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Strategie : Anzahl der Leerverkäufe auf Rekordniveau

  • Aktualisiert am

Bild: NYSE/Bloomberg Grafik: FAZ.NET

An den Börsen steigen die Kurse. Gleichzeitig nehmen jedoch die Leerverkäufe zu. Das stimmt Optimisten noch optimistischer, da sie mit „Eindeckungen“ rechnen. Diese können kommen, müssen es aber nicht.

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          Nach deutlichen Kursgewinnen in den vergangenen Jahren laufen die internationalen Börsen immer weiter nach oben. Die Anleger scheinen sich von der Tatsache beflügeln zu lassen, dass Trends länger halten als erwartet. Gleichzeitig tendieren sie dazu, Unternehmens- und konjunkturelle Nachrichten positiv zu interpretieren.

          Die Aktien seien angesichts der zu erwartenden Gewinne noch günstig, die Liquidität sei groß und die Zinsen seien und blieben tief, heißt es. Dabei sind die Gewinnaussichten angesichts der konjunkturellen Schwäche in den Vereinigten Staaten alles andere als sicher, die Zentralbanken schrauben die Zinsen nach oben und selbst an den Märkten gibt es technische und psychologische Signale, die Skeptiker aufhorchen lassen mögen.

          „Divergenzen“ sind nicht unbedingt „bullisch“

          Dazu zählen einmal die „Jubelmeldungen“ über den angeblichen Wirtschaftsboom in Europa. Auf ihrem Rücken haben sich in den vergangenen Wochen immer mehr Analysten und Anlagestrategen genötigt gesehen, ihre Kurserwartungen immer weiter nach oben zu schrauben. Gleichzeitig sind technische Kennzahlen wie das Verhältnis zwischen Calls und Puts zumindest mit Bezug auf den Dax auf neue Extremstände angestiegen. Beides zusammen lässt sich jedoch kontraintuitiv interpretieren, da die mittelfristigen Erwartungen nicht mithalten. Auf diese Weise kommt es zu so genannten Divergenzen, die vor Korrekturen immer wieder erkennbar sind.

          Möglicherweise treiben die Märkte jedoch gerade deswegen immer weiter nach oben, weil es „unterpositionierte“ Skeptiker gibt, die bei steigenden Märkten nachkaufen müssen. So setzen an der Wall Street immer mehr Händler mit Leerverkäufen auf fallende Kurse, während der S&P 500 neue Rekordhochs ins Visier nimmt. Gerade diese Entwicklung stimmt wiederum viele Optimisten noch zuversichtlicher. „Letztendlich muss der Short-Seller seine Leerveraufs-Positionen abdecken und dies treibt häufig den Kaufrausch weiter an“, sagte Andy Engel, Co-Fondsmanager des Leuthold Core Investment Fund, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Sein Fonds hat sich in den vergangenen fünf Jahren besser als 99 Prozent der vergleichbaren Fonds geschlagen.

          Der Anteil der Leerverkäufe - also der Verkauf von geliehenen Aktien zur Spekulation auf fallende Kurse - sprang im Mai auf 3,1 Prozent der ausstehenden Aktien an der New York Stock Exchange. Das ist der höchste Stand seit Jahrzehnten. Sollten die so genannten Short-Seller ihre Positionen schließen müssen, könnte das die Kursdynamik nach oben noch verstärken, so die Vermutung.

          Große Anzahl an Leerverkäufen

          Es fragt sich nur, ob diese Erwartung aufgeht. Denn bei steigenden Kursen mögen sich zwar die Verluste jener Investoren steigern, die auf einen Rückschlag am Aktienmarkt spekulieren. Allerdings gibt es aufgrund der mittel- und langfristig unterdurchschnittlichen Wertentwicklung dieser Anlagestrategie nur wenige Fonds, die sich alleine darauf spezialisiert haben. Aus diesem Grund sind die auf diese Weise gebundenen Mittel relativ gering.

          Abgesehen davon dürften sich die Fondsmanager dieser Stilrichtung im aktuellen Marktumfeld sehr vorsichtig positionieren. So lassen sich die zunehmenden Short-Positionen mit einiger Wahrscheinlichkeit damit erklären, dass sich Hedge-Fonds einerseits immer weiter verbreiten und dass andererseits so genannte marktneutrale Fonds - sie kaufen unterbewerte Werte und verkaufen dagegen überbewertete, um auf diese Weise das systematische Marktrisiko auszuschalten oder zu reduzieren - immer mehr Shorts eingehen. Im Gegensatz zu reinen „Short-Sellern“ sind sie jedoch nicht darauf angewiesen, Aktien zurückzukaufen, da sie nach oben „abgesichert“ sind und mit ihren „Longs“ mehr verdienen, als sie mit den „Shorts“ verlieren.

          Als dritte Komponente kommen auch die Insider hinzu. Es gibt Indizien dafür, dass auch sie zumindest in den Vereinigten Staaten eher auf der Verkäufer als auf der Käuferseite stehen. Das jedoch wäre kein positives Zeichen, da sie in der Regel besser über die Gewinnentwicklung der Unternehmen Bescheid wissen als alle anderen „Experten“.

          In diesem Sinne heißt es in einem argumentativ widersprüchlichen Umfeld einmal mehr, die anhaltenden Trends nicht frühzeitig aufzugeben. Auf der anderen Seite sollten nach den Kursgewinnen der vergangenen Jahre die Absicherungsstrategien nicht vernachlässigt werden. Denn das Vermeiden von Verlustperioden trägt maßgeblich zu einer guten Langfristrendite bei.

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