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Strategie : Amerikanische Wachstumsschwäche mit globaler Wirkung

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Bild: Datastream

Die Börsen zeigen sich trotz schwacher Wirtschaftsdaten in den Vereinigten Staaten robust. Sie bauen trotzdem auf eine solide Entwicklung der Weltwirtschaft. Güter- und Finanzmärkte sind jedoch eng verflochten.

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          Die internationalen Finanzmärkte stecken schon eine Weile voller Widersprüche. Auf der einen Seite stehen die Börsianer, die bisher ungebremst und voller Optimismus auf die anhaltende Dynamik der Weltwirtschaft und auf hoch bleibende oder gar weiter steigende Unternehmensgewinne setzen.

          Aus dieser Annahme leiten sie eine günstige Bewertung der Aktien und damit weitere Kurspotentiale nach oben ab. Dabei verweisen sie unter anderem auf das starke Wachstum in den Schwellenländern, das zusammen mit einer zuletzt überraschend starken Konjunktur in Europa eine „leichte Schwäche“ der amerikanischen Wirtschaft kompensieren sollten, so die Hoffnung.

          Massiver Kaufkraftentzug durch die Korrektur im Häusermarkt

          Immerhin zeigen in den Vereinigten Staaten die relativ hohen Leitzinsen inzwischen eine gewisse Wirkung, indem sie den vorangegangenen Boom am Häusermarkt bremsten. Dieser Effekt sei jedoch nicht dramatisch, argumentieren die Optimisten, der amerikanische Konsument könne mit stagnierenden oder fallenden Hauspreisen gut leben, da er auf der anderen Seite von fallenden Energiepreisen profitieren und aus diesem Grund sein hohes Konsumniveau halten könne.

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          Bei genauerer Betrachtung sind solche Argumente jedoch nicht sonderlich schlüssig. Denn der positive Effekt, der von fallenden Ölpreisen ausgehen mag, ist in seiner Dimension bei weitem nicht in der Lage, den Ausfall von konsumierbarer Kaufkraft ausgleichen zu können, der durch die Korrektur am Häusermarkt ausgelöst wird. Denn in den vergangenen Jahren haben viele amerikanische Konsumenten ihre im Gegensatz zu den Unternehmensgewinnen nur spärlich gestiegenen Einkommen aufgepeppt, indem sie ihre Häuser bei steigenden Preisen zu immer günstigeren und gewagteren Konditionen refinanziert und die Differenz konsumiert haben. Dabei handelte es sich nicht um kleine Beträge, sondern um Hunderte von Milliarden Dollar.

          Nun stellt sich die Frage, wie die Amerikaner ihre Kaufkraft aufrecht erhalten können oder - international betrachtet - wer den Konsum der Vereinigten Staaten auf der Nachfrageseite des Welthandels ersetzen kann. Immerhin führt die Baisse am amerikanischen Immobilienmarkt gleichzeitig zu einem negativen Wirtschaftsmultiplikator, der auf viele damit verbundenen Bereiche ausstrahlt.

          Schon jetzt werden im amerikanischen Bau und in der Industrie Jobs abgebaut, mit einer gewissen Verzögerung dürfte dieser Effekt noch ausgeprägter werden und das Verbrauchervertrauen noch deutlicher eintrüben. Schon am Dienstag fiel der Conference Board Consumer Confidence Index mit 102,9 unerwartet schwach aus, die Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter sind in Amerika im Oktober sogar um 8,3 Prozent gefallen im Vergleich mit der Vorjahresperiode.

          Rentenmärkte und neuerdings der Devisenmarkt zeigen sich wirtschaftsskeptisch

          Solche Zahlen deuten darauf hin, daß die Rentenmärkte mit ihrer Wirtschaftsskepsis durchaus recht behalten könnten. Sie zeigt sich in Form anhaltend tiefer Renditen und einer inversen Zinsstrukturkurve. In den vergangenen Tagen scheint auch der Devisenmarkt auf diese Linie eingeschwenkt zu sein, der Dollar geriet gegen Euro und Yen unter Druck. Manche Marktteilnehmer dürften auf deutliche Zinssenkungen in Amerika im kommenden Jahr setzen.

          Kann sich die restliche Welt davon abkoppeln? Wohl kaum. Eine Analyse der Bank Sarasin zeigt, daß die Weltwirtschaft dafür zu stark integriert ist. Globale Zyklen finden in fast allen Regionen der Welt mehr oder weniger gleichzeitig ihren Niederschlag. Denn durch Zuliefererbeziehungen sind Unternehmen sowohl im OECD-Raum untereinander, aber auch mit den Firmen in den Schwellenländern verbunden.

          Gleichzeitig wird die wirtschaftliche Bedeutung der Schwellenländer leicht überschätzt. Denn der Einfluß einer Volkswirtschaft auf den Rest der Welt berechnet sich letztendlich anhand seiner Importe, zeigt die Studie der Bank Sarasin. Bei dieser Zahl halten die Vereinigten Staaten mit einer jährlichen Importnachfrage von über 1.800 Milliarden Dollar den Rekord vor Deutschland und Japan mit circa 850 und 550 Milliarden Dollar. Daneben erscheine China mit einem Importvolumen von 730 Milliarden Dollar jährlich gar nicht so klein.

          Jedoch müßten auch den Handelsbilanzsaldo und die Richtung der Handelsströme zusätzlich betrachtetet werden. Dabei zeigt sich, daß China im Handel mit Asien einen Importüberschuß erzielt. Von dort bezieht es Vorprodukte, die es weiterverarbeitet und nach Nordamerika verkauft. Die Endnachfrage bleibt somit stark amerikanisch geprägt. Eine Abschwächung der amerikanischen Konjunktur hat somit erhebliche Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft und dürfte direkt oder über diesen Umweg den Rest Asiens treffen. Für die lateinamerikanischen Staaten gilt das allemal.

          So dürfte es kaum verwundern, daß nicht nur die vorlaufenden Indikatoren in den Vereinigten Staaten auf eine konjunkturelle Abschwächung hindeuten, sondern es entsprechende Signale beinahe weltweit gibt. Auf dieser Basis dürfte man bei allem Optimismus die Entwicklung an den Börsen genauer betrachten müssen. Denn nicht nur die Weltwirtschaft ist stark verflochten, sondern für die Finanzmärkte gilt das noch mehr. Die Gewinnmargen der Unternehmen dürften sich kaum auf dem hohen Niveau halten lassen.

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