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Strategie : Amerikanischer Aktienmarkt überwindet die Angst

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Die Anleger wetten darauf, dass der Kelch der Suprime-Krise und der Anleihemarkt-Turbulenzen an den Aktienmärkten vorübergehen wird. Doch wie sieht es in der nächsten Runde aus? Es gibt mehrere Damoklesschwerter über dem Markt.

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          Zwei Tage, nachdem der Markt für zweitklassige (Suprime) Hypothekenkredite und die Turbulenzen auf dem Anleihemarkt für Angstschweiß auf der Anlegerstirn gesorgt hatten, feierte der Optimismus am 12. Juli ein furioses Comeback und trieb den Dow Jones und den S&P-500 auf neue Rekordhöhen.

          Mit 2,1 Prozent oder 283 Punkten stieg der Dow Jones Industrial Average so stark wie seit über vier Jahren nicht mehr. Der S&P-500 kletterte 1,91 Prozent oder 28,94 Punkte auf 1547,70 Zähler, während der technologielastige Nasdaq Composite um 1,88 Prozent oder 49,94 Punkte anzog und mit 2701,73 Zählern den höchsten Stand seit sechseinhalb Jahren markierte.

          Verbraucherausgaben spornen Anleger an

          Der Kaufrausch begann, nachdem mehrere große Einzelhandelskonzerne, darunter Wal-Mart Stores, Target und Abercrombie & Fitch, ihre Juni-Zahlen veröffentlichten, die den Schluss nahe legten, dass die treuen amerikanischen Verbraucher wieder zu gewohnter Spendierlaune zurückgefunden haben und den Unternehmensgewinnen neuerlichen Schub verleihen könnten. „Der totgesagte Patient scheint ins Leben zurückzukehren“, sagt John Wilson, technischer Chefstrategie bei Morgan Keegan.

          Und auch das Fusionskarussell bekommt mit der angekündigten 38-Milliarden-Dollar-Übernahme von Alcan durch Rio Tinto neuen Schwung. Nach Ansicht von Rob Brown, einem leitenden Anlagestrategen bei Genworth Financial Asset, waren die „immensen und unerwarteten“ Ausmaße der Fusions-, Übernahme- und Aktienrückkaufaktivitäten die maßgeblichen Triebkräfte hinter der optimistischen Stimmung.
          Gleichzeitig präsentierten sich die Verbraucherausgaben in starker Verfassung, während sowohl die Unternehmensgewinne als auch die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu sein scheinen. „Die Menschen sind gerade dabei, ihre Erwartungen nach oben zu korrigieren“, so Brown.

          Mehrere Damoklesschwerter über dem Markt

          Und die Saison gab den Anlegern wahrlich Anlass zur Sorge. Man denke nur an die Malaise der mit zweitklassigen Hypothekenkrediten besicherten Anleihen (RMBS) und die Herabstufungen durch Rating-Agenturen, wovon Vermögenswerte in Milliardenhöhe betroffen sind. Zu nennen ist auch die Zurückhaltung auf den unlängst vorsichtiger gewordenen Fremdkapitalmärkten und eine mögliche Verlangsamung der Fusions- und Übernahmeaktivitäten.

          Diese Damoklesschwerter hängen nach wie vor über der Wall Street, woran auch das am 12. Juli vorgelegte Bild des Einzelhandels, der Übernahmeaktivitäten und des Handelsdefizits nichts änderte. „Ich denke nicht, dass seit vergangener Woche fundamentale Veränderungen eingetreten sind“, sagt Barry Ritholtz von Ritholtz Research & Analytics.

          Vor elf Jahren rückte ein gewisser Alan Greenspan die inzwischen legendäre Formulierung „irrationaler Überschwang“ in das öffentliche Bewusstsein. Der Rückgang des Dow-Jones-Index am 10. Juli um 1,1 Prozent war womöglich irrational, genauso wie der nur zwei Tage später folgende Anstieg als Überschwang durchgeht. „Bisweilen treten an einem Tag mehr Käufer als Verkäufer auf den Plan“ so der Erklärungsversuch von Ritholtz, „der Markt ist unvollkommen und ineffizient“.

          Sam Stovall, Chefstratege von S&P, ist der Ansicht, dass die Bedrohung durch die Subprime-Krise in den vergangenen Tagen bereits „bis zum Erbrechen diskutiert wurde“ und die Triebfeder-Funktion des Marktes verstärkte.

          Verbraucher in Kauflaune

          Aufgehellt wurde die Anlegerstimmung durch gute Umsatzzahlen großer Einzelhandelsketten wie Wal-Mart, Target und J.C. Penney. Die Erlöse von Macy's blieben dagegen hinter den Erwartungen zurück, und so musste das Unternehmen seine Gewinnprognosen nach unten revidieren - wie zuvor bereits Home Depot und Sears Holding. Die Aktie von Macy's gab daraufhin um drei knapp Prozent auf 39,25 Dollar nach.
          Kann das bullische Tempo beibehalten werden oder steht ein schmerzlicher Sturz bevor? Stovall zufolge ist auf dem Markt in jüngster Zeit ein ungewöhnlich hohes Maß an Vorsicht und Skepsis zu beobachten. „Womöglich könnten einige Bären am Rand des Rings letztlich das Handtuch werfen“, so Stovall, was weitere Aufwärtsbewegungen nach sich zöge. Währenddessen führten die breiten Kursgewinne der vergangenen Wochen dazu, dass sich Anleger von einigen Positionen trennten und Gewinne mitnahmen.

          Briefing.com, ein amerikanischer Anbieter von Marktanalysen, führte indes an, dass der Juni aufgrund intensiver Werbeaktivitäten nicht gerade der beste Indikator für den Einzelhandelssektor sei. „Aufschlussreicher für Umsatzvergleiche und die Kaufbereitschaft der Verbraucher in einem voraussichtlich weniger werbeintensiven Umfeld dürfte der Juli sein“, so das Unternehmen.

          Probleme am Horizont?

          Zusätzliche nachteilige Faktoren im Subprime- oder einem beliebigen anderen Bereich könnten die Aufwärtsbewegung abwürgen. Subprime-Probleme stellen aufgrund ihres Gefahrenpotentials für Fremdkapitalmärkte, Übernahmeaktivitäten und Aktienrückkäufe weiterhin eine „indirekte Bedrohung“ des Marktes dar, so Ritholtz.

          Vielfach scheint die Meinung vorzuherrschen, dass die Probleme des Häusermarkts und der Subprime-Hypotheken auf einen fernen Winkel der Wirtschaft beschränkt seien. Die Verkaufswelle Anfang vergangener Woche, für die mehrheitlich Subprime-Sorgen verantwortlich gemacht wurden, war vielleicht einfach nur eine „durch die beginnende Berichtssaison ausgelöste Reflexreaktion“, mutmaßt Wilson von Morgan Keegan.

          Auch die anhaltende Schwäche des Dollars gegenüber dem Euro könnte für gute Stimmung unter den Aktienanlegern sorgen. Roger Volz, technischer Chefstratege bei Swiss American Securities, geht davon aus, dass sich die schwächere Verfassung des Dollars am Ende des Tages positiv auf die Gewinnsituation multinationaler Unternehmen auswirken werde, worin Volz auch einen der Gründe für den Anstieg des Dow Jones auf Rekordhöhen sieht. Unter den Kursgewinnern bei Standardwerten waren große multinationale Konzerne wie American Express, Caterpillar, Exxon Mobil, Honeywell, Merck und 3M.

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