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Start-ups in Deutschland : Es ist zum Heulen

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Aufhänger der Story: der Abverkauf eines Großteils des Investmentportfolios von Team Europe, dem damals neben Rocket Internet prominentesten Company Builder der Hauptstadt. Glücklicherweise kam in dem Artikel auch Kolja Hebenstreit, Mitgründer von Team Europe, zu Wort, der den Verkauf wie folgt begründete: „An weniger Unternehmen gleichzeitig zu arbeiten ergibt bessere Ergebnisse, daher die Anteilsverkäufe.“ Team Europe konzentrierte sich in der Folge auf Delivery Hero. Die Party für die Macher von Team Europe ist aber nach dem Börsengang ganz sicher nicht vorbei. Da mögen sich die Kommentatoren im Börsenfernsehen noch so wundern, dass Delivery Hero erfolgreich an der Börse gestartet ist: „Wie erklären Sie sich das, dass die Leute bei einem Unternehmen, das Verluste schreibt, so zugreifen?“, fragte mürrisch eine TV-Frau.

Wir verzittern aus mangelnder Urteilskraft gepaart mit „German Angst“ die Zukunft

Ähnliche negative Reflexe wie der Börsengang von Delivery Hero und wie der unserer German Startups Group rief der Start des neuen Wachstumsbörsensegments Scale im März 2017 hervor – selbst in der hochseriösen Finanzpresse. „Neuer Markt 2.0“ oder „Vorsicht vor Etikettenschwindel an der Börse“, lauteten die abschätzigen Überschriften, um nur ein paar zu nennen. In anderen Ländern ist das Platzen der New-Economy-Blase längst verarbeitet. Auch in Deutschland gibt es Unternehmen aus dieser Zeit, die ihre Anleger mittlerweile reich gemacht haben, sofern die an ihren Aktien festgehalten haben. Die kraftstrotzende United Internet zum Beispiel ist so ein Fall. Dennoch sitzt bei uns die Angst immer noch tief, dass man mit einem Tech-Unternehmen, das stark wächst, aber noch nicht profitabel ist, möglicherweise Verluste machen könnte.

So verzittern wir aus einem Mangel an Urteilskraft in Kombination mit „German Angst“ die Zukunft. Man muss sich dabei vor Augen führen, dass auch die heutigen deutschen Weltmarktführer einmal als Start-up angefangen haben. Auch sie haben Anlaufverluste verursacht, die sich teilweise über Jahrzehnte hinweg anhäuften.

Bestes Beispiel hierfür ist Friedrich Krupp mit seiner Krupp Gussstahlfabrik, der ein disruptives Verfahren zur Stahlverarbeitung erfand, jedoch knapp 50 Jahre brauchte, um die wiederkehrenden finanziellen Engpässe zu überwinden, Gewinne zu machen und schließlich zum Weltkonzern aufzusteigen. Die Fähigkeit, so etwas ex ante einschätzen zu können, und die Ausdauer, solche Situationen durchzustehen, scheint den Deutschen abhandengekommen zu sein.

Natürlich erfordert eine solche Anlageentscheidung mehr Wissen und Mut, denn man muss sich stärker mit den Geschäftsmodellen, dem Markt und der technischen Innovation auseinandersetzen. Und man muss mehr Volatilität aushalten, sprich Kursschwächen durchstehen können. Dafür winken aber auch vielfach höhere Gewinne. Dazu scheinen deutsche Anleger jedoch nicht willens oder in der Lage zu sein. Deutsche Technologieunternehmen sprechen daher lieber angelsächsische Investoren an oder gehen gleich im Ausland an die Börse. Die schwache Kursperformance des 2014 an die Börse gegangenen und in seinem Potential völlig unverstandenen Online-Shops für Babyprodukte, „windeln.de“, spricht Bände. Genauso haben deutsche Anleger auch jahrelang Amazon verspottet. Der Kurs von Amazon ist seit dem Börsengang vor 20 Jahren um sagenhafte 5400 Prozent gestiegen: Klug ist, wer es gewagt hat.

Wenn Deutschland wieder ein führender unternehmerischer Standort auch für disruptive Technologien werden möchte, brauchen wir mehr Mut, mehr Urteilskraft auf Seiten des Kapitalmarkts und der Medien und ganz besonders: weniger deutsche Miesepeterei.

Christoph Gerlinger

Der Autor

Christoph Gerlinger, ein gelernter Bankkaufmann und Diplom-Betriebswirt, ist seit zwei Jahrzehnten in der Internetbranche aktiv und hat mehrere Börsengänge hinter sich gebracht. Heute ist er Chef der German Startups Group. Die börsennotierte Holding mit Sitz in Berlin hält Beteiligungen an mehr als 40 Firmen, darunter am Online-Brillenhändler Mister Spex, am Musikdienst Soundcloud und an Delivery Hero, der Essensplattform, die vor vier Wochen an der Börse gestartet ist.

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