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Skandale überall : Schützt uns vor Verbraucherschützern!

Bild: F.A.Z.-Thilo Rothacker

Verbraucherschützer führen sich als Retter der Menschheit auf. Dabei füttern sie uns mit Pseudoskandalen und Binsenweisheiten. Wenn sich kein Skandal findet, dann wird einer inszeniert.

          4 Min.

          Verbraucherschützer haben den tückischsten Ort auf Erden ausgemacht - es ist der Supermarkt. Sein Vergehen: Er bietet die Ware der tendenziell bösartigen Industrie möglichst verführerisch an, damit er Geld verdient. Geschröpft wird dabei der Kunde. Abgezockt, beschummelt, getäuscht.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So suggeriert uns das Heer der Verbraucherlobbyisten. Zur Untermauerung des Feindbildes warnen sie unermüdlich vor dem Übel an der Warentheke und vor Etikettenschwindel. Keine Woche vergeht ohne Entlarvung angeblicher Mogelpackungen, versteckter Dickmacher oder ohne Sonderangebote, die keine sind. Aufklärung des Kunden nennen sie das dann. Tatsächlich aber ist das eine Entmündigung des Bürgers.

          Wollen wir im 21. Jahrhundert einkaufen wie in Nordkorea? Nein, wir sind aufgeklärte Kunden. Wir wissen um die Finessen der Werbung. Wir erkennen, wo man uns verführen will. Deshalb ist der Supermarkt keine "Einkaufsfalle", wie sich die Verbraucherzentrale Hamburg empört. Wie kommt sie auf die Idee? Weil dort "nichts mehr dem Zufall überlassen" bleibe, weil wir "ganz unbemerkt zum unkontrollierten Kaufen angeregt werden". Gut so!

          Bild: F.A.Z.

          Zucker ist Teufelszeug

          Auch ich unterliege diesem Mechanismus gelegentlich. Dann kaufe ich ein Sushi-Pack, obwohl ich Nudeln kochen wollte. Oder die Kinder erbetteln sich ein Überraschungsei, obwohl ich weiß, dass sie von der Extraportion Milch und Kakao nicht stark werden, sondern dick. Dafür erkaufe ich mir eine Stunde Ruhe, in der sie sich mit Billigspielzeug unterhalten.

          Woche für Woche verkaufen Verbraucherschützer uns für dumm. Ist die Großpackung Merci teurer als die Einzelpackung, dann ist das "irreführend", weil der Kunde von Familienpacks erwarte, dass sie günstiger seien. Bietet ein Hersteller einen Schokoriegel in kleineren Einheiten an, wiegt dieses Vergehen doppelt schwer, da der Kunde nicht nur weniger Gramm pro Riegel bekommt, sondern jedes Gramm auch noch teurer ist als im dicken Riegel. Der aber enthält insgesamt zu viel Zucker, und das ist Teufelszeug. Die verhasste Zutat entdecken die Schützer überall: in Fruchtzwergen, Säften, Schokolade, Bio-Limos. Ja, irgendwoher muss die Süße ja auch kommen. Trotzdem zahlen wir für diese Art unnützer Lebenshilfe - mit unseren Steuergeldern: 70 Millionen Euro erhielten die Verbraucherzentralen 2008 von Bund, Ländern und Kommunen. Und was machen sie damit? Sie richten Tagungen für Tierschutz und klimaverträgliche Tierhaltung aus. Ist das Verbraucherschutz?

          Vor wem schützen sie mich denn? Vor Limonaden, die nicht nach Wasser schmecken. Vor Unternehmen, die Gewinne machen wollen und deshalb die Preise raufsetzen oder die Packungsgröße verkleinern und das als "Relaunch" feiern wie Philadelphia. Frech ist das, aber banal. Ich muss Philadelphia ja nicht kaufen, auch keine ESL-Milch, den Aufreger der vergangenen Wochen (siehe ) . Die schmeckt wie frische, wird aber anders hergestellt. Auch wir haben uns gewundert über die neue Milch, die vier Wochen haltbar ist. Dann aber festgestellt: Ist okay, schmeckt wie frische. Wer lesen und rechnen kann, findet allein heraus, was die Anwälte der Entrechteten uns als Skandal verkaufen wollen.

          Gesunder Menschenverstand genügt - für Einkäufer wie Geldanleger, das jüngste Betätigungsfeld der Verbraucherschützer. Wer sein Vermögen jemandem anvertraut, der es in einem Jahr zu verdoppeln verspricht, dem ist nicht zu helfen. Hohe Rendite bedeutet hohes Risiko, das weiß jeder Anleger. Auch die Rechnung mit Zins und Zinseszins ist kein Hexenwerk.

          Und wer zu den Verbraucherschützern rennt, um sich für die nächste Finanzkrise zu wappnen, dem sei gesagt: Es ist vergebens. Sie haben die Gift-Papiere nicht erkannt. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Trotzdem spielt die Bankenkrise ihnen in die Hände. Der Andrang Ratsuchender in Finanzfragen ist so groß, dass man die Zahl der Verbraucherzentren verdoppeln müsse, fordert Verbandsvorstand Gerd Billen. Und doppelt so viele Anlaufstellen benötigen fast viermal so viel Geld - nämlich 245 Millionen Euro.

          Bei Foodwatch sorgt Ex-Greenpeace-Chef Bode für die Schlagzeilen

          Natürlich gibt es Trickser und Betrüger und Gauner, vor denen wir geschützt werden wollen. Das ist die Aufgabe des Staates. Deshalb gibt es ein Gesundheitsministerium, ein Verbraucherministerium, ein Institut zur Risikoermittlung, Lebensmittelkontrolleure, die Finanzaufsicht Bafin und einen Haufen anderer Institutionen. Leider übersehen die manche Missstände, leider hinkt die Gesetzgebung oft hinterher. Aber es waren nicht die Verbraucherschützer, die BSE entdeckt haben. Die Aufdeckung des Gammelfleisch-Skandals geht ebenso wenig auf ihr Konto wie die von Analog-Käse. Das haben staatliche Behörden entdeckt. Wozu also finanzieren wir 1000 Verbraucherschützer? Gedacht war das nicht so. Vor 50 Jahren haben Frauenverbände die Verbraucherzentrale gegründet. Die Mitarbeiter waren ehrenamtlich, informierten über neue Haushaltsgeräte und "Brötchen in der Bratwurst". In den 80er Jahren erkämpften sie sich Festanstellungen und die Befugnis zur Rechtsberatung und arbeiten sich nun Branche um Branche vor: Gesundheit, Energie, Ernährung und Nachhaltigkeit stehen ganz oben auf der Agenda.

          Um ihre Existenz zu rechtfertigen, reden sie uns nun ein, die Welt der Produkte sei so kompliziert, dass wir jemanden brauchen, der für uns prüft, denkt und entscheidet, bevor wir etwas kaufen. Der ständig warnt: Fallt nicht auf die Werbung herein.

          Und wenn sich kein Skandal findet? Dann wird einer inszeniert. Das ist das Geschäftsmodell der privaten Konkurrenz: Neben der staatlich subventionierten Stiftung Warentest gibt es längst Ökotest und Foodwatch, wo der gewiefte Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode für die Schlagzeilen sorgt. Aufreger beflügeln den Absatz am Kiosk, also sucht man nach Giftstoffen, und sei die Dosis noch so minimal. Pestizide in Kirschen, Blei im Spielzeug, irgendetwas, das im Verdacht steht, Allergien hervorzurufen oder Krebs. Vor Bionade hat Ökotest 2008 gewarnt wegen hoher Nickelwerte - und Nickel ist ein Reizwort bei Allergikern. Was dabei unterschlagen wurde: Die Nickeldosis einer Flasche ist geringer als die in einem Apfel.

          Wollen wir uns entmündigen lassen? Können wir keinen Handytarif mehr eigenständig auswählen, keinen Kleiderschrank? Muss ich 1500 Stromtarife kennen, um im Jahr 20 Euro zu sparen? "Verbraucher sein nimmt für Familien die Dimension eines Vollzeitjobs ein", klagt Verbraucherschützer Billen. Das mag ich nicht einsehen. Ich komme ganz gut alleine klar.

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