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Solarbranche : Das Ende der Traumrenditen auf dem Dach

  • -Aktualisiert am

Ist der Solarboom vorbei? Bild: Joerg Boethling/agenda

Lange war die Solaranlage auf dem Dach ein gutes Geschäft, egal ob die Sonne schien. Doch bald bekommen Hausbesitzer weniger Subventionen. Wer eine Anlage baut, muss genau rechnen. Auch mit dem Wetter.

          Spätestens im Juli wird die Förderung kräftig gekürzt. Die Solarindustrie ist entsetzt und bringt ihre Lobby in Stellung. In trüben und schneereichen Wintern machen Solaranlagen Hauseigentümern keine Freude, denn sie bringen kaum Elektrizität. Dennoch steht die Öko-Branche gegenwärtig mächtig unter Strom - aus politischen Gründen. Denn in Berlin geht es um ihren wichtigsten "Saft" - um die Subventionen. Umweltminister Norbert Röttgen will die Fördersätze spätestens zum 1. Juli kürzen, und zwar mit zweistelliger Rate. Das wäre schlecht für Hausbesitzer, Bauern, für Handwerker und die Solarindustrie, aber gut für die Stromkunden. Möglicherweise entscheidet Röttgen schon morgen.

          Die Milliardenbeträge für die Photovoltaik, die die Verbraucher über eine Umlage auf den Strompreis zahlen, sind für die Rendite von Solar-Investitionen weitaus wichtiger als der Sonnenschein. Wer bisher eine kleine Dachanlage unter 30 Kilowatt Leistung betrieb, bekam 2009 noch satte 43 Cent je Kilowattstunde - das Achtfache des Börsenpreises für Strom. Bei größeren Anlagen, etwa auf Freiflächen, betrug der Einspeisetarif 30 Cent.

          Schwächere Nachfrage - zunehmendes Angebot und ...

          Gleichzeitig verbilligten sich die Module im vergangenen Jahr deutlich. Asiatische Lieferanten drängten mit günstigen Angeboten auf den Markt, während Großkunden weniger kauften: Sie bekamen keinen Kredit für neue Solarparks. Die Kombination aus hoher Einspeisevergütung und sinkenden Modulpreisen brachte Solar-Investitionen 2009 zweistellige Traumrenditen. Kein Wunder, dass doppelt so viele Anlagen installiert wurden wie im Vorjahr. Viele Bauernhöfe und Häuser bekamen Silizium aufs Dach, und auch so mancher Acker wurde mit einer Freianlage bestückt. Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) schätzt, dass 2009 rund 3000 Megawatt Leistung hinzugebaut wurden. Das wäre das Fünffache dessen, was das Umweltministerium vorausgesagt hatte. Bernd Schüßler vom Fachmagazin "Photon" meint, es könnten gar 4000 Megawatt gewesen sein, was bei optimaler Sonneneinstrahlung der Leistung von vier Kohlekraftwerken entspräche. Genaue Zahlen wird es erst in einigen Wochen von der Bundesnetzagentur geben.

          Parallel zum Solar-Boom stiegen die Kosten für die Stromkunden: Weil die Vergütung für 20 Jahre fest zugesagt wird, haben allein die Solar-Investoren des vergangenen Jahres eine (abgezinste) Forderung an die Stromverbraucher von zehn Milliarden Euro erworben. Die gesamten Solar-Subventionen betragen nach einer Schätzung des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsinstituts (RWI) inzwischen 77 Milliarden Euro, was gut die Hälfte der Kohlesubventionen wäre.

          Die Solar-Kosten schnellten nach oben, weil 2009 eine Art Torschlusspanik ausbrach. Viele Bauherren und Investoren glaubten, die schwarz-gelbe Regierung werde schon Anfang 2010 die Förderung stark kürzen. Schließlich ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ein ursprünglich rot-grünes Projekt, daher erwartete man düstere Zeiten für die Solarenergie.

          Zu Jahresbeginn 2010 wurde die Solarstrom-Vergütung schon um neun Prozent verringert. Das entspricht der im Gesetz eingebauten automatischen Degression. Umweltminister Norbert Röttgen will jedoch eine weitere Kürzung. Welche Zahl er anpeilt, ist noch unklar. Aus seinem Umfeld heißt es, er wolle 17 Prozent und plane dies bereits schon vor der Jahresmitte.

          Der Branchenverband bot jetzt in einem Gespräch im Ministerium an, er würde eine über das existierende Gesetz hinausgehende, zusätzliche Kürzung um jeweils 5 Prozent akzeptieren, wenn der Markt besonders schnell wächst. Das wären dann 2010 faktisch 14 Prozent.

          ... Kürzung der Förderung

          Wie weit der Minister mit sich handeln lässt, ist unklar. Verbraucherschützern sind aber auch die 14 Prozent zu wenig. Wichtiger als die Zahl ist der Solarbranche, dass Röttgen keine Deckelung der Subventionen einführt, wie es sie in anderen Ländern gibt. Steigen dort wegen eines Solar-Booms die Kosten sehr stark, dann wird der Fördertopf geschlossen.

          So war es in Spanien, was 2008 den Preisrutsch bei Solarmodulen auslöste. Die Branche und auch Röttgen denken daher eher an ein "atmendes Fördersystem", dessen Subventionen sinken, wenn die Zahl der Module stark zunimmt.

          Man darf gespannt sein, ob die Branche eine hohe Kürzung abwehren kann. Sie verfügt über eine schlagkräftige Lobby in Berlin. Diese findet Rückhalt bei den Bauern, zumindest für Solarzellen auf den Dächern der Höfe. Nur auf den Feldern wollen sie die Anlagen möglichst verbieten, denn die Solar-Investoren treiben die Pachtpreise in die Höhe. Teilweise wird das Fünf- bis Zehnfache der Pacht für Felder geboten, wenn dort statt Getreide Solarstrom erzeugt wird.

          Dass es eine Kürzung gibt, ist sicher. Denn Umweltpolitiker aller Parteien befürchten, dass die allzu gierige Solarbranche das Image der gesamten Öko-Energie schädigt. Diese kassiert etwa die Hälfte der Subventionen, bringt aber nicht einmal ein Zehntel des Öko-Stroms. Vor allem die Windkraft-Betreiber sind daher sauer auf die Solarbranche.

          Diese hohen Subventionen wären auch gar nicht mehr nötig, weil Solarstrom wegen des Preisrückgangs der Module inzwischen selbst in Deutschland fast mit dem Preis für Haushaltsstrom (22 Cent je Kilowattstunde) konkurrieren kann. Schüßler rechnet vor, dass man heute eine Solaranlage für 1500 Euro je Kilowatt Leistung bekommen kann, was unter der Annahme einer Rendite von 7 Prozent für den Betreiber Stromgestehungskosten von 18 Cent ergäbe.

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