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Strategie : Anlagepolitische Großwetterlage mit positivem Unterton

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Die Stimmung an den Börsen ist optimistisch. Allerdings rechnen einzelne Experten im laufenden Jahr mit einer oder mehreren Zwischenkorrekturen. Glaubt man Felix Zulauf, so führt eine Korrektur der Carry Trades zu Turbulenzen.

          Anlegerkonferenzen haben den Nachteil, dass sie Besucher eher verwirren als weiterbringen können. Aus diesem Grund kann es ratsam sein, sich auf jene Vorträge zu konzentrieren, deren Referenten in der Vergangenheit mit ihren Prognosen relativ gut lagen.

          Im Falle der ZFU-Anlegerkonferenz in Zürich dürfte dazu die Präsentation von Felix Zulauf zu rechnen sein. Unter dem Motto „anlagepolitische Großwetterlage“ gab er einen Überblick über jene Faktoren, die die internationalen Finanzmärkte bestimmen könnten.

          Zunehmender Welthandel - Angebotsschock aus Asien

          Grundsätzlich stünden die Märkte unter dem Einfluss einer einmaligen Entwicklung: Einerseits werde die Hälfte der Weltbevölkerung im Rahmen einer raschen Urbanisierung nach und nach in den Welthandel integriert, andererseits sende ein Angebotsschock aus Asien aufgrund der fallenden Produktionsstückkosten disinflationäre Tendenzen in die Industriestaaten aus. Das lasse sich ablesen an den im Trend zunehmenden Exportaktivitäten weltweit und den bisher im Trend fallenden Importpreisen.

          Diese Kombination zwinge die Zentralbanken beinahe weltweit dazu, gegen „deflationäre Gefahren“ anzugehen und eine zu lockere Geldpolitik zu verfolgen mit dem Ziel, die Inflationsraten bei zwei Prozent einzupendeln. Zusammengenommen führten disinflationäre Tendenzen und lockere Geldpolitiken zu einer Vermögenspreisinflation, die sich sowohl an den Finanz- und auch an Immobilien- und anderen Märkten in Form steigender Preise zeige.

          Tiefe Inflationsraten führten in der Vergangenheit zu tiefen Zinsen, die das Kreditsystem in einem strukturellen Trend immer weiter expandieren lasse. Gleichzeitig hätten die Gewinne der Unternehmen zugenommen und befänden sich auf hohem Niveau. Allerdings gebe es nun Bedenken, diese Entwicklung können nachlassen oder sich sogar ein Stück weit korrigieren. Das gelte auch für die Nettovermögen der amerikanischen Haushalte. Sie befänden sich auf einem Rekordniveau, allerdings nähmen die Wachstumsraten ab. Zwei Drittel der Vermögen seien im Immobilien zu finden, ein Drittel in Aktien.

          Hausse der Rohstoffe wird noch anhalten

          Grundsätzlich gebe es in den Vereinigten Staaten zwar Anzeichen für ein nachlassendes Wachstum, jedoch bisher keine ausgeprägten für eine Rezession. Eine „weiche Landung“ beziehungsweise „no landing“ könne die Zentralbank des Landes dazu bringen, nach einem möglicherweise überraschend deutlichen Nachlassen der Inflationsrate die Geldpolitik leicht zu lockern. Das wäre ein „Traumszenario“ für die Börsen, die in den kommenden Jahren mit einiger Wahrscheinlichkeit neue Rekordhochs erreichen würden, wenn auch nicht ohne zwischenzeitliche Turbulenzen.

          In Europa sei die Stimmung derzeit so gut, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Enttäuschung der hohen Erwartungen relativ groß sei. Vorlaufende Indikatoren deuteten auf eine nachlassende wirtschaftliche Dynamik hin, die in dieser Form von den Märkten noch nicht erkannt werde. Ähnliches gelte auch für Japan, wo die Zentralbank in den vergangenen Monaten Überschussliquidität abgeschöpft habe. Positiv sei dort im Moment lediglich die relative Schwäche des Yen.

          Bei Rohstoffen werde die Hausse sehr wahrscheinlich noch lange anhalten. Allerdings seien in den vergangenen Monaten viele „Papierinvestoren“ in diesen Markt eingestiegen. Sie sorgten für mehr Volatilität. Mitte des laufenden Jahres werde das Segment in eine Bodenbildungsphase übergehen und im kommenden Jahr möglicherweise neue Höchststände erklimmen. Gas habe seine Tiefstkurse gesehen, der Ölpreis werde wahrscheinlich in der zweiten Jahreshälfte wieder anziehen. Das müsse jedoch nicht unbedingt positiv für Energiewerte sein, da diese in den Depots vieler Anleger noch übergewichtet seien.

          Gehen von Carry Trades Turbulenzen aus?

          Von den Rentenmärkten sei in den kommenden Jahren nicht viel zu erwarten. Der Trend zu tieferen Zinsen und Rendite sei ausgelaufen, so dass allenfalls die Kupons verdient werden könnten. An den Börsen sei die Bewertung bisher noch nicht überzogen und die Trends seien in Ordnung, allerdings gebe es Anzeichen für ein mittelfristiges Top.

          Für Turbulenzen würde sehr wahrscheinlich ein Abbau der so genannten „Carry Trades“ sorgen. Sie hätten extreme Formen angenommen, die sich beispielsweise daran zeigten, dass in Vorarlberg rund die Hälfte aller Hypotheken und auch in Ungarn viele Kredite in Schweizer Franken finanziert seien. Gleichzeitig sei der Euro gegen den Dollar, jedoch insbesondere gegen asiatische Währungen deutlich überbewertet.

          In diesem Rahmen nähme die Volatilität zu und führe über den „Value-At-Risk“-Mechanismus zu einer unter Umständen deutlichen Korrektur an allen Finanzmärkten, besonders ausgeprägt an den Märkten der Schwellenländer. Allerdings böten sie in diesem Moment aufgrund der in den in vergangenen Jahren deutlich verbesserten Fundamentaldaten gute Kaufgelegenheiten. Die „Carry Trades“ seien korrekturbedürftig, da der Euro gegen den Dollar und vor allem gegen den Yen deutlich überbewertet sei. Es sei eine Bewegung denkbar wie im Jahr 1998, als Dollar-Yen innerhalb weniger Wochen von 145 auf bis zu 115 Yen je Dollar fiel.

          Glaubt man dieser Einschätzung, so dürfte es ratsam sein, als Anleger vorerst etwas Pulver trocken zu halten, um bei günstigen Gelegenheiten wieder einsteigen zu können. Zulauf selbst will mit einem neuen Macro-Hedge-Fonds unter anderem von einer Aufwertung des Yen profitieren.

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