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Start-ups in Deutschland : Es ist zum Heulen

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Doch wer verdient bislang an solchen unternehmerischen Tech-Pionierleistungen? Da in Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt nur etwa ein Dreizehntel (ja: 1/13!) so viel Venture Capital (VC), Wagniskapital, wie in Amerika bereitsteht, siedeln sich die besten Gründer oft gleich in den Vereinigten Staaten an. Wenn sie doch hier bleiben und in Deutschland ihr Start-up aufziehen, werden sie von VC-Fonds finanziert, deren Anteilseigner sich oft zu großen Teilen aus angelsächsischen Investoren rekrutieren. Deutsche Finanziers in dem Bereich sind in der Regel zu klein, um bei Erfolg auch das Wachstum in der nächsten Stufe, der Growth Stage, mit Einzelbeträgen jenseits von zehn Millionen Euro zu finanzieren. Deshalb ziehen Start-ups dann nach Amerika oder akzeptieren das Wachstumskapital angelsächsischer VC-Fonds. Eigentümer werden dann internationale Investoren, diese dominieren fortan die sogenannten Cap Table, die Liste der wichtigsten Anteilseigner.

Selbst beim Gang an die Börse geht der Jackpot an uns vorbei. Delivery Hero hat schon am ersten Tag Zeichnungsgewinne von knapp zehn Prozent erzeugt, der Wettbewerber Takeaway.com bringt es inzwischen auf Kursgewinne von mehr als 60 Prozent. Es ist stark anzunehmen, dass bei beiden Unternehmen kaum deutsche Investoren unter den Zeichnern waren, die Aktien wurden ganz überwiegend in London und New York plaziert. Noch nicht einmal über die Großbanken hierzulande, die Deutsche Bank oder die Commerzbank, war eine Zeichnung möglich, geschweige denn wurde die Aktie aktiv beworben. Deutsche Banken messen der Aktie von Delivery Hero nur einen Beleihungswert von 15 Prozent des Kurses zu (im Vergleich dazu Lufthansa 70 Prozent).

In den Medien vorwiegend negative, sachferne Kommentare

Die ungeheure Kraft, die hinter exponentiellem Wachstum steckt, das schließlich auch Anlaufverluste zu üppigen künftigen Gewinnen werden lässt, ist für das menschliche Gehirn nur sehr schwer intuitiv abzuschätzen, wie unter anderem die aus dem Google X-Forschungslabor hervorgegangene Singularity University im Silicon Valley lehrt. Als Beispiel nehme man ein Unternehmen, das über zehn Jahre hinweg jeweils 80 Prozent pro Jahr wächst. Es wäre völlig falsch, zu glauben, dass dieses Unternehmen nach zehn Jahren grob aufgerundet zwanzigmal so groß ist. Tatsächlich ist es auf die über 350-fache Größe angewachsen. Das beweist: Uns fehlt das intuitive Vorstellungsvermögen, exponentielle Wachstumseffekte richtig einschätzen zu können. Allein die drei wertvollsten Vertreter der jüngsten Generation von Internetgiganten – Apple, Google und Facebook – sind heute mehr wert als der ganze Dax und dabei viel jünger und mit weniger physischem Ballast beschwert als die 30 wichtigsten deutschen Konzerne.

Die von mir gegründete German Startups Group hält als börsennotierter Venture-Capital-Anbieter seit 2013 eine Beteiligung an Delivery Hero. Deren Wert hat sich in diesen dreieinhalb Jahren bis heute verfünffacht. Eine hochlukrative Investition also. Dennoch wurden wir am Kapitalmarkt häufig für das angeblich riskante Engagement bei Delivery Hero kritisiert, noch dazu, weil wir aufgrund unseres geringen prozentualen Anteils keine Kontrolle hätten.

Auch unser eigener Börsengang im Jahr 2015 als aktivster VC-Investor in Deutschland wurde vorwiegend von negativen, sachfernen Kommentaren begleitet. Dies gipfelte in einem besonders qualifizierten Schlusswort – weit unter der Gürtellinie – in der hoch angesehenen „Börsenzeitung“: „Falls dabei was schiefgeht: Das Geld ist nicht weg. Es hat nur ein anderer.“ Für Furore sorgen regelmäßig Artikel, wie im Februar 2014 in der „Wirtschaftswoche“, welche die deutsche Start-up-Szene für tot erklären: „Die Party bei den Berliner Start-ups ist vorbei“, hieß der Titel der Geschichte, die alle Start-up-Pleiten aufzählte und ein niederschmetterndes Bild des Berliner Tech-Ökosystems zeichnete.

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