert umgesetzt werden, sondern dass die Volatilitäten im Rekordtempo fallen. Hatte der VDax New, der die im Markt gehandelten Volatilitäten der Dax-Werte abbildet, im Oktober des vergangenen Jahres einen Spitzenwert von 83 Prozent erreicht, so liegt der am Montag gerade noch bei 26 Prozent. Alleine in den vergangenen acht Handelstagen ist er um satte acht Prozentpunkte oder um 23,5 Prozent gefallen. Beim amerikanischen Vix-Index, der die Volatilitäten der S&P-500-Aktien widerspiegelt, sieht die Entwicklung vergleichbar aus.

          Der Risikoappetit von Banken wie Goldman Sachs lässt sich unter anderem an Zahlen ablesen, die die amerikanischen Comptroller of the Curreny (OCC) vor wenigen Tagen für das erste Quartal des laufenden Jahres vorgelegt haben. Sie zeigen, dass zumindest in den Vereinigten Staaten die Volumina der ausstehenden Derivate zugenommen haben, dass sie stark konzentriert sind bei wenigen Banken und dass einzelne Häuser wie Goldman Sachs gigantische Risiken von bis zu mehr als 1.000 Prozent des risikobasierten Kapitals eingehen.

          Ein Leben wie im finanziellen Schlaraffenland

          Das kann kaum verwundern. Denn eine unheilvolle Kombination aus extrem tiefen Zinsen, sehr hohen Geldmengen, staatlichen Garantien und inaktiven Politikern und Regulatoren lädt geradezu ein, voll auf hoch riskante Strategien zu setzen, um zumindest auf dem Papier hohe Gewinne ausweisen und „interessante“ Boni ausschütten zu können. Ein Leben wie im finanziellen Schlaraffenland - denn was soll schon passieren? Auf diese Weise werden gerade solche Unternehmen und Akteure nachträglich satt dafür belohnt, dass sie der Krise in den vergangenen Jahr mit zu ihrer Kulmination verholfen haben.

          Während die in der Realwirtschaft tätigen Firmen über die zu recht restriktive Kreditpolitik vieler Finanzinstitute klagen, drehen diese an den Finanzmärkten so große Räder, als ob es die Krise nie gegeben hätte. Obwohl die harten wirtschaftlichen Fakten - gemessen am tiefen Niveau der internationalen Handelsströme - noch trübe aussehen, treibt die hohe Liquidität die Börsen und Rohstoffpreise nach oben. In China ist die Blasenbildung wegen der extremen Geldpolitik des Landes - zu hohe Geldmengen, zu tiefe Zinsen et cetera - längst offensichtlich, während sie in den restlichen Märkten bei der Dynamik des Kursauftriebs und angesichts des Tiefschlafs der Zentralbanken nur eine Frage der Zeit sein kann.

          Ungeachtet geringer Kapazitätsauslastungen der Industrie kann sich der Preisauftrieb am Ölmarkt Ende des laufenden Jahres in den Inflationsraten bemerkbar machen. Dann nämlich wird sich der gegenwärtig dämpfend wirkende Basiseffekt ins Gegenteil verkehren. Für Anleger bedeutet das, an der Rally möglichst teilzunehmen, sich jedoch gegen nie auszuschließende Rückschläge durch regelmäßig angepasste Absicherungsstrategien zu schützen. Sei es in Form von Stopp-Loss-Aufträgen oder in Form einer aggressiv-defensiven Strategie, die starke Kursbewegungen mitnimmt, die jedoch den Kapitaleinsatz dafür beschränkt.

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