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Skandale überall : Schützt uns vor Verbraucherschützern!

Gesunder Menschenverstand genügt - für Einkäufer wie Geldanleger, das jüngste Betätigungsfeld der Verbraucherschützer. Wer sein Vermögen jemandem anvertraut, der es in einem Jahr zu verdoppeln verspricht, dem ist nicht zu helfen. Hohe Rendite bedeutet hohes Risiko, das weiß jeder Anleger. Auch die Rechnung mit Zins und Zinseszins ist kein Hexenwerk.

Und wer zu den Verbraucherschützern rennt, um sich für die nächste Finanzkrise zu wappnen, dem sei gesagt: Es ist vergebens. Sie haben die Gift-Papiere nicht erkannt. Das ist auch nicht ihre Aufgabe. Trotzdem spielt die Bankenkrise ihnen in die Hände. Der Andrang Ratsuchender in Finanzfragen ist so groß, dass man die Zahl der Verbraucherzentren verdoppeln müsse, fordert Verbandsvorstand Gerd Billen. Und doppelt so viele Anlaufstellen benötigen fast viermal so viel Geld - nämlich 245 Millionen Euro.

Bei Foodwatch sorgt Ex-Greenpeace-Chef Bode für die Schlagzeilen

Natürlich gibt es Trickser und Betrüger und Gauner, vor denen wir geschützt werden wollen. Das ist die Aufgabe des Staates. Deshalb gibt es ein Gesundheitsministerium, ein Verbraucherministerium, ein Institut zur Risikoermittlung, Lebensmittelkontrolleure, die Finanzaufsicht Bafin und einen Haufen anderer Institutionen. Leider übersehen die manche Missstände, leider hinkt die Gesetzgebung oft hinterher. Aber es waren nicht die Verbraucherschützer, die BSE entdeckt haben. Die Aufdeckung des Gammelfleisch-Skandals geht ebenso wenig auf ihr Konto wie die von Analog-Käse. Das haben staatliche Behörden entdeckt. Wozu also finanzieren wir 1000 Verbraucherschützer? Gedacht war das nicht so. Vor 50 Jahren haben Frauenverbände die Verbraucherzentrale gegründet. Die Mitarbeiter waren ehrenamtlich, informierten über neue Haushaltsgeräte und "Brötchen in der Bratwurst". In den 80er Jahren erkämpften sie sich Festanstellungen und die Befugnis zur Rechtsberatung und arbeiten sich nun Branche um Branche vor: Gesundheit, Energie, Ernährung und Nachhaltigkeit stehen ganz oben auf der Agenda.

Um ihre Existenz zu rechtfertigen, reden sie uns nun ein, die Welt der Produkte sei so kompliziert, dass wir jemanden brauchen, der für uns prüft, denkt und entscheidet, bevor wir etwas kaufen. Der ständig warnt: Fallt nicht auf die Werbung herein.

Und wenn sich kein Skandal findet? Dann wird einer inszeniert. Das ist das Geschäftsmodell der privaten Konkurrenz: Neben der staatlich subventionierten Stiftung Warentest gibt es längst Ökotest und Foodwatch, wo der gewiefte Ex-Greenpeace-Chef Thilo Bode für die Schlagzeilen sorgt. Aufreger beflügeln den Absatz am Kiosk, also sucht man nach Giftstoffen, und sei die Dosis noch so minimal. Pestizide in Kirschen, Blei im Spielzeug, irgendetwas, das im Verdacht steht, Allergien hervorzurufen oder Krebs. Vor Bionade hat Ökotest 2008 gewarnt wegen hoher Nickelwerte - und Nickel ist ein Reizwort bei Allergikern. Was dabei unterschlagen wurde: Die Nickeldosis einer Flasche ist geringer als die in einem Apfel.

Wollen wir uns entmündigen lassen? Können wir keinen Handytarif mehr eigenständig auswählen, keinen Kleiderschrank? Muss ich 1500 Stromtarife kennen, um im Jahr 20 Euro zu sparen? "Verbraucher sein nimmt für Familien die Dimension eines Vollzeitjobs ein", klagt Verbraucherschützer Billen. Das mag ich nicht einsehen. Ich komme ganz gut alleine klar.

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