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Standpunkt : Auch ETF sind nicht ganz ohne

  • -Aktualisiert am

Iris Uhlmann, Vorstandsmitglied der German CFA Society, einem Finanzanalystenverband Bild: Archiv

Ein börsennotierter Indexfonds (ETF) streut das Risiko wie ein Fonds und kann wie eine Aktie schnell wieder zum Marktpreis verkauft werden. Aber ein ETF birgt auch Risiken, die die Anleger kennen sollten.

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          Ein börsennotierter Indexfonds (Exchange Traded Fund, ETF) verbindet, so scheint es, nur die Vorteile zweier Anlageformen. Ähnlich wie ein Fonds erzielt er über die Streuung der Anlagen eine Risikodiversifikation, ist aber wie eine Aktie schnell veräußerbar zu einem am Markt ermittelten Preis. Deshalb ist zunächst leicht einsichtig, dass sich börsengehandelte Indexfonds wachsender Beliebtheit erfreuen. Dennoch stellt sich angesichts der herrschenden ETF-Euphorie die Frage, ob die Anleger auch in vollem Umfang die Risiken kennen, die mit dieser Anlageklasse verbunden sein können.

          Warum sind ETFs so populär? Die noch junge Anlageform der börsengehandelten Indexfonds hat sich mit rasch wachsenden Volumina und immer vielseitigeren Spielarten zu einer echten Erfolgsgeschichte entwickelt. In gerade einmal vier Jahren hat sich der Weltmarkt für ETF auf insgesamt 1,5 Billionen Dollar investierten Vermögens verdoppelt. Die Marktführer sind Blackrock, State Street Global Advisors und Vanguard mit einem gemeinsamen Marktanteil von etwa 84 Prozent. ETF sind populär, weil sie einfach, mit geringen Kosten und während des gesamten Handelstages gekauft und verkauft werden können. Dies macht ein kontinuierliches Rebalancing möglich, weshalb ein ETF eine zugrundeliegende Anlage oder einen Index zeitnah und exakt spiegeln kann. Damit sind ETF auch für den Anleger sehr transparent, verglichen zum Beispiel mit einem Fonds, für den nur einmal am Ende des Handelstages ein Preis ermittelt wird. Zudem sind ETF steuereffizient. Vor allem aber eignen sie sich hervorragend dazu, über Anlageklassen, Sektoren oder Regionen hinweg breit zu diversifizieren.

          Der Markt an ETF-Produkten ist komplizierter geworden

          Diese Vielseitigkeit hat sie bei Finanzberatern wie auf Seiten der Anleger selbst sehr beliebt gemacht. Die ETF-Anbieter haben auf diese steigende Nachfrage offensiv reagiert und ihre Angebotspalette stark erweitert. Mit der Entwicklung komplexerer ETF-Typen, wie gehebelten, inversen oder synthetischen ETF, ist der ETF-Markt jedoch auch unübersichtlicher geworden. Dies kann letztendlich sogar dazu führen, dass die Anleger Risiken, die in den einzelnen Produkten verborgen sind, nicht mehr erkennen.

          Was sind die Hauptrisiken von ETF? Das Gesamtrisiko eines ETF setzt sich aus vielen verschiedenen Faktoren zusammen, wie etwa seiner Variante, der verfolgten Strategie und die Art der zugrundeliegenden Anlage. Die wenigsten ETF werden aktiv verwaltet. Meistens verfolgen börsennotierte Indexfonds eine passive Anlagestrategie und bilden nur einen Börsenindex nach. Da die physische Replizierung des unterliegenden Vermögenswertes (Underlying), ob vollständig oder teilweise, umständlich und daher selten ist, kommen immer mehr sogenannte synthetische ETF an den Markt, die einen Index über Swaps zu replizieren versuchen. Dabei läuft der Anleger Gefahr, dass der ETF vom Underlying abweicht. Weit schlimmer ist jedoch, wenn ein ETF-Anbieter einen synthetischen ETF mit weniger hochwertigen, illiquideren Absicherungen hinterlegt, die nicht genau zu den zugrunde gelegten Anlagen passen. Ist ein ETF dann gezwungen, Vermögenswerte zu liquidieren, kann es leicht passieren, dass die Absicherung auf einmal viel weniger wert ist. Während synthetische ETF sowohl in Europa als auch in Asien sehr beliebt sind, ist ihr Anteil in den Vereinigten Staaten erheblich geringer.

          Gehebelte ETF liefern oft keine Turbo-Erträge

          Abgesehen von seinem Absicherungsrisiko und dem möglichen Wechselkursrisiko ist vor allem noch das sogenannte Counterparty-Risk zu erwähnen, das Risiko, dass der Anbieter seiner Verpflichtung nicht nachkommt. In Europa sind mehr als 40 Prozent des in ETF angelegten Vermögens in synthetischen Produkten investiert. Allein die Abhängigkeit von der Gegenpartei kann bereits ein systemisches Risiko darstellen, etwa wenn alle Anbieter in eine weltweite Finanzkrise geraten.

          Zuletzt haben Anleger verstärkt Gefallen gefunden an exotischeren ETF. Die meisten gehebelten und inversen ETF sind so angelegt, dass sie das Mehrfache dessen abwerfen, was der Tagesgewinn des zugrunde gelegten Index ist. Dafür werden Swaps, Termingeschäfte und andere Derivate eingesetzt. Jedoch frisst die Volatilität langfristig häufig die Erträge eher auf, als dass diese kurzfristig angelegten ETF die avisierten Turbo-Erträge liefern. Das Ergebnis sind oft erhebliche Performanceunterschiede zwischen dem ETF und dem Index.

          Transparenz für den Anleger schaffen

          Welche Folgen hat das für Anleger? Die amerikanische Finanzaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) handhabt die Zulassung solcher Fonds sehr restriktiv. Die SEC hat im März 2010 die Zulassung neuer, auf Derivaten basierender ETF abgelehnt und in einem "investor alert" Anleger vor den Risiken synthetischer ETF auf gehebelte und inverse Fonds sowie einiger auf Rohstoffen basierenden Fonds gewarnt.

          Auch das CFA Institute und die German CFA Society als Standesorganisation der deutschen CFA Charterholder glauben, dass es im Interesse der Anleger ist, dem Wildwuchs bei der synthetischen Replizierbarkeit von ETF Einhalt zu gebieten und so das Gegenparteirisiko einzuschränken. Ebenso ist es von größter Bedeutung, den undurchsichtig gewordenen ETF-Dschungel zu lichten und für den Anleger wieder die Transparenz zu schaffen, für die ETF anfangs bekannt waren. Auch für einen Privatanleger sollte es möglich sein, die Risiken seines ETF-Produkts zu erkennen und einzuschätzen. Alle Anleger sind gut beraten, sich während der Auswahl eines ETF nicht nur von den klar ersichtlichen Vorteilen überzeugen zu lassen, sondern auch und vielleicht stärker als bisher auf die Risiken zu achten. Dann stellen ETF einen sinnvollen Bestandteil der Anlagestrategie dar.

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