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Skimming : Datendiebstahl an Geldautomaten steigt an

  • -Aktualisiert am

PIN-Diebstahl mit einer versteckten illegalen Kamera Bild: dapd

Der Schaden durch Angriffe auf Geldautomaten war im vergangenen Jahr rund 20 Millionen Euro höher als 2009. Erstmals sind auch Fahrkartenautomaten und Tankstellen betroffen gewesen. Die Täter stammten meist aus Rumänien und Bulgarien.

          Die Plünderung von EC- und Kreditkarten durch Kriminelle hat deutlich zugenommen. Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, teilte am Dienstag in Berlin mit, der Schaden durch Angriffe auf Geldautomaten habe im vergangenen Jahr 60 Millionen Euro betragen. Das waren rund 20 Millionen Euro mehr als im Jahr 2009. Bei diesen „Skimming-Attacken“ kopieren Straftäter heimlich die Kontodaten von Bankkunden - etwa durch einen unauffälligen Vorsatz vor dem Kartenschlitz. Zudem spähen sie die Geheimnummer (Pin) aus, beispielsweise durch versteckte Minikameras im Rauchmelder oder hinter einem kleinen Loch in einer Sichtblende. Aber auch täuschend echt wirkende Auflagen für die Tastatur kommen zum Einsatz.

          Die abgeschöpften Daten werden dann auf Plastikrohlinge („White Plastics“) mit Magnetstreifen kopiert. Die Täter gehen arbeitsteilig ans Werk: Einer späht die Kontodaten aus, ein anderer überträgt sie auf die Rohlinge, ein Dritter hebt schließlich das Geld ab. Diese Banden kommen fast ausschließlich aus Südosteuropa, wie Ziercke sagte - vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Nach den Erfahrungen der Polizei bevorzugen sie gefälschte Debitkarten, die sie selbst herstellen. Gestohlene EC- und Kreditkarten würden nämlich sofort gesperrt und damit für die Kriminellen unbrauchbar, sobald der Inhaber den Diebstahl bemerkt.

          Wochenlang „angezapft“

          Erst im April hob die Polizei in Hessen eine „Skimming-Werkstatt“ von rumänischen Kartenfälschern aus, wie Ziercke berichtete. Nicht erklären konnte er allerdings, warum Verbraucherschützer immer wieder von Fällen berichten, in denen mit gestohlenen Karten Geld abgehoben wird - auch wenn die Kontoinhaber glaubwürdig versichern, die Pin-Nummer nicht bei sich getragen zu haben und auch nicht ausspioniert worden zu sein, weil sie die Karte kurz zuvor gar nicht benutzt haben.

          Das Lesegerät ist eine Attrappe und fällt dem unkundigen Bankkunden in der Regel nicht auf

          Im zweiten Halbjahr 2010 wurden erheblich weniger „Skimming-Attacken“ auf Geldautomaten registriert, nachdem „eine bundesweit vertretene Bank“ mehrere hundert Maschinen älterer Bauart ausgetauscht hat. Dennoch wurden im vergangenen Jahr rund 190.000 Kartenkunden Opfer solcher Delikte. Der „Abgriff“ der Daten an Türöffnern in Bankfilialen ist dagegen außer Mode gekommen. Der Grund: „Viele Geldinstitute haben diese Vorrichtungen abgeschaltet und lassen die Türen jetzt einfach offenstehen“, sagte Hans-Werner Niklasch, Geschäftsführer eines Gemeinschaftsunternehmens der deutschen Kreditwirtschaft namens Euro-Kartensysteme.

          Einen weiteren Trend nannte Ziercke: „weg vom Geld- hin zum Tank- und Bahnautomaten“. So wurden vor einigen Wochen erstmals Fälle bekannt, in denen Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn manipuliert wurden; die mit diesen Daten erzeugten Kartenattrappen wurden dann zum Geldabheben in Slowenien eingesetzt. Vor wenigen Monaten beobachtete die Polizei erstmals, dass Tankautomaten zur Selbstbedienung wochenlang „angezapft“ wurden. Hier floss das Geld nach Kolumbien und in die Vereinigten Staaten. Kartendubletten wurden aber auch erzeugt, indem in Supermärkten Kassen manipuliert wurden; diese leiteten dann die Kontodaten automatisch über eine Telefonleitung an die Betrüger. Eine weitere Methode besteht in Angriffen von Computerhackern auf Dienstleister, die Abrechnungen erstellen. Allein von einem Fall in Spanien waren laut Ziercke 300.000 deutsche Kunden betroffen.

          Weil seit Jahresbeginn in Europa Transaktionen mit Zahlungskarten zusätzlich durch einen Computerchip geprüft werden, heben die Datendiebe das Geld zunehmend in Ländern wie Südafrika, Kenia oder der Dominikanischen Republik ab. Ziercke appellierte daher abermals an die Banken, den Magnetstreifen nur noch dann zu aktivieren, wenn der Karteninhaber ins außereuropäische Ausland reist. Auch in eigener Sache zeigte sich das BKA sicherheitsbewusst: Zeitungsjournalisten mussten vor der Pressekonferenz „aus Sicherheitsgründen“ ihre Mobiltelefone und Laptops abgeben, um unzulässige Aufnahmen zu verhindern. Im Saal wimmelte es dagegen von Kameras und Mikrofonen der Rundfunksender.

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